Mehr Amerika nach Österreich

MEHR AMERIKA NACH ÖSTERREICH

Auszüge aus einem Interview mit Dr. Mario Herger in der Plattform HELDEN VON HEUTE  https://helden-von-heute.at/mario-herger/

Foto: Mario Herger

Der gebürtige Wiener Mario Herger lebt seit 2001 im Silicon Valley in Kalifornien (USA). Dort hat der technische Chemiker zuerst einen Teil seiner österreichischen Mentalität abgelegt – um jetzt dafür zu kämpfen, die amerikanische nach Österreich zu bringen und die Österreicher selbstbewusster und kreativer zu machen.

Du hast 2012 ein StartUp-Center gegründet?

Ja. Mit anderen Österreichern haben wir das Austrian Innovation Center Silicon Valley gegründet. Wir verbinden dabei Startups und Unternehmen aus Österreich mit dem Silicon Valley. Wir veranstalten kleine Konferenzen und Workshops im Silicon Valley mit Vortragenden aus verschiedenen Bereichen, von Startups, grösseren Unternehmen, Venture Kapitalisten, oder Universitäten. Im Mai 2014 brachten wir Sprecher aus dem Silicon Valley, Israel, und sogar Singapore nach Wien um vor Ort ein bisschen den Spirit zu zeigen. 

Mittlerweile haben wir den Namen auf Innovation Center Europe geändert, weil wir sehr viel Interesse von anderen Ländern gesehen haben.

Woher bekommst du die Kontakte?

Ich rede mit Firmen, mit Regierungsstellen. Ich bin mehrmals im Jahr in Österreich, um Kontakte zu pflegen – man kennt uns mittlerweile. Ich verbinde Leute, vernetze mich, schreibe viele Mails. Nach diesem Interview zum Beispiel gehe ich nach Stanford und treffe einen österreichischen Doktoranden im Robotics Lab, am Abend bin ich bei Startups im französischen TechHub in San Francisco.

Ich will das offene Denken in Österreich stärker verankern.

Was willst du damit bezwecken?

Ich war bis zu meinem 28. Lebensjahr in Wien. Ich komme aus einer typischen Arbeiterfamilie. Ich bin im 7. Bezirk ins Gymnasium gegangen, nach der Matura an die TU Wien, habe dort in 4 Jahren mein Studium der technischen Chemie abgeschlossen und dann Doktorat gemacht. Den typischen österreichischen Werdegang.

Mittlerweile bin ich im Silicon Valley, habe in mehreren Ländern gelebt, habe viele Kulturen näher kennengelernt. Ich war beruflich immer in internationalen Teams. Von 10 Leuten haben 9 Personen einen anderen kulturellen Hintergrund gehabt und insgesamt wurden 15 Sprachen gesprochen. Das erfordert ein anderes Denken. Dieses offene Denken will ich auch in Österreich noch stärker verankern helfen.

Wie kommt man als technischer Chemiker in den Softwarebereich?

Ich habe schon als Kind auf dem Commodore64 programmiert. Daher rührt mein Interesse für Software. Und die technische Seite kam von meinem Studium. Also begann ich bei einer IT-Firma in Heidelberg. Ich habe es dort durchgebracht, dass wir unser Team nach Palo Alto (im Silicon Valley in Kalifornien, Anm.) erweitern. Das war eine recht turbulente und spannende Zeit.

Wie waren deine ersten Eindrücke von Amerika?

Ich bin zwei Wochen nach dem 11. September 2001 (Anschläge World Trade Center, Anm.) hingeflogen. Es gab plötzlich mehr Sicherheitschecks, und die waren chaotisch. Es hat in den USA nichts mehr so funktioniert, wie vor den Anschlägen.

Das lustigste Erlebnis war 2001 im November, in San Antonio in Texas: Ich hatte noch keinen kalifornischen Führerschein, das dauerte mit Backgroundchecks etwas länger. Also habe ich bei der Sicherheitskontrolle für einen Inlandsflug meinen österreichischen Reisepass vorgezeigt. Da sagt der Security-Mitarbeiter auf Deutsch, mit Frankfurter Akzent zu mir: “Sie sind der erste Österreicher hier.” Er war vom deutschen Bundesgrenzschutz. Die USA haben befreundete Staaten gebeten, Beamte abzustellen, um ihnen zu helfen, das Security System neu aufzubauen. Da stand ich also in Texas und wurde von einem Beamten des Bundesgrenzschutz aus Frankfurt kontrolliert (lacht).

Gemeinsam fremd in der fremden Welt.

Worin liegt der größte Unterschied zwischen Österreich und dem Silicon Valley?

Eine spannende Frage. Genau damit habe ich mich 2007 in meinem Kabarett-Programm gewidmet.

Warte kurz: Du hast auch noch Kabarett gemacht?

Ja, das Programm hieß “Nix wie Herger in Amerika” und ich sprach über den Vergleich Österreich und Amerika. Der Österreicher – oder Europäer – hat eine gewisse Grundskepsis. Die erste Reaktion ist immer zurückhaltend. Eine neue Idee wird als bedrohlich wahrgenommen. Man investiert also Energie, um vorrangig mal die Fehler zu finden.

In den USA wurde für mich plötzlich alles möglich.

Ich fasse zusammen: Technischer Chemiker, Softwarespezialist, Autor – wieso auch noch Kabarett?

Weil es mich interessiert hat. In Österreich hätte ich mich das nie getraut, da heißt es: Man muss für so etwas geboren sein.

In den USA lautet die Devise: Du kannst alles lernen! Also habe ich mich mit dem Thema Humor beschäftigt, mir Bücher gekauft, bin einem Speaking-Club beigetreten und habe geübt. Ich habe gelernt, wie man eine Rede hält, wie man eine Konferenz moderiert, wie man improvisiert. Es gab einen Humorous-Contest – nichts anderes als Kabarett. In den USA wurde für mich plötzlich alles möglich.

Aber gewisse Dinge kann man doch nicht einfach so lernen. Ich zum Beispiel – ich kann nicht zeichnen. Habe es oft probiert, aber ich habe kein Talent dafür.

Da muss man differenzieren: Talent oder Skill. Talent ist in gewisser Weise etwas Angeborenes. Aber auch hier sagen die Amerikaner: Du kannst das! In den USA spielen die Menschen mit Ideen. Überleg dir mal: Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass ein Dienst erfolgreich sein könnte, mit dem man 140-Zeichen-Messages posten kann? (Twitter, Anm.) Oder, dass ein Glasbläser aus Texas das Zahlungssystem revolutionieren kann? (Square, Anm.) Man stelle sich vor, ein Glasbläser aus Tirol würde das Bankenwesen in Österreich ändern wollen. Auf die Reaktionen wäre ich gespannt. In Amerika kann jeder, der den Willen und die Ausdauer hat, etwas schaffen. Und das ist meine Aufgabe: Wie können wir diesen Spirit nach Österreich bringen?

Ja, wie denn?

Ein Beispiel: Ich bin prinzipiell mit jedem per Du – ich gebe bewusst nichts auf Titel. Auch nicht auf meinen. Es ist egal, was du in der Vergangenheit geleistet hast, das Jetzt zählt. Man muss Respekt vor allen Menschen haben. Und man braucht Flexibilität. Die Infrastruktur unterstützt mich dabei. Wenn ich rund um die Uhr einkaufen kann, muss ich mich nicht in ein enges Korsett von vorgegebenen Bürostunden zwängen. In Amerika kann ich auch am Sonntag einkaufen.

In Österreich sieht man Dinge viel zu oft aus der alten Denkweise. Wir denken, dass das was wir kennen, das Richtige ist. Und das sage ich, als jemand der in einer sozialistischen Familie aufgewachsen ist. Ich verstehe beide Seiten.

Also braucht es dringend andere Strukturen, kein 9-to-5?

Es braucht Arbeitszeiten, die Freiraum lassen. Zum Beispiel sollte man auch in der Nacht arbeiten können, um unter Tags zu studieren. Es gibt viele Jobs in der immer größer werdenden Kreativindustrie – in dieser Branche kann man nicht nur von 9 Uhr bis 17 Uhr arbeiten.

Man kann Kreativität nicht per Gesetz verordnen.

Menschen sind zu unterschiedlichen Zeiten kreativ und produktiv. E-Mails nach 18 Uhr sperren, was soll das? Wie soll man in einem globalen Unternehmen kommunizieren? Ich mag zwar um 6 Uhr Früh in einer Telefonkonferenz mit Europa sein, dafür bin ich um 10 Uhr am Vormittag im Kaffeehaus und lese Zeitungen oder mache Besorgungen. Was letztendlich zählt, ist das Ergebnis – nicht ob mein Körper in einem bestimmten Zeitraum an einem Arbeitsplatz vorzufinden war.

Was schlägst du vor?

Wir müssen gegenüber anderen Modellen toleranter werden. So hat ein Professor (Richard Florida) entdeckt, dass innovative Regionen zugleich große Homosexuellen-Communities haben. Nicht etwa, weil Homosexuelle per se kreativer wären, sondern weil in solchen Gesellschaften mehr Toleranz für Leute mit anderen Lebensstilen, kulturellen Hintergründen und damit auch Ideen vorherrscht.

