KI und Führung

Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:

KI und Führung

„KI ist wahrscheinlich DAS BESTE oder DAS SCHLIMMSTE, was der Menschheit passieren kann“, wird Stephen Hawking zitiert. KI wird das Privatleben, die gesamte Gesellschaft, Politik und Wirtschaft grundlegend verändern. Mehr als wir uns das heute vorstellen können. Club-Mitglied Anabel Ternès von Hattburg hat die Fähigkeit, komplexe Themen – rund um Nachhaltigkeit im weitesten Sinn – in einfache Worte zu kleiden. Wie hier zum Thema KI:

„KI ist wirklich cool.“ Der Geschäftsführer einer Einheit eines großen Konzerns lachte. „Damit sparen wir mindestens eine Mitarbeiterin im Social Media ein. Wir müssen nichts mehr selbst schreiben. Das macht jetzt alles die Technik.“

Ich schaute erstaunt hoch. Aber was ist mit Authentizität? „Na ja“, er lachte, „ist ja von uns in Auftrag gegeben, sozusagen, da stehen wir ja hinter.“ Aber was ist mit O-Tönen, wahren Geschichten, genau so passierten Inhalten, was ist mit der emotionalen Energie, die bei maschinell erstellten Texten fehlt? Er schaute mich erstaunt an. „Darüber hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Klar, die Authentizität geht verloren. Wir haben nur gedacht, dass das ja schneller geht und günstiger ist. –  Meinst Du, die FollowerInnen von uns merken den Unterschied? Meinst Du nicht, die lassen sich auch vom maschinellen Text beeindrucken? Die Texte sind doch mittlerweile so gut. Ich hab letztens mal einfach so ein paar Worte eingegeben und da kam ein richtig cooler Liebesbrief an meine Frau raus. So etwas Tolles könnte ich nie schreiben. Und auch letztens für eine Grabrede. Hab einfach ein paar Worte eingegeben und schon kam ein besserer Text, als ich ihn jemals hätte selbst schreiben können. Findest Du das doof?“

Ich überlege. Nun ja, wenn Du einen Text als von Dir geschrieben ausgibst, dann stimmt es ja nicht, wenn Du ihn hast schreiben lassen. Auch, wenn das keiner kontrollieren kann. Aber geht es darum, dass wir das kontrollieren müssten?

Die Frage der Ethik bei KI beginnt früh. Die Frage der Verwendbarkeit von KI auch. KI ist unglaublich verlockend. Mitarbeitende aufgrund ihres Schreibverhaltens, wie elaborierter Sprachcode, Schnelligkeit des Schreibens, Menge an Text, Häufigkeit wiederholter Worte, meistverwendete Worte etc. per KI einzuschätzen und das als Grundlage für die weitere Unterstützung im Unternehmen im Hinblick auf die Karriere zu nehmen – solche Versuche gibt es schon seit Jahren.

Was klar ist: KI und Leadership, das eröffnet ganz viele Chancen. Sich darüber auszutauschen – und damit über die Leadership-Skills der Zukunft, darauf freue ich mich: Schreiben Sie an JA@clubofrome-carnuntum.at – die Antworten stehen dann wieder hier, in der Club-Homepage.

Anabel Ternès von Hattburg, im Jänner 2024

https://anabelternes.de/vita/

 

Prof. Dr. Anabel Ternès ist auch Keynote-Speakerin, Fach-Moderatorin und Impulsgeberin zu Themen rund um Zukunft, Nachhaltigkeit und Digitalisierung: https://anabelternes.de/keynotes/

 

Wir sind nicht dafür gerüstet

Klimawandel:

„Wir sind nicht dafür gerüstet“

Der Klimawandel wird in Niederösterreich künftig vor allem die Landwirtschaft fordern, sagt Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, der dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg (Bezirk Mödling) vorsteht. Ihm fehlt eine klare Klimastrategie.

Hans Joachim Schellnhuber gehört zu den weltweit renommiertesten Klimawissenschaftlern. Der deutsche Forscher ist bekannt für seine bahnbrechenden Arbeiten zur Erdsystemanalyse und hat maßgeblich zur weltweiten Anerkennung des Klimawandels beigetragen. Schellnhuber war Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gremien. Unter anderem beriet er etwa 20 Jahre lang Angela Merkel in Klimafragen, nun tut er dies für die EU-Kommission.

