E-Busse sollen Autos ablösen

Tullnerfeld – Vorbild für Römerland Carnuntum?

E-Busse sollen Autos ablösen

Steigender Verkehr, Zersiedelung oder konsumorientierte Lebensstile verursachen immer mehr Emissionen. Im Tullnerfeld forscht ein Start-up nun über neue Mobilitätsformen für Pendler. Dabei sollen etwa automatisierte Busse, eMofas, eBikes und Car-Sharing-Lösungen getestet werden.

Bei dem österreichweiten Forschungsprojekt „Mobilität neu Denken“ will das Start-up SmartDigital neue Mobilitätsformen entwickeln, welche die Region unabhängig von privaten Fahrzeugen machen. Die Gemeinden Judenau-Baumgarten, Königstetten, Tulbing und Tulln wollen bei diesem Projekt Konzepte ausloten, die bestehende Verkehrsprobleme lösen können. Den Pendlern will man damit Alternativen für die „letzte Meile“ bieten.

„Unser Ziel ist es, keine theoretischen Optionen auszuloten, sondern praxistaugliche Lösungen für das ländliche Österreich zu entwickeln. Das Tullnerfeld bietet dafür eine perfekte Umgebung“, betont Alexander Schuster, Gründer von SmartDigital. Für Peter Eisenschenk (ÖVP), Bürgermeister von Tulln, ist das Projekt wichtig, weil es „hinsichtlich des Zieles der CO2-Neutralität der Stadtgemeinde von großer Bedeutung ist.“

Ziel sind klimaschonende Mobilitätslösungen

Priorität haben vor allem klimaschonende Mobilitätslösungen, die aktuelle Probleme in der Region wie den überbordenden Individualverkehr zum ÖBB-Bahnhof Tullnerfeld, ändern. „Mobilität neu denken ist ein Gebot der Stunde, ansonsten müssen wir noch drei weitere Parkhäuser beim Bahnhof Tullnerfeld errichten. Wir brauchen bedarfsorientierte Lösungen und keine starren Fahrpläne für unsere Pendlerinnen und Pendler“, erläutert Georg Hagl (ÖVP), Bürgermeister der Gemeinde Judenau.

Die Gemeinden wollen dabei Konzepte entwickeln, die auch von der Bevölkerung akzeptiert werden. „Gerade für die ältere Generation schafft neue Mobilität die Möglichkeit, in der Gesellschaft weiter aktiv zu sein und auf andere Personen weniger angewiesen zu sein“, sagt Thomas Buder (ÖVP), Ortschef der Gemeinde Tulbing. „Gerade in unserer dicht besiedelten, wachsenden Region ist Mobilität das wichtige Thema“, ergänzt Robert Nagl (ÖVP), Bürgermeister von Königstetten.

Zusammenarbeit von Unternehmen und Unis

Das Verkehrsministerium startete deshalb auch das Programm „Mobilität der Zukunft“, in dem Forschungsunternehmen, Verkehrsunternehmen, Universitäten und Fachhochschulen aus ganz Österreich zusammenarbeiten. Innerhalb der Projektlaufzeit von vier Jahren werden neue Mobilitätslösungen entwickelt, umgesetzt, ihre Wirkung getestet und evaluiert. Damit will man noch während der Projektlaufzeit zeigen, dass die Angebote praxistauglich und im Sinne der Mobilitätswende wirksam seien.

Neben dem Großraum Salzburg, der Region Graz-Umgebung sowie dem Ötztal (Tirol) ist das Tullnerfeld eine für die sozioökonomische Erforschung neuer Mobilitätslösungen definierte Pilotregion: Im Tullnerfeld liegt der Schwerpunkt auf neu entwickelten Verkehrskonzepten, damit Pendler aus den angrenzenden Gemeinden den Bahnhof Tullnerfeld auch ohne privates Auto erreichen können. Die neu entwickelte Lösung soll in punkto Kosten, Komfort und Fahrzeiten dem privaten Pkw zumindest ebenbürtig sein.

Quelle: https://noe.orf.at/stories/3026955/

Technische Revolution

Wolfgang Anzengruber:

Ich glaube an eine nachhaltige technische Revolution

Was braucht es, um den drohenden Klimakollaps auf Erden zu verhindern? Eine systematische Dekarbonisierung des Energie- und Wirtschaftssystems, fordert Verbund-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber. Ein Kommentar zur Strategie des Energie-konzerns, zu den Anforderungen an die Politik und zum Glauben an die Energiezukunft.