Erst das Aufeinanderprallen verschiedener Ideen führt zu Innovation.

Also müssen wir lösungsorientierter denken?

Nein! Es wird viel zu schnell in Lösungen gedacht. Dabei wissen wir oft nicht einmal, ob wir das richtige Problem lösen. Beispiel: Du gehst zum Arzt, weil du einen Ausschlag hast. Du wirst eine Creme bekommen. Damit geht der Ausschlag weg – aber nicht das Problem, warum du einen Ausschlag bekommen hast. Man müsste fragen: woher kommt der Ausschlag, warum bekommst du einen Ausschlag? Dann sieht man, dass das Problem ein anderes ist – und es eine andere Lösung braucht.

In Europa werden die negativen Seiten Amerikas oft breit getreten. Warum?

Weil es einfacher ist, sich an den negativen Dingen aufzuhängen. Es heißt ja immer, die Leute in den USA seien zu oberflächlich. Ich muss sagen: Mir ist oberflächliche Freundlichkeit lieber, als ehrlich gemeinter Grant.

Wie gehst du mit Negativität um?

Mit negativer Kritik killt man Kreativität, deswegen bin ich da sehr vorsichtig. Wenn, dann möchte ich das “Ja, und” hören, nicht das “Ja, aber”.

Die meisten Kritiker wollen nur schlau wirken. Zu enthusiastisch oder positiv sein, gilt als naiv.

Kritisieren hingegen soll zeigen, dass man sich damit beschäftigt und die kritischen Punkte entdeckt hat. Man will smart sein. Das ist häufig der Grund vieler Zwischenrufe bei Vorträgen. Eine Kritik ist angebracht, wenn man neue Ideen mitliefert. Plumpes Kritisieren bringt nichts. Das empfinde ich als unehrliche Diskussion. Letztendlich gilt für mich: am Ende meines Lebens will ich zurückschauen können und stolz sein. Ich will stolz sein auf das, was ich bewirkt habe, nicht auf das was ich verhindert habe.

In Österreich und Deutschland spart man nicht gerade mit Kritik.

Das ist das Problem. In den USA machen sie facebook – in Österreich verklagen sie facebook.

So sehr man das Thema Datenschutz auch ernst nehmen muss. Aber ich kenne das. Ich war in Österreich ganz anders. Ich habe in den USA einen totalen Wandel durchgemacht, deswegen verstehe ich das. Deshalb versuche ich, dieses Denken nach Österreich zu bringen, zu zeigen: Schau, es gibt so viel Potenzial! Warum trauen wir uns nicht zu, etwas Großes zu machen? In Österreich gibt es genügend Talente, es gibt Wissen und eine super Ausbildung. Den Leuten muss klar werden, dass jeder Einzelne etwas beitragen kann. Und man darf sich trauen und die anderen dürfen durchaus helfen und sei es mit Feedback.

Wie definierst du Helden und siehst du dich als Held?

Ich sehe mich nicht als Held. Klar, in den USA ist man solche tragenden Begriffe gewohnt. Das Selbstverkaufen ist hier wichtig. Aber es gibt so viele unterschiedliche, tolle Menschen. Da gibt es StartUp-Gründer, die können nicht alleine existieren, also brauchen sie Leute, die sie supporten. Dann gibt es Menschen, die vernetzen, über tolle Ideen sprechen und andere auf diese Ideen aufmerksam machen. Dann gibt es jene, die Leute ausbilden und lehren. Jeder hat seine Rolle und die ist nie fix. Wir springen alle hin und her. Auch ein Steve Jobs konnte nicht alleine im Vakuum operieren. Deshalb ist jeder wichtig.

Hast du einen abschließenden Tipp parat?

Versuche, deine Person als StartUp zu sehen und versuche einen Satz zu finden, der dich treffend beschreibt. Mach einen Pitch über dich.

Mein Satz: I help people to make work more fun.

 

Mehr über Mario Herger:

http://www.enterprisegarage.io/

https://dassiliconvalleymindset.com/

 

Dr. Mario Herger kommt im Juni 2020 ins Römerland Carnuntum:

https://www.clubofrome-carnuntum.at/event/5-zukunftsrat/

Autonom & vernetzt: Mobilität auf den Punkt gebracht

Die Zukunft ist näher als wir denken:

Autonom & vernetzt: Mobilität auf den Punkt gebracht

Bricht die Mobilitätsrevolution nun an? Zumindest klingt die Mobilität der Zukunft für Nutzerinnen und Nutzer ziemlich verlockend: Schneller, günstiger, komfortabler und umweltfreundlicher von A nach B kommen. Mobility as a Service (MaaS) heißt die Zauberformel, die künftig für ein solches Fort- und Ankommen verantwortlich sein soll.

MaaS kann man getrost als weiteren skandinavischen Exportschlager im Verkehrsbereich betrachten. Ein eigenes Auto? Nicht mehr nötig. Idealerweise genügte eine einzige App, die von Leihfahrzeugen über den öffentlichen Nahverkehr bis hin zu Mitfahrdienst, vom Zug, Flugzeug bis zum Robo-Taxi alle Angebote nahtlos miteinander verknüpft.

Autonomes Fahren und Rundum-Mobilitäts-lösungen stehen vor dem Durchbruch, digitale Anbieter, von etablierten Dienstleistern bis zu kleinen Tech-Start-ups stellen nach einigen Jahren des Experimentierens nun die Weichen dafür. Für die Umsetzung unverzichtbar: Die öffentliche Hand, Infrastruktur- und Verkehrsbetreiber, Industrie und natürlich die Forschung.

So nimmt beim Thema MaaS auch das Bundesministerium für Verkehr, Technologie und Innovation (BMVIT) eine zentrale, betreiberübergreifende Rolle ein. Über die bei der Austria Tech angesiedelten Plattform ITS Austria arbeitet das Ministerium am notwendigen Rahmen zur Umsetzung einer umfassenden Vernetzung im Verkehrsbereich. Berücksichtigt werden dabei alle nationale Strategien, eine Arbeitsgruppen hat den Status-quo sowie Handlungsempfehlungen für eine Umsetzung von MaaS made in Austria (MaaS miA) erarbeitet.

Ergebnisse davon wurden jüngst im Rahmen einer Konferenz im BMVIT präsentiert. „Mit diesem Konzept wird das Thema erstmals österreichweit und gesamthaft betrachtet. Es ist uns wichtig, einen Gestaltungspfad vorzuschlagen, der sowohl die öffentliche Hand als auch Anbieter von Mobilitäts-services unterstützt und einen Rahmen zur Umsetzung bietet“, erklärt Franz Schwammenhöfer, Leiter der Abteilung Gesamtverkehr im BMVIT und Leiter der Arbeitsgruppe MaaS miA.

Mit MaaS zur Mobilitätsgarantie

Rund 160 Experten tauschten sich einen Tag lang zu aktuellen Entwicklungen im Bereich intelligenter, kooperativer Verkehrssysteme aus. Wie kann MaaS gemeinsam weiterentwickelt werden, was braucht es zur Bündelung von Carsharing-, Fahr-, Park-und Ladedienste?

Lexikon: Das MaaS-Konzept stammt aus Finnland, wo es bereits eine Schlüsselrolle in der nationalen Verkehrspolitik spielt. MaaS soll den Transport mit eigenen Fahrzeugen durch ein auf den Kundenbedarf abgestimmtes Angebot verschiedener Mobilitätsdienste ersetzen. Mobilitätsdienste können verschiedenen Anbietern bereitgestellt werden und sollen als ein kombinierter, multimodaler Service angeboten und abgerechnet werden.

„Unser Ziel ist es, dafür ein Mobilitätsgütesiegel zu schaffen. Die Verkehrsteilnehmer sollen ein umfangreiches, diskriminierungsfreies Mobilitätsangebot erhalten, auf das sie sich immer verlassen können. Dazu ist es nötig, Prozesse zu definieren, wie die Qualität der Daten und Dienste zu überprüfen und zu monitoren ist.“, sagt Schwammenhöfer. Das Konzept enthält daher 13 Handlungsempfehlungen für Zugangsregelungen für MaaS-Anbieter.

Dabei werden sowohl rechtliche und organisatorische Aspekte aufgegriffen, als auch technische Aspekte für das Schaffen von einheitlichen Schnittstellen und welche Zugangsregeln zu Daten und Diensten zu definieren sind. Ziel ist es, ein MaaS-System zu etablieren, das ein sicheres, effizientes und leistbares Mobilitätsangebot auch in peripheren Gebieten garantiert und sich alle Angebote auf demselben Qualitätslevel befinden.

Zugang zu Mobilitätsangeboten neu gestalten

Unter Mobilität als Service versteht man eine nutzerorientierte, intermodale Dienstleistung, die bestehende Angebote von verschiedenen Mobilitätsanbietern in nur einem Service vereint. Über diesen einen Service können im Idealfall sämtliche Reiseinformationen angeboten sowie Buchung, Reservierung und Bezahlung in Einem abgewickelt werden. In Österreich wurden dazu schon verschiedene Vorarbeiten geleistet, etwa die Gründung der Verkehrsauskunft Österreich oder die Implementierung einer Graphenintegrationsplattform.