Der deutsche Wissenschaftler ist langjähriges Mitglied des Weltklimarats (IPCC). Seit Dezember leitet er das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg (IIASA). „Der Begriff System heißt, dass man einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge tut“, sagt der Wissenschaftler im Interview mit ORF-Niederösterreich-Chefredakteur Benedikt Fuchs.

„Die Klimakrise ist deswegen so wichtig zu behandeln, weil sie das Nichtstun am härtesten bestrafen wird. Viele Menschen haben natürlich viel größere Alltagssorgen, das ist klar. Man denkt: Ja, Klimawandel ist etwas, das vielleicht in 20, 30, 40 Jahren wirklich wichtig wird und einen in seinem täglichen Leben bedroht. Aber die Versäumnisse, die wir heute machen, die werden am schärfsten bestraft durch den Klimawandel.“

Hitzephasen mit bis zu 47 Grad

Laut Schellnhuber wird die Erderwärmung spätestens bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich über zwei Grad liegen. „Für die Kontinente bedeuten zwei Grad Erderwärmung drei bis vier Grad Erwärmung – und wenn wir jetzt in eine Gegend gehen wie hier in die pannonische Ebene, dann liegen wir bei vier bis fünf Grad Erwärmung“, so der Klimaforscher. Schellnhuber spricht von Spitzen im Sommer von 45 bis 47 Grad. Das stelle Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Tourismus vor sehr große Herausforderungen. „Wir sind nicht dafür gerüstet“, sagt er im Interview ganz klar.

Gerade weil Niederösterreich ein Agrarbundesland ist, werde es besonders gefordert sein, sagt Schellnhuber. Für ihn hinkt die niederösterreichische Klimapolitik hinterher, wie er sagt. Es brauche ein Klimagesetz und eine Strategie, so der Experte. „Man hofft, dass man sich mit Durchwursteln irgendwie zurechtfinden wird.“

Neue Strategien für Landwirtschaft

Laut Schellnhuber werde man in eine Phase gehen, wo es sowohl größere Hitzewellen geben dürfte als auch Episoden mit starken Niederschlägen. „Es wird also tendenziell nicht trockener auf der Erde mit der Erderwärmung, sondern es wird feuchter – allerdings nur in bestimmten Regionen. Wenn diese Starkregen herunterkommen, dann muss ich im Grunde genommen dafür sorgen, dass die vernünftig aufgesogen werden.“ Eine Versiegelung von landwirtschaftlichen Flächen sei daher höchst problematisch, da versiegelte Flächen nicht wie ein Schwamm wirken können, wenn Niederschläge fallen.

Genauso müsse man dafür sorgen, dass man durch einen heißen Sommer komme, wenn es 45 oder 46 Grad warm wird – mit den Pflanzen und Feldfrüchten, die angebaut werden. „Das heißt, ich muss eine Strategie entwickeln: Welche Feldfrüchte, welche Obstbäume, welche Weinkulturen sind wirklich in der Lage, damit mitzugehen.“ Für den deutschen Klimaexperten wird es durch die Erderwärmung Gewinner und Verlierer geben. „Wenn ich jetzt eine vorausschauende Entwicklungspolitik übernehme, dann kann ich zu den Gewinnern gehören“, so der Experte.

Benedikt Fuchs, noe.ORF.at, 20.1.2024

https://noe.orf.at/stories/3241353/

Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA)

 

Bericht:

„Auf dem Weg zur Klimaneutralität der EU: Fortschritte, politische Lücken und Chancen“

https://iiasa.ac.at/news/jan-2024/keywan-riahi-and-joeri-rogelj-are-part-of-eu-advisory-board-outlining-13-key-steps

Eine der wesentlichen Aussagen darin:

Gewährleistung eines gerechten Übergangs und der öffentlichen Unterstützung

Ein fairer Übergang ist notwendig, damit die Menschen den Klimaschutz unterstützen. Um dies zu erreichen, schlägt der Beirat eine gründliche Bewertung der möglichen sozioökonomischen Auswirkungen von Klimamaßnahmen vor. Der Vorstand empfiehlt außerdem, Maßnahmen zu ergreifen, die Ressourcen an die am stärksten Betroffenen verteilen. Die Planung der Klimapolitik und der damit verbundenen sozialen Maßnahmen sollte auf einem offenen und inklusiven Prozess beruhen.