Energie ist der Antrieb für unser Leben. Für den vom wirtschaftlichen Wachstum getriebenen Hunger nach Energie bezahlen wir Menschen aber zugleich einen immer höheren „Preis“. Unsere Erde ist erschöpft – nicht morgen, schon heute. Der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen steht nicht ante portas, er ist im Gang. Und der Hauptverursacher ist nach eindeutigem Befund der Wissenschaft das Treibhausgas CO₂. Das alles ist keine Schwarzmalerei, das sind Fakten.

 „Wir sind die erste Generation, die die Klimakrise am eigenen Leib erlebt und wohl die letzte Generation, die noch in der Lage ist, das Ruder herumzureißen“, sagt Verbund-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber.                                                   

(c)Verbund

 Volle Kraft den erneuerbaren Energien!

Für Verbund als größtes österreichisches Stromunternehmen ist der Weg in die Zukunft demnach klar: Wir haben knapp 100 Prozent CO₂-freie Stromerzeugung, steigern die Energieeffizienz und treiben die Dekarbonisierung und die Digitalisierung voran. Basis und Herzstück unseres Unternehmens ist und bleibt die effiziente Wasserkrafterzeugung. Wir betreiben 128 Wasserkraftwerke, setzen auf Effizienzsteigerungen bei bestehenden Anlagen und haben rund 30 Projekte in der Pipeline.

Ergänzend zur Wasserkraft setzen wir auf den Ausbau der neuen erneuerbare Energien. Wind- und Sonnenkraft sollen künftig an die 20 bis 25 Prozent der Gesamterzeugung von Verbund ausmachen. Gemeinsam mit der OMV errichten wir zum Beispiel im Weinviertel gerade die größte Photovoltaik-Freiflächenanlage Österreichs. Bei Windkraft verfügen wir in Österreich, Deutschland und Rumänien bereits über 153 Anlagen.

 Ohne Innovation keine nachhaltige Energiezukunft

Wir müssen in Innovation und Forschung investieren, unsere Wirtschaft umgestalten und unsere Industriepolitik modernisieren: Der aus Strom aus erneuerbaren Quellen gewonnene grüne Wasserstoff hat aus unserer Sicht enormes Potential, als Industrierohstoff, Energieträger und als Speichermedium. Wir treiben das gemeinsam mit Industriepartnern mit Großprojekten voran, zum Beispiel am Standort der Voestalpine in Linz (H2FUTURE).

Auch unseren Standort in Mellach entwickeln wir zu einem Standort für Zukunftstechnologien. Einerseits werden Großbatterien speziell für die E-Mobilität getestet, andererseits sorgen wir mit einem Hochtemperatur-Elektrolyse-Pilotprojekt mit der TU Graz für die Produktion des zukunftsträchtigen grünen Wasserstoffs.

Mit großen Stromspeichern lässt sich eines der Kernprobleme der Energiewende lösen

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien aus Quellen wie Wind und Sonne steigt die Volatilität der Stromerzeugung. In Sachen Energie-Systemmanagement, also beim Ausgleich von Angebot und Nachfrage, kommt die Notwendigkeit von Energie- und Stromspeichern ins Spiel. Unsere großvolumigen Pumpspeicher leisten da einen entscheidenden Beitrag, aber wir investieren auch massiv in die Entwicklung alternativer Speichertechnologien.

Dazu gehören neben grünem Wasserstoff Batteriespeicher in Form von Lithium-Ionen-Akkus. Diese sind für energieintensive Branchen wie Metall-, Halbleiter- oder Glasindustrie interessant und spielen eine Schlüsselrolle für die Energiezukunft der E-Mobilität. Ein Projektbeispiel von Verbund ist SYNERG-E, wo wir lokale Batteriespeicher an Hochleistungs-Ladestandorten für Elektroautos installieren, um ultraschnelles Laden ohne Netzbelastung zu ermöglichen. Drei Batteriespeicher in Wien, Graz und Innsbruck haben wir bereits in Betrieb genommen.