Bisher bestand allerdings kein einheitlicher Ansatz zum Ausrollen von MaaS in Österreich und auch die Zielsetzungen der einzelnen Mobilitätsbetreiber unterschieden sich oftmals. Ziel der Arbeitsgruppe MaaS miA war es nun, ein österreichisches Bild zur Umsetzung von Mobilität als Service zu erarbeiten. In der Arbeitsgruppe vertreten sind unter der Leitung des BMVIT neben der AustriaTech auch österreichische Mobilitätsanbieter von der ÖBB über ASFINAG bis zu den Verkehrsverbünden der Länder.

„Wichtig war das gemeinsame Bekenntnis aller Beteiligten und eine technologieunabhängige Betrachtung, um einen allgemein gültigen Rahmen schaffen zu können.“, betont Martin Böhm, Businessunit-Leiter bei der AustriaTech. Definiert wird der Rahmen anhand der MaaS miA-Readiness-Levels. Von Level 0 bis Level 3 werden die unterschiedlichen Integrationsstufen, die Rolle der öffentlichen Hand und die rechtlichen und technologischen Rahmenbedingungen aufgeführt. Damit soll sichergestellt werden, dass die Entwicklung von MaaS-Systemen schrittweise und aufbauend erfolgen kann. Die MaaS miA-Readiness-Levels ermöglichen somit auch eine Selbsteinstufung für einzelne Mobilitätsanbieter, um ihre individuell entwickelten Services problemlos unter den definierten Bedingungen in ein MaaS-System zu integrieren.

Der Vorteil ist, dass die Services damit besser mit anderen Angeboten verknüpfbar sind und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Verkehrsteilnehmer optimal unterstützt werden können – und das nicht nur im urbanen Raum mit ohnehin gutem öffentlichen Verkehrsangebot, sondern auch in ländlichen Gegenden.

Zum ersten Mal wurden auf der ITS Austria auch die beiden neuen Leitprojekte Ultimob und Domino aus der BMVIT-Ausschreibung Mobilität der Zukunft – Personenmobilität vorgestellt. Beide Förderprojekte beschäftigen sich mit integrierten Mobilitätslösungen und werden diese in verschiedenen Pilot-Regionen in Österreich auch testen.

Ein weiterer Schwerpunkt, der seitens der ITS Austria bereits 2018 gestartet wurde, ist das Ausrollen von C-ITS. Hierzu präsentierte die ASFINAG auf der Konferenz nochmals ihre aktuellen Maßnahmen, wie C-ITS am hochrangigen Straßennetz mit 2020 ausgerollt werden soll. Damit die Infrastruktur und moderne Fahrzeuge künftig schnell und sicher miteinander kommunizieren können, werden Autobahnen und Schnellstraßen bis 2023 mit einem speziellen WLAN für die Fahrzeugkommunikation ausgerüstet.

Dazu werden bis zu 500 WLAN-Boxen in ganz Österreich installiert, die künftig wichtige Informationen aussenden und von WLAN-tauglichen Fahrzeugen auch empfangen werden können. So können von der ASFINAG vorzeitig Informationen zum Beispiel über Fahrstreifensperren, Baustellen, Tempolimits, Pannen oder Unfälle entlang der Strecke direkt ins Fahrzeug gesendet werden. Die Informationen werden von der ASFINAG durch die digitale Übertragung zum Fahrzeug in die jeweilige Herkunfts-Sprache übersetzt.

Wissensaustausch zum Automatisierten Fahren

Und das Automatisierte Fahren? Eine Studie offenbarte heuer, dass mehr als die Hälfte der Befragten in Österreich dieser Technologie gegenüber positiv eingestellt. Erste Technologien und Anwendungen sind auf diesem Feld bereits heute vorhanden. Neben privaten und öffentlichen Akteuren, die die Zukunft der Mobilität vorbereiten, wird demnach auch von großen Teilen der Bevölkerung in automatisierten Mobilitätslösungen viel Potential gesehen.

Vielfältige Projekte im Bereich selbstfahrender Fahrzeuge, Züge oder Drohnen werden durch das BMVIT gefördert. Dabei gilt es, automatisierte Technologien und Mobilitätsangebote so zu nutzen, dass die kommende Transformation in Richtung eines serviceorientierten und klimafreundlichen Mobilitätssystems sinnvoll unterstützt wird.

„Automatisierte Mobilität ist ein Teil der Mobilität der Zukunft“, so Michael Nikowitz, Koordinator für Automatisiertes Fahren im BMVIT. Gemeinsam mit der Elektrifizierung, der gemeinsamen Nutzung und der Vernetzung stellt sie so eine der wichtigen Säulen auf diesem Gebiet. Seit 2016 beschäftigt sich das BMVIT intensiv mit dieser Thematik. Der unglaublich rasche Technologiefortschritt bedarf hierbei ebenso schneller Reaktionen auch von Seiten der öffentlichen Hand. „Es ist ganz essentiell, dass wir uns mit der Thematik möglichst breit und interdisziplinär beschäftigen, um sicherzustellen, dass wir als Ministerium die richtigen Fragestellungen und Themen adressieren“, so Nikowitz weiter.

Die Austria Tech ist die Kontaktstelle zum Automatisierten Fahren des BMVIT. Gemeinsam hat man das Forum Automatisierte Mobilität ins Leben gerufen, einem jährlichen Symposium, welches heuer am 2. Oktober unter dem Motto CASE – ein automatisierter Fall für alle Fälle verschiedene Bereiche aufgriff, um die Entwicklung automatisierter Mobilität bestmöglich zu begleiten.

Das Forum ist Teil des Aktionspakets Automatisierte Mobilität und dient als wichtige Dialogveranstaltung, um von allen Akteuren von der Industrie, über Verwaltung und Wissenschaft bis zu Start-ups sowohl den neuesten Stand zu bekommen als auch kritisches Hinterfragen der Entwicklungen zu ermöglichen, wie Nikowitz betont.

Für ihn ist ein transparenter und objektiver Wissensaustausch unumgänglich, damit im Falle der Automatisierung nicht vergeblich an der Entwicklung von Lösungen gearbeitet und erst im Nachhinein erkannt wird, dass Best-Practice-Beispiele bereits verfügbar gewesen wären.

Neue automatisierte Mobilitäts-Services gelten als eine der Tech-Revolutionen im 21. Jahrhundert, die neben anderen Zweigen fortschreitender Digitalisierung von großem Einfluß auf unseren Alltag sein wird. Entwicklungen auf dem Gebiet der automatisierten Mobilität – seien es Assistenzsysteme in privaten Pkw, sogenannte Robo-Taxis oder fahrerlose öffentliche Verkehrsmittel werden unsere Mobilität und die Möglichkeiten des [Vor]Ankommens in Städten und auch im ländlichen Raum stark verändern.

Automatisiertes Fahren kann für mehr Verkehrssicherheit sorgen und ist zugleich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Schon jetzt sind österreichische Autozulieferbetriebe in vielen Bereichen des automatisierten Fahrens international gefragt. Das neue Aktionspaket Automatisierte Mobilität für den Zeitraum 2019-2022 setzt den Fokus auf Straße, Schiene und Luftfahrt (Drohnen). 65 Millionen Euro an Förderbudget stehen zur Umsetzung von 34 Maßnahmen im Bereich Technologieförderung, legislativer Anpassung, gesellschaftlicher Dialog, Einbindung der öffentlichen Hand und Aufbau der Kompetenz im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion bereit.

Quelle: https://infothek.bmvit.gv.at/maas-autonom-vernetzt-mobilitaet-punkt-its-austria/  (10-2019)

Szenarien für eine nachhaltige Zukunft …

Szenarien für eine nachhaltige Zukunft zwischen Wien und Bratislava (Marchfeld)

 Einführung

Der Universitätslehrgang ” Under pressure – Sustainable urban growth scenarios for a metropolitan corridor between Vienna and Bratislava”” zielte darauf ab, die soziale und ökologische Nachhaltigkeit der Stadtentwicklung in einem Gebietsauszug des Metropolraum Wiens zu thematisieren. In diesem Kurs entwickelten fünfzig internationale Studierende der TU Wien Raumplanung, Institute für Regionalplanung und Regionalentwicklung und des AMS Institute (Amsterdam Advanced Metropolitan Solutions), Programm MSc MADE insgesamt vierzig Szenarien für die Zukunft der urbanen Transformationszone entlang eines Eisenbahnkorridors im transnationalen Kontext (Strecke Wien-Bratislava über Marchegg). Die Studierenden wurden ermutigt, über den aktuellen Stand der räumlichen Entwicklung und gegeben Planungsinstrumentarien hinauszudenken um räumliche Bilder für die Zukunft des Gebiets zu entwickeln. Die Ergebnisse des Intensivworkshops, zwanzig ausgewählte Szenarien, zeigen eine frische und unkonventionelle Herangehensweise und die künftige räumliche Entwicklung auf. Unter Berücksichtigung von extremen Bedingungen zeigen die Projekte, welche Veränderungen dem Wandel zu einer nachhaltigen Lebensumfeld fördern könnte. Ziel ist es hierbei das „out of the box“ Denken zu fördern, gedankliche Grenzen aufgrund bestimmter Gegebenheiten zu überwinden um damit neue Denkprozesse und Lösungsansätze zu fördern.