 

„AUFTRAGSVERGABEN ALS WIRKUNGSVOLLER HEBEL FÜR DIE GESTALTUNG UNSERER ZUKUNFT“

Kommentar von Club-Mitglied Dr. Robert Fink

 zum PRESSE-Gespräch mit dem Vergaberechts-Spezialisten RA Mag. Martin Schiefer:

„AUFTRAGSVERGABEN ALS WIRKUNGSVOLLER HEBEL FÜR DIE GESTALTUNG UNSERER ZUKUNFT“ – veröffentlicht am 5.11.2023 in der Club-Homepage:

https://www.clubofrome-carnuntum.at/2023/auftragsvergaben-als-wirkungsvoller-hebel-fuer-die-gestaltung-unserer-zukunft/

Zu Robert Fink:

  • med.vet.
  • Aufgewachsen in kleinbäuerlicher Umgebung (Eltern waren Nebenerwerbsbauern)
  • 31 Jahre eigene tierärztliche Gemischtpraxis (Nutz- und Hobbytiere)

Parallel dazu:

  • 14 Jahre Amtstierarzt beim Land NÖ und der BH Wien-Umgebung
  • 12 Jahre Geschäftsführer des Tiergesundheitsdienstes Burgenland
  • 8 Jahre Landesveterinärdirektor Burgenland
  • Hobbyimker

 

„Ich teile die Meinung von Mag. Schiefer vollinhaltlich. Insbesondere, wenn man die erforderlichen Reparaturkosten umweltbedenklicher Produktionen und Verbringungen in die tatsächlichen Gesamtkosten miteinrechnet, ist eine gezielte Förderung von unbedenklicher Produktion mehr als gerechtfertigt und rechnet sich für den Fördergeber auch.

 

Als Beispiel nehme ich die landwirtschaftliche Produktion. Jeder Biobetrieb unterliegt genauen und kontrollierten Produktionsbedingungen, die vor allem den Einsatz von Pestiziden und Düngemittel reduzieren bzw. hintanhalten und damit den Eintrag bedenklicher, im natürlichen Boden nicht vorkommender Stoffe, zumindest sehr stark verringern. Dies führt dann fast automatisch zu einer größeren Diversität beim Anbau und daraus resultierend einer variableren Fruchtfolge, zu genauerer Beobachtung des Wachstums, zu einer Verbesserung des Bodenlebens usw. Damit ist der Weg zur Kreislaufwirtschaft fast vorgezeichnet. Reparaturkosten für die Öffentlichkeit entstehen bei dieser Bewirtschaftungsform nicht oder kaum.

 

Die Biolandwirtschaft ist wesentlich aufwändiger, fordert dem Bauern viel Wissen, Erfahrung, Kenntnis der biologischen Zusammenhänge und auch Risikofreude und Engagement ab. Schädlingsdruck kann nicht mit chemischen Mitteln begegnet werden und kann nur durch mehr Pflegearbeit soweit möglich verringert werden, mit dem Risiko einer geringeren Ernte. Unter diesen Produktionsvoraussetzungen kann man nicht erwarten, dass diese Produkte unter den üblichen marktwirtschaftlichen Mechanismen vermarktet werden können; da muss es mehr Sicherheit geben. Die Ernte des letzten Jahres musste beispielsweise zu wesentlich schlechteren Bedingungen verkauft werden, das ist in der Biolandwirtschaft finanziell kaum durchzustehen. Die „Überschussware“, die als Bioware wegen zu geringer Nachfrage nicht verkauft werden kann, muss zum Preis herkömmlich produzierter Ware vermarktet werden – das kann sich nicht ausgehen.

Bisher habe ich nur die pflanzliche Produktion mit den messbaren Größen des Produktionsaufwandes und der Erlöse angeführt. In der tierischen Produktion kommen noch zusätzliche Parameter wie Genetik und Tierhaltung mit Tierschutz entlang des gesamten Produktionsablaufes dazu – diese sind oft nicht mit Geld bewertbar.