Die Politik muss die ökologischen und ökonomischen Leitplanken vorgeben

Im Rahmen des Green Deals will die Europäische Kommission die Klimaziele für 2030 noch weiter verschärfen, auf mindestens 50 bis hin zu 55 Prozent. Europa soll beim Klimaschutz eine Vorreiter-Rolle einnehmen und bis 2050 erster klimaneutraler Kontinent werden. Österreich wird 2018 und wohl auch 2019 und 2020 die Klimaschutzvorgaben verfehlen. Damit drohen der Republik Strafzahlungen in der Höhe von acht bis zehn Milliarden Euro. Wollen wir nicht lieber in die Zukunft investieren, anstatt für Versäumnisse der Vergangenheit Strafe zu zahlen?

Energiewirtschaft, Industrie und Konsumenten brauchen langfristig stabile und klare Rahmenbedingungen für ihre Investitions- und Kaufentscheidungen. Das ist Aufgabe der Politik. Einen zentralen Baustein für die Dekarbonisierung bildet die adäquate Bepreisung von CO₂ in unserem Energie- und Wirtschaftssystem. Unser Standpunkt dazu: Der EU-Zertifikatshandel (ETS) soll weiterhin das Instrument der CO₂-Bepreisung sein. Allerdings muss er um die Sektoren Mobilität und Wärme erweitert werden, die gerade in Österreich einen Großteil der Emissionen ausmachen.

Statt einer CO₂-Steuer plädiere ich für einen sukzessive ansteigenden CO₂-Mindestpreis. Im Klartext heißt das: Der Mindestpreis muss so lange steigen, bis der Marktpreis für CO₂ seine lenkende Funktion entfalten kann.

Wir können es nicht mehr verantworten, nichts zu tun

Wir sind also die erste Generation, die die Klimakrise am eigenen Leib erlebt und wohl die letzte Generation, die noch in der Lage ist, das Ruder herumzureißen. Also packen wir es an – im Wissen, dass das notwendige Ende des fossil-nuklearen Energiesystems nicht das Ende der Entwicklung, sondern vielmehr der Aufbruch in eine neue, nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft ist. Wir müssen nicht unsere Freude an Mobilität, Technik, Mode und Kommunikation zügeln, sondern vielmehr unseren Ressourcenverbrauch. Die Jugend lebt uns das heute schon vor, wenn sie zum Beispiel ein Auto lieber teilt als besitzt und beim Konsum auf regionale Herkunft achtet. Denn mehr Konsum macht uns nicht glücklicher.

Sinn liegt aus meiner Sicht vielmehr in einer nachhaltigen technologischen Revolution, die nicht auf Ausbeutung setzt, sondern auf eine clevere und saubere Nutzung von Ressourcen. Ich glaube daran, dass Forschung, Entwicklung und Innovation uns die Wende weg von CO₂ und hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energieträgern ermöglichen werden. Die Vision einer erneuerbaren Energiezukunft ist für uns alle mit Sicherheit die beste Option.

 

Junge Menschen wollen nicht verbrennen

Interview mit dem Trend- und Zukunftsforscher Ali Mahlodji:

„Junge Menschen wollen in der Arbeit nicht mehr verbrennen“

 

Ali Mahlodji© Gregor Nesvadba

Ali Mahlodji:

„Meine Generation ist zu einer Generation Burnout geworden“.

„Die Generation Z sagt: Ich will nicht bis zur Pension warten, bis ich mein Leben genießen kann!“

Sie sind unsolidarisch, illoyal, selbstsüchtig, wollen viel Freizeit und keine Verantwortung übernehmen. Millenials, also Menschen, die zwischen 1982 bis 1996 geboren wurden, haben keinen guten Ruf in der Arbeitswelt – fragt man Unternehmensberater und CEOs. Die Mächtigsten in Unternehmen machen sich Sorgen, wer als Führungskraft nachkommen wird. Es gibt einen Führungskräftemangel, die Jungen wollen keine Verantwortung übernehmen, sagen sie. Aber stimmt das wirklich? Die „Wiener Zeitung“ hat mit dem Trend- und Zukunftsforscher Ali Mahlodji gesprochen.

„Wiener Zeitung“: Österreichs Chefetagen jammern. Es gebe einen Führungskräftemangel. Junge Menschen wollen kaum Verantwortung übernehmen. Ist da was dran?

Ali Mahlodji kam mit zwei Jahren als Flüchtling nach Österreich. Als Schulabbrecher machte er die verschiedensten Jobs und geriet ins Burnout. 2011 gründete er die Berufsorientierungsplattform „whatchado“. 2017 erschien Mahlodjis Buch „Und was machst Du so?“ im Econ Verlag. Seit 2018 arbeitet er als Trend- und Zukunftsforscher und ist Verfasser des Work Report 2019, den er zusammen mit dem Zukunftsinstitut herausbrachte.