Mit dem Ziel einen Beitrag zur Debatte der Bewältigung von zukünftigen Herausforderungen der Metropolregion zu leisten, werden die Ergebnisse der Workshop-Woche auf dieser Homepage vorgestellt.

 Gebiet

Auf lokaler Ebene konzentrieren sich die entwickelten Szenarien auf den Zugkorridor nördlich der Donau. Dieser Korridor durchquerte die transnationale Zone und verbindet die Städte Wien und Bratislava (über Marchegg). Im Jahr 2023 werden die laufenden Bauarbeiten für den Ausbau dieser Bahnstrecke abgeschlossen sein. Dies wird zu einer höheren Zugfrequenz und kürzeren Reisezeiten zwischen Wien und Bratislava führen. Die so genannte “Twin City Rail” wird schließlich zu einer besseren Anbindung und Erreichbarkeit der Gemeinden entlang des Korridors führen.

  Motivation

Ziel war es, eine Vielzahl von Zukunftsszenarien mit innovativen Lösungen zu entwickeln, um zur Debatte über die Entwicklung der Metropolregion beizutragen. Diese in den Szenarien berücksichtigen Herausforderungen beziehen sich auf das Bevölkerungswachstum im städtischen Kontext, Ökologie und Verlust der biologischen Vielfalt, Veränderung in der landwirtschaftlichen Produktion, Wirtschaft, Mobilität und der Flächenverbrauch.

Mit Hinblick auf die oben genannten Herausforderungen wird in den entwickelten Szenarien die folgende Forschungsfrage beantwortet:

Welche zukünftige räumliche Entwicklung des Raums entlang eines Eisenbahnkorridors im Metropolraum Wien Bratislava kann zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit der Region beitragen und Herausforderungen wie Bevölkerungswachstums, Infrastrukturentwicklung und Klimawandel bewältigen?

  Szenarien

Szenarien ermöglichen es, die zukünftigen Auswirkungen aktueller Trends unter der Berücksichtigung von extremen Bedingungen zu visualisieren. Verschiedene Typen dieser Methodik werden in unterschiedlichen Disziplinen eingesetzt und sind, unter anderem, ein wichtiges Instrument der niederländischen Planungspraxis. Das Instrument ermöglicht Urbanisten unterschiedliche Bilder zur räumlichen Organisation von physischen zu entwickeln. Die Methodik ermöglicht eine Vergleichbarkeit von unterschiedlichen Bildern anhand unterschiedlich definierter Parameter und unterstützt somit das über die Grenzen und Querdenken. Dies hilft bei Entscheidungsfindungsprozessen und kann daher positiv zur Diskussion über die räumliche Entwicklung, beitragen. In diesem Sinne haben wir in diesem Universitätskurs Szenarien als Tool für die Darstellung von möglichen, teils extremen Zukunftsbildern, unter Berücksichtigung von extremen Einflussfaktoren entwickelt.

Die Szenarien untersuchen, was möglich wäre, wenn wir radikal nachhaltig entwickeln und handeln würden, oder im Gegenteil, wie das Gebiet aussehen würde, wenn negative Trends die Zukunft des Gebietes prägen. Laut DATAR1 ist die in diesem Kurs verwendete Methodik des ausgewählten Szenarios eine Mischung aus Trendszenarien (Entwurf einer möglichen Zukunft anhand von vorhandener Trends) und Kontrastszenario (skizziert eine wünschenswerte Zukunft).

Im Rahmen des Kurses konzentrierten sich interdisziplinäre Gruppen von internationalen Studierenden auf die Entwicklung von designorientierten Entwicklungsszenarien. Jede Gruppe entwickelte vier gegensätzliche und auf zwei Einflussfaktoren basierende Szenarien, welche besondere Herausforderungen im Zielgebiet darstellen. In diesem Setting – und auf Basis des individuellen Interesses der Studierenden – wurde anhand von jeweils unterschiedlich gewählten Kernthemen vier Szenarien pro Gruppe entwickelt. Jedes der städtebaulichen Szenarien wurde auf mehreren Maßstäben entwickelt. Interviews mit Interessengruppen und lokalen AkteurInnen halfen Wünsche, Notwendigkeiten und Problemstellungen zu integrieren und als Basis für Akteurinnenstruktur und Projektphasengestaltung zu verwenden. Mitunter entwickelte radikal negative Szenarien dienen der Vergleichbarkeit mit positiv nachhaltiger Entwicklungszenarien und sind für das Aufzeigen von Negativtrends und deren Zukunftsauswirkungen förderlich.

Die nachfolgenden Szenarien Ergebnisse zeigen alternative und bis zu einem gewissen Grad radikal unterschiedliche Bilder für die zukünftig nachhaltige Entwicklung des urbanen Kontextes im Einzugsgebiet dar: https://underpressurevienna.wordpress.com/scenarios/

Text: Andrea Überbacher, Lehrbeauftragte und Kurskoordinator MSc MADE/AMS Institute Amsterdam, 2019.

Homepage Design: Noelle Teh, Studienassistentin am AMS Institute: https://underpressurevienna.wordpress.com/

Mit Mindfullness zum wirtschaftlichen Erfolg

Kulturwandel in Unternehmen: Mit Mindfullness zum wirtschaftlichen Erfolg

Peter Bostelmann ist Chief Mindfulness Officer des Walldorfer Software-Giganten SAP.

Der im Silicon Valley ansässige Deutsche sorgt dafür, dass bei seinem Unternehmen inzwischen über 9.000 Mitarbeitende ein zweitägiges Achtsamkeits-Training durchlaufen haben, das sich aus an dem von Google entwickelten „Search inside Yourself“-Programm entwickelte. Über 40 interne Trainer haben den Kollegen das Thema Achtsamkeit bereits näher gebracht – viele Tausend Interessenten sind auf einer langen Warteliste, um auch an einem dieser Trainings teilnehmen zu können.

Bostelmann kann inzwischen belegen, dass die global ausgerollten Achtsamkeits-Trainings nicht nur zu einem höheren Wohlempfinden bei den Mitarbeitenden führen, sondern auch dem Unternehmen gut tun: Der Return-on-Invest für diese aussergewöhnliche Maßnahme liegt bei mehr als 200 Prozent.

Sebastian Purps-Pardigol: In meiner Recherche habe ich gelesen, dass Sie zunächst aus persönlichen Gründen angefangen haben, zu meditieren und dass sich inzwischen bei SAP Tausende von Menschen mit Achtsamkeits-Meditation beschäftigen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Peter Bostelmann: Hui … das ist eine große Frage. Das Ganze hat vor 14 Jahren mit meiner damaligen Lebensgefährtin begonnen, die meditierte und Yoga machte. Ich selbst habe das zu Anfang milde belächelt. Nicht abwertend, aber ich hatte eben mein Gedankenmodell. Ich hatte Triathlon und Ausdauersport, was mir half, den Stress im Job auszugleichen. Und so sagte ich meiner Freundin: „Mach du mal Yoga und Meditation – ich brauche das nicht. Das ist nicht meins.“ Das ist wichtig, denn aus heutiger Sicht kann ich alle verstehen, die eine ähnliche Haltung haben. Meine eigenen Vorurteile standen mir im Weg, die wirklich lebensverändernden Themen anzugehen.

Sebastian Purps-Pardigol: Was hat Sie umgestimmt?

Peter Bostelmann: Ich habe meine Freundin ein paarmal erlebt, nachdem sie tief in die Stille gegangen war, und ich habe bei ihr gefühlt: Etwas hat sich verändert. Sie kam mit einem inneren Leuchten wieder heraus. Damals begann meine Neugier, und ich habe selbst begonnen, ein bisschen zu meditieren. Einige Zeit später geriet unsere Beziehung in eine schwere Krise. Da hat mir ein Freund empfohlen: „Geh doch mal für zehn Tage in ein Schweige-Retreat!“ Das habe ich getan. Sowas ist nicht einfach. Man setzt sich sehr mit sich selbst auseinander. Aber wenn man das durchhält, dann wird man die Früchte ernten. Meine Vorstellung damals war: Wenn man lange meditiert, dann entschwebt man. Genau das Gegenteil passiert. Man beginnt, die Dinge schärfer und klarer zu sehen. Das war eine sehr starke Erfahrung für mich.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Meine Selbstwahrnehmung ist stark gestiegen. Ich kann meine Gedanken beobachten, ich kann sie lenken, und ich kann eine Unabhängigkeit davon gewinnen. Die Dinge, die im Außen passieren, kann ich nicht verändern. Aber ich kann meine Haltung dazu verändern, so dass es sich anders anfühlt. 