Es ist daher unbedingt notwendig den bestehenden „Aktionsplan des Bundes zur nachhaltigen Beschaffung für den Einsatz von Bio-Lebensmitteln in öffentlichen Kantinen“ auszubauen und zumindest auf öffentliche und kommunale Großküchen auszuweiten. Die Biobauern hätten damit eine gewisse Abnahmesicherheit und damit verbunden sollte eine Mindestpreisgarantie sein. Damit schließt sich der Kreis zur „Auftragsvergabe als wirkungsvoller Hebel“. Bei der Abnahme von Bioprodukten sollte zusätzlich auch die regionale Produktion in die Preisgestaltung miteinbezogen werden.

 

Wo wäre der Benefit für die Gesellschaft?

  • Die Biobewirtschaftung könnte ausgeweitet und damit die Folgeschäden durch die konventionelle Produktion hintangehalten werden.
  • Es würde ein größerer Personenkreis mit Bioprodukten versorgt.
  • Die Bioproduktion ist wesentlich weniger von Betriebsmitteln, die zum Teil aus dem Ausland bezogen werden (z.B. Ausgangsstoffe für die Pestiziderzeugung, Düngemittel,…), abhängig. Damit wäre in Krisenzeiten eine höhere und sicherere Eigenversorgung und mehr Unabhängigkeit von ausländischen Firmen gegeben.
  • Durch die Vermeidung von Folgeschäden würden die Gesamtkosten für die Allgemeinheit nicht steigen.
  • Wahrscheinlich wäre auch eine größere genetische Diversität.

 

Es wäre auch zu überlegen, ob man nicht eine Unterscheidung zwischen bäuerlicher und landwirtschaftlich-industrieller Produktion einführen sollte. Diese Unterscheidung ist bei Handwerk und Industrie eine Selbstverständlichkeit, obwohl im Grenzbereich eine klare Trennung oft nicht einfach ist.

 

Was charakterisiert eine industrielle Produktion? Das ist ein umfangreicher Maschineneinsatz, Arbeitsteilung, Spezialisierung, fachliche Qualifikation, Betriebsgröße usw. – eine eindeutige Definition gibt es nicht.

Wenn man diese paar Punkte genau betrachtet, dann hat der Biobauer wesentlich mehr händischen Einsatz, er produziert in Kreislaufwirtschaft oder zumindest in diese Richtung mit einer großen Produktpalette, fachliches Wissen vereint mit viel Erfahrung und genauer Beobachtung sind eine unabdingbare Voraussetzung. Unter diesen Voraussetzungen ist meist auch nur ein kleinerer Betrieb führbar – damit wären wir beim österreichischen bäuerlichen Familienbetrieb.

 

Derzeit kauft der meist kleinere (Bio-)Betrieb seine Betriebsmittel teurer als der Großbetrieb ein, produziert wesentlich teurer und muss dann mit seinen Produkten auf dem gleichen internationalen Markt vermarkten – ausgenommen Biobetriebe –, die aber die Bio-Überschussware auch auf diesen Markt bringen müssen. Die kleinen Betriebe geben nur das Image für die Vermarktung der industriell oder semiindustriell produzierenden Landwirtschaftsbetriebe her. Sie sorgen für die schönen Fotos mit alten Almhütten, blühenden abwechslungsreichen Feldern, Kühen im „Blumenmeer“ usw.

 

Ich höre schon den Aufschrei: „Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren“. Im jetzigen System sind die, die für die schönen Fotos sorgen, die Benachteiligten. Sie sind in den Interessensvertretungen nicht so stark vertreten, sie haben keine laute Stimme und sie geben still und leise ihre Höfe auf – auch da dienen sie dann noch als statistische Beweise, wie schlecht es allen Bauern geht.

 

Der Vorschlag der Trennung von kleinen (Bio)betrieben und industriell geführten Landwirtschaftsbetrieben zielt nicht dazu ab diese zu diskreditieren, sondern um für klare Verhältnisse zu sorgen. Es kann und soll auch die industriell geführten Betriebe geben, diese spielen aber in einer anderen Liga und das soll transparent erkennbar sein.