Ali Mahlodji: Ganz viele alte weiße Männer sagen, junge Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen und nicht Führungskraft sein. Die jungen Menschen wollen aber sehr wohl Verantwortung übernehmen. Sie wollen jedoch in einem System mit alten Regeln nicht mehr mitspielen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Greta Thunberg, eine 16-Jährige, die die Führungsrolle einer komplett neuen Generation von jungen Menschen übernommen hat, die auch ihre Eltern und andere Erwachsene anstiftete, auf die Straße zu gehen. Das ist Führungskraft pur. Als vor wenigen Jahren in den USA wiederholt Menschen gestorben sind bei Schießereien in Schulen, waren es wieder junge Menschen, die auf die Straße gegangen sind, mobil gemacht und demonstriert haben. Junge Menschen übernehmen also sehr wohl Führung – aber sie glauben nicht mehr jeden Blödsinn.

Wie kommt es dann zu dem Eindruck, der Nachwuchs sei nicht interessiert?

Bei den klassischen Führungskräften ist das Dilemma, dass sie immer von sich selber ausgehen. Und die klassischen Führungskräfte heute sind in der Überzahl alte weiße Männer. Die sind in einer Welt aufgewachsen, in denen ihnen in der Industrialisierung versprochen worden ist: wenn du alles richtig machst, hast du erstens lebenslang einen tollen Job und zweitens bekommst du Statussymbole.

Und das interessiert die jungen Menschen nicht mehr?

Das Wertesystem eines Menschen wird zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr festgelegt. Erst mit etwa zwölf Jahren ist unser Gehirn in der Verfassung geopolitische Zusammenhänge auf unser Leben umzumünzen. Die Dinge, die mit 12, 13 Jahren passieren, prägen unser Wertesystem. Und wenn ein Kind etwa im Jahr 1996 geboren wurde, dann ist es in den ersten Jahren mit der klassischen Arbeitsdenke aufgewachsen: lebenslanger Job, mache eine sichere Ausbildung, mache das, was die Leute gut finden, hackel brav und dann kommt die Pension. Dieses Kind war dann 13 Jahre alt, als die Finanzkrise eintrat. Das Versprechen der Arbeitgeber gab es ab dann nicht mehr.

Also sind die Jungen desillusioniert und enttäuscht?

In der Finanzkrise haben auch ganz große Unternehmen wie Kapsch oder Siemens viele Menschen rausgeschmissen. Und die Erwachsenen waren damals alle enttäuscht. Aber die Enttäuschung ist das Ende unserer Täuschung. Wir haben uns oft täuschen lassen von dem alten System, von den erwähnten Glaubenssätzen. Heute merken junge Menschen – nicht nur die 16-jährigen, auch die 25- und 35-jährigen – die Sicherheitssysteme Arbeitgeber und Staat existieren so nicht mehr. Junge Menschen sagen, ich bekomme zwar schon eine Pension, aber erstens will ich nicht so lange warten, bis ich mein Leben genießen kann und zweitens werde ich nicht mehr die Pension bekommen, von der meine Großeltern erzählt haben. Das ist nicht mein Lebensziel.

Ist die junge Generation verwöhnt?

Wir verzeichnen den höchsten Wohlstand aller Zeiten. Die Menschen fühlen sich aber immer unsicherer. Und die Jugendlichen sagen: pass auf, ich hau mich schon wo gescheit rein, aber sicher nicht mehr um jeden Preis. Und ich will nicht verbrannt werden in der Arbeit. Und viele Unternehmen und NGOs merken, wenn sie den Leuten nicht was anbieten, wo sie in der Arbeitszeit etwas Sinnvolles machen können, dann werden sie die Leute verlieren.

Und wie bringt man „Sinn“ ins Unternehmen?

Ich war bei einem der Top 4 Beratungsunternehmen weltweit. Die haben mir gesagt, erst seit sie begonnen haben den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, während der Arbeitszeit ein paar Stunden sich um soziale Projekte zu kümmern, sind sie total überrascht, wie die jungen Leute sich darum reißen, sich mit ihren Ideen einzubringen. Die Definition für Verantwortung hat sich verändert. Firmen wie ÖAMTC oder Microsoft bieten bezahlte Papawochen an. Das gibt Vätern die Möglichkeit, Zeit für ihre Familie und für ihre Kinder zu haben. Das ist pure Verantwortung. Die Belohnungssysteme haben sich radikal verändert.