Die ersten Jahre habe ich im stillen Kämmerlein meditiert – ich habe das nicht an die große Glocke gehängt. Es war eine sehr private Erfahrung, und ich war auch sicher, dass das die Menschen in meinem beruflichen Umfeld nicht interessiert. In meiner damaligen Rolle als Programm-Manager – ich war verantwortlich für multinationale Softwareeinführungsprojekte – konnte sehr viel Druck sein. Und ich habe bemerkt, dass ich vielen Situationen mit mehr innerer  Ruhe und Klarheit begegnete.

Sebastian Purps-Pardigol: Wann war denn der Tipping Point, an dem aus dem still Meditierenden jemand wurde, der das Thema in die Firma hereintragen hat?

Peter Bostelmann: Das war eher eine Trippelschritt-Reise. Ein Mosaikstein war, dass ich einmal in einem Meeting darüber gesprochen habe. Dass ich da gemerkt habe: Zehn Augenpaare hängen an mir! Und ich dachte: Das interessiert vielleicht doch mehr Leute als mir klar ist. Ich bin durch andere im Silicon Valley neugierig geworden. Ich wusste: da schreibt irgend so ein verrückter Ingenieur von Google ein Buch über Achtsamkeit im Business-Kontext. Damals, im Jahr 2011, war er noch am Schreiben. Da ist bei mir innerlich der Gedanke gereift: Das würde vielen meiner Kollegen auch gut tun.

Aber ich hätte in meinen wildesten Träumen nicht gedacht, wo wir heute stehen. Ich hätte nie erwartet, wie das  Fahrt aufnimmt. Dass sich bei SAP eine ganze Abteilung daraus entwickelt. Im Jahr 2012 habe ich konkret angefangen, darüber nachzudenken, wie sowas aussehen könnte. Kreiere ich selbst ein Programm? Holen wir Experten von draußen, oder pilotieren wir etwas, was es schon gibt? 

Sebastian Purps-Pardigol: War es damals Ihre alleinige Idee, dass man das größer aufziehen könnte?

Peter Bostelmann: Das kam komplett aus mir heraus. Zwar kannte ich zu dem Zeitpunkt zwei weitere Menschen, die auch mit dem Thema Achtsamkeit was machen wollten. Doch die saßen beide in Walldorf, während mein Büro im Silicon Valley ist.

Sebastian Purps-Pardigol: Warum haben Sie sich ausgerechnet an Google orientiert? Es gab zu dem Zeitpunkt ja noch andere Unternehmen im Silicon Valley, die sich mit Mindfulness auseinandersetzten …

Peter Bostelmann: Ich habe mir Programme in verschiedenen Unternehmen angesehen und Google fiel damals in die engere Wahl: Ich kenne bei Google einige Leute, so dass ich wusste, wer alles dahinter steckt: Marc Lester etwa ist als Zen-Lehrer bekannt, und er ist jemand, der lange schon das Thema Mindful Business vorantreibt. Google hatte den großen Vorteil, dass sie einen Sandkasten hatten, wo sie ein Programm über Jahre verfeinern konnten.

Sebastian Purps-Pardigol: Sie haben sich also Googles „Search inside yourself“ Programm angeschaut. Wann und wie ist es Ihnen gelungen, das zu SAP übertragen?

Peter Bostelmann: Ich habe versucht, jeden potenziellen Geldgeber, den ich im Unternehmen finden konnte, zu gewinnen: Von Learning & Business bis hin zum Board-Level. Das Interessante dabei war, dass ich häufig eine sehr ähnliche Antwort bekommen habe: „Naja, Peter, Achtsamkeit, weißt du … Ich selbst finde das ja spannend und würde das ja machen. Aber ob die Firma schon so weit ist? Da habe ich Zweifel!“ Das hat fast jeder gesagt. Und da dachte ich: Vielleicht ist die Firma als die Summe von uns allen ja viel weiter als wir denken! Aber ich habe keinen direkten Sponsor gefunden, der mir dafür Budget zur Verfügung stellte. Die Frage war also: Habe ich hier ein Exoten-Hobby oder ist das etwas, das viele Menschen interessiert? Als allerersten Schritt haben wir ein öffentliches Event mit Gastrednern kreiert.  Das fand am 8. Mai 2013 statt, hier in Palo Alto –  da hat SAP etwa 4500 Mitarbeiter. Ich habe geglaubt, dass die Menschen hier offener sind. Der Saal war voll – die große Kantine! Die konnte ich adressieren und sagen: „Lasst uns einen Piloten machen, um zu schauen: Passt das in unsere Kultur?“

Sebastian Purps-Pardigol: Dadurch, dass Hunderte von Menschen da waren, haben Sie endlich Ihr Budget bekommen?

Peter Bostelmann: Nein,  das kam erst später… ich musste damals 50 Menschen finden, die bereit waren, ihren Chef wiederum zu überzeugen, ihren Anteil aus dem Kostenstellenbudget zu bezahlen – das war die kritische Masse.

Sebastian Purps-Pardigol: War es damals schon dieses zweitägige Training, das es heute noch ist?

Peter Bostelmann: Die Struktur ist die gleiche geblieben, die Inhalte sind über die Jahre leicht verbessert worden. Was wichtig ist: Heute ist es kein Google-Programm mehr, obwohl es ja bei Google entwickelt worden war. Im Jahr 2012 hat Google die Rechte am Programm an SIYLI übertragen. Chade-Meng Tan, der das Programm damals bei Google entwickelt hatte, hat mit Freunden zusammen ein Non-Profit-Unternehmen gegründet: „SIYLI – Search Inside Yourself Leadership Institute“.

Das ist das Programm, was wir bis heute fahren. Wir haben den ersten Piloten in Palo Alto gemacht, und die Resonanz war sehr, sehr positiv. Was geholfen hat, war, dass etwa ein Drittel der Mitarbeiter im Team Deutsche waren, darunter einige hochkarätige Führungskräfte, die sagten: „Super-Training!“ Damit hat das die Resonanz in Deutschland bekommen.

Und wieder sagten einige: „Das ist ja alles spannend, dass ihr in San Francisco ein Training mit Mindfulness- Meditation macht. Ob das aber woanders in der Welt auch funktioniert? Da haben wir unsere Zweifel!“ Das Gute war aber, dass unser damaliger deutscher Arbeitsdirektor, Dr. Wolfgang Fastnacht, selber Achtsamkeit praktizierte – und das merkt man auch: Der hat eine Präsenz wie ein Fels, und ist unglaublich ruhig in vielen Situationen. Der sagte: „Das würde ich gerne bei uns testen.“ Mit dem positiven Erlebnis hier im Valley haben wir also die nächsten Piloten in Deutschland gemacht.

Es hat fast ein Jahr gedauert, bis alles Administrative geregelt war. Das Gute daran, dass es ein so langer Prozess war: Wir haben sehr früh eine Interessentenliste aufgemacht. Auf der Warteliste, als wir ein Jahr später nach Walldorf kamen, standen über 500 Personen. Das war wieder ein Signal: Es besteht Interesse.

Wir haben die Veranstaltung nicht beworben, es gab nur Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir haben die Pilot-Kurse in Deutschland mit insgesamt 200 Mitarbeitern gemacht, und sie wurden zu unserer Überraschung noch positiver angenommen als die in Palo Alto. Da war klar: Das scheint einen Nerv zu treffen. Also haben wir begonnen, langsam mehr zu tun. Die Warteliste ist überproportional schnell weitergewachsen durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Nach einem weiteren halben Jahr waren es plötzlich 1500 Personen. Dann ist unser Chief Learning Officer auf die lange Warteliste aufmerksam geworden, und er hat gesagt: „Dafür schaffe ich eine Stelle!“ Somit wurde ich Anfang 2014 zum Director of Mindfulness, später haben wir die Stelle umgetauft in Global Mindfulness Practice. Das waren die Anfänge.

Sebastian Purps-Pardigol: Anfang 2013 haben Sie in Palo Alto also einen Durchlauf gemacht,  2014 dann weitere Durchläufe in Walldorf … welche Veränderungen haben Sie denn damals festgestellt, die das Unternehmen bewogen haben, eine eigene Stelle dafür zu schaffen?

Peter Bostelmann: In einem Fragebogen haben wir bei den Kursteilnehmern per Selbstauskunft zehn Fragen abgefragt – vor dem Kurs, vier Wochen später noch einmal und sechs Monate später wieder. War das ein Strohfeuer, oder hatte es eine Wirkung? Top-Werte kamen heraus bei den Fragen: „Wie konzentriert bin ich im Laufe meines Arbeitstags?“, „Wie empfinde ich Klarheit?“

Nach vier Wochen war der Wert der Konzentration nach dem subjektiven Empfinden der Befragten um gut zehn Prozent nach oben geschnellt. Das Schöne war, dass nach sechs Monaten alle Werte nochmal um zwei bis drei Prozent gestiegen sind. Jetzt hatte sich die Konzentrationsfähigkeit nach subjektivem Empfinden um insgesamt 12 Prozent, die Kreativität um 11 Prozent erhöht – und das, obwohl einige Teilnehmer dabei waren, die durchaus kritisch eingestellt gewesen sind.