 

Der Fördergeber soll die Spielregeln neu und klar festlegen und dort verstärkt fördern, wo eine nachhaltige Produktion möglichst ohne oder mit nur geringen Folgekosten gesichert ist. Dies gilt nicht nur für die landwirtschaftliche Produktion, die Berücksichtigung der Folgekosten sollte in allen Wirtschafts-, Produktions- und Lebensbereichen eine Selbstverständlichkeit sein.

 

Dr. Robert Fink, im Jänner 2024

 

Mit diesem Kommentar eröffnen wir die Diskussion – sowohl zum PRESSE-Gespräch als auch zu den Aussagen von Robert Fink. Schreibt uns an JA@clubofome-carnuntum.at und wir veröffentlichen auch eure Stellungnahmen – in der Club-Homepage und zusätzlich in Sozialen Medien.

Ein guter Vorsatz für 2024: Breite Bretter bohren

Gastkommentar von DR. FRED LUKS im DER STANDARD:

Ein guter Vorsatz für 2024: Breite Bretter bohren

Fantasie ist gut. Doch in der Debatte über Nachhaltigkeit haben Lösungen, die soziologisch naiv, ökonomisch abwegig, psychologisch unplausibel oder politisch gefährlich sind, nichts zu suchen. Realismus ist angesagt.

Weltfremde Ignoranz kann man sich in einem Superwahljahr nicht erlauben, schreibt Ökonom Fred Luks in seinem Gastkommentar.

Beginnen wir mit zwei realen Begebenheiten, die sich nicht in der fernen Vergangenheit zugetragen haben, sondern tatsächlich im Herbst 2023. Erstens: Der Chefvolkswirt einer Bank erörtert Szenarien zur Wirtschaftsentwicklung im kommenden Jahr. Klimawandel, Migration und der Ausstieg aus fossilen Energieträgern kommen dabei nicht vor. Was man für einen bösen Scherz halten könnte, ist bitterer Ernst: Es gibt Leute, die die Wirtschaft verstehen wollen, ohne über das Wirtschaftliche hinauszudenken.

Dabei hat Friedrich August von Hayek schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass jemand, der nur Ökonom ist, kein guter Ökonom sein kann. Man könnte ergänzen: Wer nur Ökologin ist, kann keine gute Ökologin sein. Das führt uns zur zweiten Begebenheit: Auf einem hochkarätigen Event der Nachhaltigkeitscommunity wird das Publikum im Modus der Druckbetankung mit ökologischen Horrorszenarien konfrontiert, ohne dass auch nur ein Satz zum gesellschaftlichen Zustand der Welt fällt.

„Wer nur Ökologin ist, kann keine gute Ökologin sein.“

Das Problem ist nicht, dass die Sorge vor ökologischen Desastern unbegründet ist. Nein, es liegt darin, dass man Warnungen vorm Untergang und Aufforderungen zur Umkehr seit Jahrzehnten hört und dass zwar nicht nichts passiert ist, aber eben doch deutlich zu wenig. Und das könnte daran liegen, dass die Ökos noch immer zu viel über die Umwelt und zu wenig über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen einer erfolgreichen Transformation nachdenken.

Aber Moment mal – ist das nicht viel zu simpel beschrieben? Krankt diese Beobachtung nicht selbst an offensichtlicher Unterkomplexität? Nun, natürlich gibt es viele interdisziplinär denkende Umweltbewegte, und in der Wirtschaft sitzen immer öfter Leute an den Schalthebeln, die um die Relevanz sozial-ökologischer Themen für ökonomischen Erfolg wissen. Aber das ändert leider nichts am Gesamtbefund.

Grüner Populismus

Denn: Bei allen unbestreitbaren Fortschritten der letzten Jahrzehnte strotzt der Diskurs über Nachhaltigkeit nur so von „Lösungen“, die soziologisch naiv, ökonomisch abwegig, psychologisch unplausibel oder politisch gefährlich sind und nicht selten all das gleichzeitig. Zugespitzt: Es gibt einen Ökologie-Populismus, der von ebenso fantasievollen wie praktisch unergiebigen Verbesserungsvorschlägen geprägt ist. Ihm steht ein Ökonomie-Populismus gegenüber, der von einem reichlich fantasielosen Glauben an Effizienz, Expansion und elaborierte Technik dominiert wird.