Das heißt, das Problem liegt bei den Arbeitgebern – sie haben ein Vertrauens-, ein Sinnproblem?

Meine Generation, die Generation Y, ab Jahrgang 1981, die hat sich ständig reingehaut. Sie war die erste Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist und plötzlich ganz viele Möglichkeiten hatte. Die Generation Y hat zum ersten Mal ein Firmentelefon gehabt, ein Handy. Das war ja super – da kann man am Abend noch ein Email schreiben. Und die Generation Z, die ganz Jungen, die haben sich das angeschaut und sagen nun, das will ich nicht. Wofür?

Ist die Abscheu berechtigt?

2007 bis 2017 hat sich in den reichen Ländern der Erde die Verschreibung von Antidepressiva bei den 25 bis 35-Jährigen mehr als verdoppelt. Die Generation, die aufgewachsen ist mit, du kannst alles machen, dir soll es mal besser gehen – in einer Gesellschaft, wo schon alles da ist – hat massive psychische Probleme. Die alten Glaubenssätze passen nicht mehr, die kommen von Menschen, die den Krieg, die Nachkriegszeit und das Aufbauen erlebt haben. Das Problem ist, uns kann es nicht noch besser gehen. Deshalb ist meine Generation zu der Generation Burnout geworden.

Sind die Jungen undankbar. Sie haben alles, sind aber schlecht drauf…

Die Elterngeneration findet die Jugend pessimistisch – aber die jungen Leute sagen, sie sind realistisch und pragmatisch. Sie lassen sich nicht mehr für dumm verkaufen. Aber wenn sie Projekte finden, die sie für sinnvoll erachten, dann laufen die die Extrameile. Ich bin jede Woche in Österreich unterwegs, in kleinen Gemeinden, nicht nur in den großen Städten, und da gibt es unglaublich tolle Jugendprojekte. Die machen was für die Community, sind engagiert, schauen, dass ältere Leute eingebunden werden in Aktivitäten, usw.

Gibt es Unternehmen, die das Problem begriffen haben? Was tun die?

Ich kenne Unternehmen, die diese Probleme stark haben. Das kann eine Lufthansa sein, große Automobilhersteller, aber das erlebe ich auch in einer kleinen Bäckerei oder Zimmerei. Und die, die keine Probleme haben mit diesem Vertrauensverlust und dem Generationenkonflikt, sind Unternehmen, die darauf achten, dass es intern Generationengespräche gibt. Da gibt es bewusste Gesprächsrunden, wo Lehrling und Meister zusammensitzen und miteinander reden. Jeder erzählt aus seiner Lebenswelt, von seinem Wissen. Die ÖBB suchen in den nächsten Jahren 10.000 Leute, die beginnen jetzt mit Generationengesprächen. Daimler beginnt mit Generationengesprächen, wo sie sogar Mitarbeiter aus der Pension zurückholen und sie mit den ganz Jungen zusammenspannen, damit sie voneinander lernen.

Die Babyboomer gehen in Pension und müssen nachbesetzt werden. Wie wird das Wissen der Alten übergeben?

Die Unternehmen, die mit den Generationengesprächen erfolgreich sind, haben den Älteren klar machen können, dass sie die Weisheit des Lebens haben und die ganzen Abkürzungen kennen. Sie sind die Mentoren der Jugendlichen. Und die Älteren lernen aber auch etwas über neue digitale Kommunikation etwa. In diesen Unternehmen geht es auch ganz groß um Wertschätzung – und das macht unglaublich viel aus. Da geht es nicht um Geld und externe Berater. Es geht darum, dass man im Betrieb Zeit damit verbringt, was in vielen Familien nicht mehr passiert. Es leben weniger Generationen unter einem Dach, die Zeit, die Eltern mit den Kindern reden wird immer weniger. Es gibt immer weniger Beziehungsarbeit. Unternehmen können das abfedern heute, indem sie Räume schaffen, wo diese Generationen sich begegnen. Wenn sie das nicht schaffen, fliegt ihnen alles um die Ohren.