650 Teilnehmer, das ist schon eine halbwegs ordentliche Stichprobe, sagt unser Statistiker. Im Jahr 2015 haben wir eine größere Studie durchgeführt, in der wir uns 4800 Teilnehmer angesehen haben.

Sebastian Purps-Pardigol: Haben Sie diese Studie veröffentlicht?

Peter Bostelmann: Nicht im Detail. Was ich bisher sagen darf, ist, dass das Employee Engagement signifikant gestiegen ist, während die Fehlzeiten signifikant zurückgegangen sind. Der Statistiker, der die Studie gemacht hat, will das in einem Peer Review publizieren. Das wird noch einige Monate dauern, mittelfristig wird es verfügbar sein.

Sebastian Purps-Pardigol: Sie haben mal eine Zahl veröffentlicht: Wenn das Employee Engagement um nur 1 Prozent stiege, würde das zusätzlich 50 bis 60 Millionen Euro operating profit bedeuten.

Peter Bostelmann: Ja genau – Diese Zahl ist von einer Prüfungsgesellschaft testiert worden, die kommt nicht von uns.

Sebastian Purps-Pardigol: In SAPs Business Health Culture Index entsprechen 1% Zuwachs für alle Mitarbeiter 85 Millionen Euro Zuwachs in Operating Profit und die die Achtsamkeits-Trainings haben einen signifikanten Einfluss auf diesen Index … Sie sagen öffentlich, dass Sie 200 Prozent Return on Invest haben. Für jeden Dollar, den Sie in das Mindfulness Programm investieren, kriegen Sie also zwei Dollar wieder raus?

Peter Bostelmann: Genau, und das ist sehr konservativ gerechnet. Wir wissen aus diesen Untersuchungen von 4800 Mitarbeitern, wie hoch das Employee Engagement gestiegen ist, wie hoch der Leadership Index gestiegen ist und wie sehr die Fehlzeiten zurückgegangen sind. Und wir wissen jeweils, wieviel ein Prozent wert ist – das ist eine einfache Rechenübung. Und ich kann dagegen halten: Was kostet mich das Programm inklusive Personalkosten, wenn ich 50 Leute im Training sitzen habe?

Sebastian Purps-Pardigol: Was ist eigentlich Ihr Job? Was genau machen Sie heutzutage inhaltlich?

Peter Bostelmann: Ich leite das Programm „Global Mindfulness Practice“ und baue es weiter aus. Es hat verschiedene Bausteine. Ich bin der größte Antreiber des Ganzen gewesen, wenn man sich das in der Geschichte betrachtet. Mittlerweile gibt es zwei Vollzeitstellen, und es kommen gerade drei weitere dazu. In einigen Monaten werden wir ein Team mit sechs Vollzeitstellen haben. Ich verantworte mit meinen Kollegen zusammen den Rollout der Trainings. Wir haben mittlerweile mehr als 9000 Mitarbeiter geschult, weitere 8000 stehen auf der Warteliste, und das mittlerweile an weit über 50 Standorten. Wir entwickeln selber eigene Inhalte, die wir zusätzlich schulen.

Sebastian Purps-Pardigol: Wieviele Trainer haben Sie inzwischen?

Peter Bostelmann: Wir haben inzwischen 43 SAP interne Trainer und das ist einer der Erfolgsfaktoren, warum das Programm bei uns so durch die Decke geht: Wir haben die Menschen sehr sorgfältig ausgewählt. Wir haben etwa dreimal mehr Bewerber als wir als Trainer annehmen. Die müssen zum einen selbst Achtsamkeitserfahrungen mitbringen und zum anderen in ihrem Job zufrieden sein. Wir vermeiden solche, die sagen: „Ich mag meinen Job nicht mehr, Achtsamkeit könnte meine Rettung sein.“

Sebastian Purps-Pardigol: Ihre Achtsamkeits-Trainer sind ja keine Fulltime-Trainer. Wieviel Zeit verbringen diese in den Trainings?

Peter Bostelmann: Genau, die machen weiterhin ihre normalen Jobs. Wieviel Zeit sie in den Trainings verbringen, hängt davon ab, welche Rolle sie haben. In Absprache mit der jeweiligen Führungskraft ist das zwischen fünf und 25 Prozent. Sie müssen mindestens vier Trainings im Jahr machen, das sind viermal zwei Tage. Manche machen deutlich mehr.

Sebastian Purps-Pardigol: Wird die Zeit, die der Führungskraft verloren geht, über die Kostenstelle kompensiert, oder sagt die Führungskraft: Die Zeit, die ich nicht zur Verfügung habe mit dir, zahle ich?

Peter Bostelmann: Das übernimmt die Führungskraft – es ist Teil der SAP-Kultur. Mittlerweile haben wir die Befürwortung des Vorstandsvorsitzenden. Wenn unser CEO sagt: „Das ist ein wichtiges Programm, das sollte jeder machen!“, dann hilft das. Auch der globale Personalchef, Stefan Ries, steht voll dahinter, so dass nach und nach viel mehr Rückenwind entsteht.

Sebastian Purps-Pardigol: Weshalb ist das Thema der internen Trainer so ein Erfolgsfaktor aus Ihrer Sicht?

Peter Bostelmann: Wenn jemand aus seiner Rolle heraus erklärt, warum Achtsamkeit ihm im Alltag hilft, einen guten Job zu machen, dann hat das eine ganz andere Relevanz für viele in dem Kurs, als wenn da ein externer Lehrer kommt. Ich gebe mal ein praktisches Beispiel: Einer unserer Lehrer ist der Vice President Sales für ein bestimmtes Produkt. Im Trainingsplan hat er mal von der Eskalation mit einem Kunden berichtet, da gab es eine Spannung. Da konnte er an sich selber beobachten, was diese spannungsreichen Gespräche in seinem Körper ausgelöst haben, und dass er sich selbst wieder regulieren konnte. Seine Fähigkeit zur Selbst- und Impulsregulierung hat ihm geholfen, die Situation mit Empathie und einer mitfühlenden Haltung viel besser aufzulösen. Das ist eine authentische Erfahrung, mit der die Teilnehmer sich gut identifizieren können.

Sebastian Purps-Pardigol: Was passiert nach den Trainings? Was tun die Teilnehmer, die aus den zweitägigen Trainings kommen, um das Gelernte in ihren Alltag zu integrieren?

Peter Bostelmann: Das ist sehr unterschiedlich. Im Moment zu sein, das ist das Leichteste und das Schwerste zugleich. Achtsamkeit ist keine Idee, sondern eine Übung, die nach und nach Strukturen im Gehirn verändert. Jeden Tag eine Meditationspraxis zu haben, ist natürlich eine sehr wirkungsvolle Art zu üben, kleine Übungen im Alltag funktionieren aber auch. Zum Beispiel gibt es die Übung: „Drei bewusste Atemzüge“ – ideal, wenn man angespannt ist oder zwischen zwei Meetings kurz mal abschalten muss. „Drei bewusste Atemzüge“ dauern nicht mal eine Minute. Beim ersten bewussten Atemzug konzentriere ich mich, richte all meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem, beim zweiten bewussten Atemzug entspanne ich meinen Körper, beim dritten bewussten Atemzug frage ich mich: Was ist gerade wirklich wichtig? Es ist eine echte Erfahrung, dass diese drei Atemzüge etwas verändern.

Und noch etwas ist wichtig: Der Kurs ist freiwillig. Wer teilnimmt, bekommt einen Blumenstrauß an Möglichkeiten angeboten. Viele kommen da raus und sagen: Ich möchte etwas verändern. Wir unterstützen das, indem wir über Wochen regelmäßig E-Mails verschicken als Erinnerung. Wir laden ein zu Lernpartnerschaften: Man trifft sich regelmäßig in Zweier- oder Dreiergruppen, um sich da bei der Stange zu halten. Wir haben ein wachsendes und mittlerweile recht beachtlichen Angebot von virtuellen Meditationen, die täglich zu bestimmten Zeiten stattfinden, wo man sich einwählen kann. Ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert, aber es trifft auf große Resonanz. Wir empfehlen bestimmte Apps zum Download, und wir haben an inzwischen 25 globalen Standorten freiwillige Mitarbeiter vor Ort, Ambassadore und zum Teil auch Lehrer, die selbst Gruppen anleiten. Dort sitzen dann Menschen, die eine halbe Stunde zusammen üben: gemeinsames Meditieren, achtsames Essen, Austausch …

So können wir den verschiedensten Zielgruppen und Adressaten Angebote machen – virtuell und vor Ort: Wie kann ich das in den Alltag integrieren? Wie mache ich es zu einer Gewohnheit? Wie hilft Achtsamkeit, meine emotionale Intelligenz zu steigern und besser mit äußeren und inneren Konflikten umzugehen?

Wir bringen vielen Menschen bei uns weltweit nahe, was die positive Psychologie und die Neurowissenschaften an Erkenntnissen gewonnen haben – und das ist ja eine ganze Menge. Seit das Thema bei uns so in die Breite gegangen ist, ist klar: Es wird meditiert, da ist nichts Komisches mehr dran. Unser deutscher Personalchef Cawa Younosi  hat sich schon auf einer Großveranstaltung auf die Bühne gestellt und gesagt: Achtsamkeit ist ein Teil der DNA der SAP.