Fantasie ist ein unverzichtbarer Treibstoff für eine gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit. Aber sie sollte halt nicht hermetisch von jeder gesellschaftspolitischen und ökonomischen Realität abgeschottet sein. Der Vorwurf, die Politik kümmere sich zu wenig um naturwissenschaftliche Erkenntnisse, ist richtig – aber er schmeckt reichlich schal, wenn Vorschläge zur Weltverbesserung von sozial-, wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen völlig unbeleckt sind.

Politik mit Hausverstand

Wenn allen Ernstes postuliert wird, „wir“ hätten es in der Hand und „wir“ könnten alles besser machen, wenn „wir“ nur wollten, dann muss man fragen, wer dieses Wir sein soll – und wird auf die ernüchternde Erkenntnis stoßen, dass dieses vermeintlich nachhaltigkeitsaffine Kollektiv bestenfalls eine Fata Morgana ist und schlimmstenfalls ein Selbstbetrug von Leuten, die es besser wissen müssten. Wer an Nachhaltigkeit interessiert ist, kann sich nicht mit gut gemeinten Ideen zufriedengeben, sondern sollte für gut gemachte Handlungen und Unterlassungen streiten.

Gerade wenn man an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert ist, muss man die Unerfreulichkeiten zur Kenntnis nehmen, die den eigenen Hoffnungen entgegenstehen. Wo das politische Spitzenpersonal wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert und dies dann auch noch als eine „Politik des Hausverstands“ verkaufen will, stehen die Zeichen schlecht für eine Verbesserung der Lage. Auch darf man sich klarmachen, dass ein großer Teil der österreichischen Bevölkerung sich einen radikalen Klimawandelleugner als Kanzler wünscht und dass die EU in keinem Land so negativ gesehen wird wie hierzulande.

Beitrag zur Weltverbesserung

Wer all dies nicht zur Kenntnis nehmen will, wird zur Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse herzlich wenig beitragen. Und dann ist man bei Max Webers vielzitierter Aussage, Politik bedeute „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. Das mag altmodisch klingen, ist aber an Aktualität kaum zu überbieten.

Vielleicht ist der Jahreswechsel ein guter Anlass, das Bretterbohren als unverzichtbaren Beitrag zur Weltverbesserung anzuerkennen und bei der Gelegenheit die Breite der Bretter vor dem eigenen Kopf zu reflektieren. Zumal in einem Jahr, in dem das EU-Parlament, der Nationalrat, drei deutsche Landtage in AfD-Hochburgen und der US-amerikanische Präsident gewählt werden, sollte man sich weltfremde Ignoranz nicht erlauben – sondern die gesellschaftlichen Bedingungen ernst nehmen, unter denen Zukunftsfähigkeit, Wohlstand und Freiheit erreicht und gesichert werden sollen.

Fred Luks, im Dezember 2023

https://www.derstandard.at/story/3000000201231/ein-guter-vorsatz-f252r-2024-breite-bretter-bohren

 

Dr. Fred Luks ist Ökonom, Nachhaltigkeitsforscher und Publizist. Er war – im Auftrag des Energieparks Bruck/Leitha und im Rahmen des LEADER-Projekts „Take the Chance – Be the Change“ – wissenschaftlicher Begleiter bei der Erarbeitung des Manifests „JA!“: https://www.clubofrome-carnuntum.at/ja/. Am 3. April begrüßen wir ihn zu unserem 3. Club-Abend 2024. Thema: Sein aktuelles Buch „Ökonomie der Großzügigkeit“:  https://www.clubofrome-carnuntum.at/event/oekonomie-der-grosszuegigkeit-das-nachhaltige-fuellhorn/  – Hier sein Artikel dazu in DIE FURCHE: https://www.clubofrome-carnuntum.at/2023/oekonomie-der-grosszuegigkeit-das-nachhaltige-fuellhorn/

Bild: Foto Getty Images Leo Patrizi