Sebastian Purps-Pardigol: Achtsamkeit bedeutet nicht, dass man immer auf dem Hocker sitzen muss. Es heißt, zu lernen, auch im normalen Alltag im Hier und Jetzt zu sein …

Peter Bostelmann: … und jeden Moment als einen besonderen Moment wahrzunehmen. Das klingt vielleicht ein bisschen esoterisch. Aber unser Leben besteht ja aus lauter kleinen Momenten. Und die Frage ist: Wir schaffe ich es, jeden dieser kleinen Momente mit mehr Bewusstsein zu versehen und damit die gefühlte Lebensqualität zu steigern? Nach meiner Erfahrung macht Achtsamkeit das Leben lebendiger und gibt ihm mehr Tiefenschärfe.

Sebastian Purps-Pardigol: Was sind denn die Beweggründe, warum die Menschen in Ihren Kurs kommen? Haben Sie dazu qualitative Rückmeldungen?

Peter Bostelmann: Na klar, damit bewerben wir ja den Kurs. McKinsey hat den Begriff vom „War of Attention“ geprägt. Die vielen wunderbaren mobilen Geräte unserer digitalen Ära sind ja von hochkalibrigen Experten so gestaltet, dass sie unsere Aufmerksamkeit ständig in ihren Bann ziehen. Zumindest von Asien kenne ich das schon, dass in einigen Ländern ein bestimmter Anteil der Jugendlichen digital süchtig ist. Und auch hier muss man nur die Augen aufmachen und durch die Straßen gehen, dann weiß jeder, wovon die Rede ist. 

Viele sagen: „Ich bin nur noch am Arbeiten, ich komme gar nicht mehr richtig bei mir an. Werde ich allen gerecht, und was kann mir helfen?“ Was man lernen kann, ist: Wir können unsere Aufmerksamkeit ausrichten, damit wieder mehr im  Moment ankommen und größere  Zufriedenheit erleben.

Sebastian Purps-Pardigol: Sie bieten Ihr Programm auch Ihren Kunden an? – Wie kam es dazu? Und warum tun Sie das überhaupt?

Peter Bostelmann: Dass SAP Achtsamkeit global anbietet und dass dies bei uns so eine Resonanz erzielt, das ist ja bereits seit einigen Jahren in den Medien. So haben dann auch große Kunden von uns gehört. Und es kam die Frage: „Könntet ihr uns dabei helfen?“ Beim allerersten Mal dachte ich: „Nö, das haben wir doch gar nicht in unserem Portfolio.“ Dann kam die Frage aber noch ein zweites und ein drittes Mal. Und ich dachte: „Hmm, okay …“ Und ich habe das einfach mal meiner Chief Learning Officer gesagt: „Wäre es interessant, wenn wir daraus einen billable service machen?“ Die Resonanz war überraschend positiv.

Warum war das für mich interessant? Ich glaube, dass diese Praktiken in der Welt etwas verändern können. Wenn mehr Menschen mit sich in Kontakt sind, wenn sie lernen, wo sie Negativität generieren, wie sie sich dessen gewahr werden und damit umgehen können, dann wird die Welt zu einem nachhaltigeren und friedvolleren Ort werden. Das ist mein Antrieb, das in die Welt zu tragen. Und ich war dann auch überrascht, als ich einmal bei Siemens ein Gespräch mit internen Mitarbeitern hatte. Die finden das spannend, dass da ein anderer Technologiekonzern kommt und sagt: „Das können wir auch!“. Sie sagten: „Wenn jetzt die SAP zu uns kommt, das wäre das Coolste überhaupt!“ Und ich dachte: Wenn die Resonanz so positiv ist, dann mache ich das gerne.

https://kulturwandel.org/gespraech/sap-peter-bostelmann/?_NL&utm_source=CleverReach&utm_medium=email&utm_campaign=Kulturwandel_Mai_2019&utm_content=Mailing_13389853

Mehr über Kulturwandel in Unternehmen: https://kulturwandel.org/

Foto Peter Bostelmann: Julius Erdmann

Warum der Klimawandel beispiellos ist

Warum der Klimawandel beispiellos ist

ORF, 24. Juli 2019, https://science.orf.at/stories/2988956/

„Klimawandel – den gab es doch immer schon!“ Vor allem Klimawandelskeptiker führen dieses Argument immer wieder ins Treffen. Doch dabei übersehen sie einen entscheidenden Punkt: Die aktuelle Erderwärmung ist historisch einzigartig. Und daher auch nicht „natürlich“.

Um das Jahr 1850 war der oft zitierte Messbeginn, da begannen Wissenschaftler, die Lufttemperatur mit Hilfe von Thermometern zu bestimmen und ihre Ergebnisse systematisch niederzuschreiben. Für die Zeiten davor stehen ihnen andere Quellen zur Verfügung – Archive, die die Natur selbst angefertigt hat: Baumringen, Korallenriffen, Gletschereis und Sedimenten sind nämlich die Klimaverhältnisse vergangener Epochen gleichsam eingeschrieben. Sie zeigen, sofern man die Spuren zu entziffern weiß, wie warm oder kalt es im Mittelalter war oder auch noch früher, etwa zur Zeit des Römischen Weltreichs.

 

Volten der Klimageschichte

Ein Team Raphael Neukom von der Uni Bern hat nun die größte Datensammlung dieser Art – die „PAGES 2k proxy database“ – für eine Rekonstruktion der letzten 2.000 Jahre ausgewertet. Die Resultate, soeben erschienen im Fachblatt „Nature“ sowie im Schwesterjournal „Nature Geoscience“, werfen Licht auf zwei ziemlich auffällige Volten, die das Klima in diesem Zeitraum gemacht hat. Während der kleinen Eiszeit (15. bis 19. Jahrhundert) sowie während der mittelalterlichen Warmzeit (10. bis 13. Jahrhundert) schlug die Temperaturkurve nach unten bzw. nach oben aus – und zwar von selbst, der Mensch war an diesen Veränderungen nicht schuld.

Temperaturen auf der Nordhalbkugel von der Antike bis heute

 

Dieser Umstand wird immer wieder von Klimawandelskeptikern ins Treffen geführt, um den aktuellen Klimawandel kleinzureden, nach dem Motto: Das hat es immer schon gegeben.

 

Lokal, nicht global

Wenn damit nur der Wandel an sich gemeint ist, stimmt das. Klimaschwankungen gab es immer schon. Aber die Art und Weise, wie sich das Klima gegenwärtig wandelt, ist in der Geschichte einmalig. Das gilt zum einen für das Tempo der Erderwärmung. Und zum anderen, wie nun Neukom und sein Team nachweisen, für ihre Reichweite: Die kleine Eiszeit war nämlich eine lokal begrenzte Angelegenheit, besonders kalt war es im 15. Jahrhundert etwa bloß im Zentral- und Ostpazifik, im 17. Jahrhundert dann in Nordwesteuropa und dem südöstlichen Nordamerika und erst im 19. Jahrhundert in anderen Weltregionen.

Ähnliches gilt für die mittelalterliche Warmzeit, die zur Zeit ihrer größten Reichweite etwa 40 Prozent der Erdoberfläche betraf. Zum Vergleich: Der Klimawandel der Gegenwart betrifft 98 Prozent der Erdoberfläche. Es wird überall wärmer, gäbe es den Begriff „globale Erwärmung“ nicht, man müsste ihn spätestens nach dieser Studie erfinden. Neukom und sein Team können mit Hilfe ihres Modells auch die wichtigsten Klimafaktoren der letzten 2.000 Jahre benennen. Bis in vorindustrielle Zeit wurden Temperatursprünge vor allem von Vulkanausbrüchen ausgelöst. Erst dann übernahmen die Treibhausgase das Kommando im Weltklima.

Robert Czepel, science.ORF.at

 

Mehr zu diesem Thema:

Klima-Umweltschutzmanifest der Marktgemeinde Lanzenkirchen

Klima-Umweltschutzmanifest der Marktgemeinde Lanzenkirchen

https://www.lanzenkirchen.gv.at/Klima-Umweltschutzmanifest_der_Marktgemeinde_Lanzenkirchen

 Vorausbemerkung: Der Club of Rome zeigte bereits 1972 die „Grenzen des Wachstums“ auf. Heute ist eines der zentralen Ziele des Club of Rome, wissenschaftliche Grundlagen für die globale Umsteuerung zur Nachhaltigkeit bereitzustellen. Diesen Wandel auf lokaler und regionaler Ebene zu begleiten, ist Grundanliegen des Club of Rome Carnuntum, der dafür vom Exekutivkomitee des Club of Rome als eigenständiger lokaler Chapter anerkannt wurde – weltweit ein Novum. Wir veröffentlichen daher in unregelmäßigen Abständen wissenschaftliche Ausführungen ebenso wie praktische Beispiele, wie dieses. 

Hans Rupp, Club of Rome Carnuntum 

Der Klimawandel betrifft uns alle. Dafür verantwortlich sind in erster Linie aber jene Nationen mit hohem Schadstoffausstoß und überbordender Umweltverschmutzung. Zum Vergleich: Die Golfstaaten stoßen pro Kopf sechs Mal so viele, die USA zweieinhalb Mal so viele Schadstoffe aus, wie Österreich. Während zum Beispiel in Niederösterreich 2019 das letzte Kohlekraftwerk geschlossen wird, haben die G20-Mitglieder ihre Subventionen für Kohlekraftwerke verdoppelt. In diesem Zusammenhang setzen wir hohe Erwartungen an das neu gewählte Europäische Parlament sowie die neue Europäische Kommission, um wirksame Maßnahmen für einen weltweiten Klima- und Umweltschutz durchzusetzen.

Niederösterreich nimmt eine Vorreiter- und Vorbildfunktion ein, wenn es um Klima- und Umweltschutz geht. Als erstes Bundesland hat NÖ bereits im Jahr 2007 den Klimaschutz in der Landesverfassung verankert. Wir waren das erste Bundesland mit einem Ölheizungsverbot in Neubauten. In den letzten 6 Jahren kam es zu keiner einzigen Überschreitung der Feinstaubgrenzwerte. 100 Prozent des Strombedarfs werden aus erneuerbaren Energien erzeugt – europaweit liegt dieser Anteil bei rund 33 Prozent. Und: ein Drittel Niederösterreichs ist Naturschutzfläche.

Für die Zukunft wurde ein ambitionierter Klima- und Energiefahrplan für Niederösterreich beschlossen. Die Eckpunkte: Der Treibhausgasausstoß soll bis 2030 erneut um 36 Prozent gesenkt werden, die Stromerzeugung durch Photovoltaik soll verzehnfacht, die Stromerzeugung durch Windkraft durch Modernisierungen verdoppelt werden. In diesem Zusammenhang sollen zu den bestehenden 40.000 Green-Jobs 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Niederösterreichs Städte und Gemeinden erfüllen eine wichtige Funktion und Vorbildfunktion wenn es um Klima- und Umweltschutz sowie die Umsetzung des Niederösterreichischen Klima- und Energiefahrplanes geht. Zum Beispiel sind rund 560 Gemeinden Teil der NÖ Umweltverbände, über 350 Gemeinden Teil des Klimabündnis-Netzwerkes, über 330 von Natur im Garten und über 210 sind ENERGIE-Vorbild Gemeinden.

Die Marktgemeinde Lanzenkirchen hat in den letzten Jahren bereits verstärkt Akzente zum Klimaschutz gesetzt:

  • Beitritt zum e5-Programm
  • Errichtung von mehreren PV-Anlagen
  • Bezug von 100% Ökostrom
  • e-Carsharing
  • Nahezu vollständige Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED-Technik
  • Umstellung der Wärmeversorgung von Gas auf Biomasse im Ortszentrum (in Umsetzung)

Zentrales Ziel der Marktgemeinde Lanzenkirchen ist es, eine noch stärkere Funktion und Vorbildfunktion im Bereich Klima- und Umweltschutz zu übernehmen. Größtmöglichen Erfolg erreichen wir insgesamt nur dann, wenn auch wir auf Gemeindeebene und so viele Bürgerinnen und Bürger wie möglich, so viele kleine Maßnahmen wie möglich setzen. Diesbezüglich sollen alle Bereiche durchleuchtet und Maßnahmen erarbeitet werden.

 

Der Gemeinderat hat auf Initiative von Bürgermeister Bernhard Karnthaler am 05.07.2019 folgenden Antrag beschlossen:

  1. Künftig wird bei allen Beschlüssen des Gemeindevorstands und Gemeinderats deren Klimarelevanz berücksichtigt und ausdrücklich angeführt.
  2. Maßnahmen mit positiver Auswirkung auf die Treibhausgasbilanz werden prioritär behandelt.
  3. Bei bestehenden und zukünftigen Vorhabensplanungen wird der Aspekt des Klima- und Umweltschutzes besonders berücksichtigt.
  4. Der Pflege von bestehenden öffentlichen Grünflächen und dem Erhalt des Baumbestandes wird besondere Aufmerksamkeit zu teil.
  5. Auf den Erhalt von offenen, nichtversiegelten Flächen wird geachtet.
  6. Bepflanzungsaktionen öffentlicher und privater Akteure sollen entsprechende Unterstützung finden.
  7. Die Gemeinde beschließt den Beitritt zu „Natur im Garten“ und setzt damit ein klares Bekenntnis zum Klimaschutz.
  8. Die Gemeinde forciert das Engagement im e5-Programm. Das e5-Programm soll die Energie- und Klimaschutzpolitik in der Gemeinde modernisieren, Energie und damit Kosten sparen und erneuerbare Energieträger forcieren.
  9. Die Energieverbrauchsdaten der gemeindeeigenen Gebäude werden erfasst und auf Basis des jährlichen Energieberichts Einsparpotentiale ausgelotet.
  10. Die Gemeinde prüft den Umstieg von gemeindeeigenen fossilen Heizsystemen auf Erneuerbare Energieträger.
  11. Die Gemeinde unterstützt Bestrebungen e-Carsharing Projekte und e-Fahrtendienste umzusetzen um nachhaltige Mobilitätslösungen anzubieten.
  12. Die Gemeinde beschließt die schrittweise Umstellung der gemeindeeigenen Fahrzeuge auf e-Autos für den kommunalen Dienst.
  13. Der Ausbau bzw. die Optimierung von Gehsteigen und Radwegen wird geprüft.
  14. Verzicht auf Einwegplastik bei gemeindeeigenen Veranstaltungen und Teilnahme bei der Initiative „Sauberhafte Fest“ der NÖ Umweltverbände.
  15. Bei Veranstaltungen der Gemeinde sollen nur mehr regionale Produkte verwendet werden.
  16. Die gemeindeeigenen Kommunikationskanäle werden regelmäßig genutzt um die BürgerInnen zu aktuellen Entwicklungen im Klimaschutzbereich zu informieren.
  17. Bei Beschaffungen durch die Gemeinde wird verstärkter Fokus auf die Regionalität der Leistungserbringung und der geforderten Energie-Effizienz-Kriterien gelegt.
  18. Ein flächendeckendes Gesamtverkehrs- und Mobilitätskonzept soll für die Gemeinde entwickelt werden, das neben der Steigerung der Verkehrssicherheit auch klimarelevante Faktoren berücksichtigt.
  19. Die bestehenden Förderungen der Gemeinde sollen evaluiert werden und auf deren Klimatauglichkeit geprüft werden (z.B. E-Fahrzeuge, Stoffwindeln, Wassersparmaßnahmen, etc.).
  20. Die thermische Sanierung von öffentlichen Gebäuden soll geprüft werden. 

Lanzenkirchen, 05.07.2019

 

 

Nachhaltigkeitstransformation steuern

Die Autorin des neuen Berichts an den Club of Rome, Dr Petra Kuenkel, wird im März 2020 Referentin im Club of Rome Carnuntum sein. Mit dem von ihr gegründeten COLLECTIVE LEADERSHIP INSTITUTE (CLI)  mit Sitzen in Podsdam und in Kapstadt wird der Club anschließend die Seminarreihe „Zukunft der Führung – Führung für die Zukunft“ anbieten.

Hier ein kurzer Einblick in den Bericht.

Die Zukunft der Führung

Dr. Petra Kuenkel ist Vollmitglied des Club of Rome. Sie ist eine Vordenkerin bei der Neudefinition von Führung als kollektive Kompetenz, die allmählich in die Diskussion von Führung in Zeiten der Transformation Einzug hält. Hier ein Buchtipp

Römerland Carnuntum 2040

SELBSTERMÄCHTIGUNG, SELBSTORGANISATION UND REGIONALE TRANSFORMATIONEN IN DER MODELLREGION RÖMERLAND CARNUNTUM

In den kommenden 3 Jahren geht es um die Lebensqualität und um den Lebensraum in der Region Römerland Carnuntum im Jahr 2040. Was ist zu tun?

Die Region Römerland Carnuntum wird für Privatpersonen, Firmen und Organisationen aus dem In- und Ausland immer interessanter. Noch nie gab es für dieses kleinteilige und sensible Gebiet so viel Druck von außen, und noch nie war der Bedarf an Flächen so groß wie heute. Gleichzeitig soll die Lebensqualität der Menschen jetzt und in Zukunft erhalten bleiben und sogar noch steigen. Dafür müssen die unterschiedlichen Interessen aus den Bereichen Wirtschaft, Sozialwesen und Umwelt aufeinander abgestimmt werden – und das kann nur gelingen, wenn alle Gemeinden in der Region gemeinsam vorausschauend planen und handeln.

Für dieses Miteinander der Gemeinden sollen Modelle entwickelt werden. Die einzelnen Gemeinden sollen sich aber auch noch besser selbst organisieren können und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit stärken. Denn nur so kann eine verbindliche Zusammenarbeit funktionieren, die eine nachhaltige Sicherung der Lebensqualität zum Ziel hat.

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