Führungskräfte werden häufig extern rekrutiert. Da wird viel Zeit und Geld investiert. Beim eigenen Nachwuchs wird kaum geschaut, wer folgen kann…

Die kleinen und mittleren Unternehmen, die KMUs, haben aktuell eines der größten Probleme – und die beschäftigen rund 70 Prozent der Arbeitnehmer – nämlich die Nachfolgeregelung. Die ganzen Unternehmensberater, die auf Nachfolgeregelung spezialisiert sind, verdienen sich aktuell dumm und dämlich. Man stellt fest, von außen will keiner, dann schaut man intern und merkt, dass der große Patriarch oder Firmenchef gar nicht wirklich abgeben möchte – deswegen hat er auch niemanden aufgebaut. Und dann haben alle ein Problem.

Was sind Fähigkeiten, die es bei den Jungen braucht?

Den Jugendlichen fehlt heute zum einen Gelassenheit und Geduld und zum zweiten, die Fähigkeit tiefe Beziehungen einzugehen. Und das sind genau die Dinge, die es braucht, um auch beruflich erfolgreich zu sein. Dinge brauchen Zeit, um gut zu werden. Beziehungen zu Kollegen, Partnern und Kunden müssen aufgebaut und gepflegt werden.

Und auf Unternehmensseite?

Unternehmen müssen verstehen, dass sie mehr sind als ein Arbeitgeber. Es geht darum, einen jungen Menschen in einem seiner wichtigsten Lebensabschnitte zu begleiten. Es gibt Unternehmer, die machen für Lehrlinge und Mitarbeiter unter 30 Jahre Persönlichkeitsentwicklungskurse. Die jungen Leute merken: der Arbeitgeber will nicht einfach nur immer mehr Leistung von mir, sondern dass ich mich zu einem mündigen, selbstsicheren Erwachsenen entwickle. Sogar wenn das bedeutet, dass ich das Unternehmen dann verlasse. Das ist Wertschätzung. Diese Unternehmen kennen keinen Fachkräftemangel. Die wollen junge Leute und Lehrlinge, die wirklich unbedingt im Unternehmen arbeiten wollen. Die, die bleiben, übernehmen Verantwortung und sind potenzielle Führungskräfte.

Was hat dieses Thema mit Innovation in Unternehmen zu tun?

Die Frage, der wir uns stellen müssen, ist: wissen wir in unseren Organisationen eigentlich, was wir wirklich wissen? Wissen wir, was jeder Einzelne bei uns weiß? Kennen wir unser Potenzial, die Ideen, die in den Mitarbeitern schlummern? So lange wir diese Frage nicht beantwortet haben, brauchen wir nicht draußen nach Innovation schauen.

Gibt es da Vorbilder?

Der ÖAMTC hat vor zwei Jahren eine Innovationsplattform gestartet. Dahinter steht die Überzeugung, die besten Ideen kommen nicht von den Chefs, sondern von den Leuten, die tagtäglich mit den Kunden in Kontakt stehen. Auf dieser Plattform haben sich mittlerweile 80 Prozent der Mitarbeiter eingeloggt. Es wurden mehr als 1400 Ideen eingereicht und der ÖAMTC hat über 10 Prozent dieser Ideen umgesetzt. Und mit 34 Ideen hat einer der Außendienstmitarbeiter, ein 30-jähriger Mann, der draußen die Autos abschleppt, am meisten Ideen eingereicht. Das ist gelebte Kultur der Wertschätzung.

 

Zeit ist reif für Veränderung

Interview mit Erwin Wagenhofer:

„Ich habe den Eindruck, dass die Zeit reif ist für Veränderung“

Die bisherigen Filme von Regisseur Erwin Wagenhofer beleuchten die zerstörerischen Seiten unseres Wirtschaftens. „But Beautiful“ zeigt nun, wie schön es anders gehen könnte.

Der Regisseur Erwin Wagenhofer wurde durch Filme „We Feed The World“ (2005), „Let’s Make Money“ (2008) und „Alphabet“ (2013) bekannt. Er zeigt in ihnen die Mängel der westlichen Wirtschaftssysteme an den Beispielen der globalisierten Nahrungsmittelindustrie, des neoliberalen Kapitalismus‘ oder eines auf Effizienz ausgerichteten Bildungssystems. In seinem neuen Film „But Beautiful“ sieht man nun positive Beispiele dafür, wie die Probleme der Welt gelöst werden können: Permakultur-Visionäre auf La Palma etwa, oder einen Förster, der die gesündesten Häuser der Welt entwickelt. „Die Zeit ist reif für solche Vorbilder“, sagt Wagenhofer im Interview.

SZ: „But Beautiful“ ist ein Film über das Schöne und Gute. Ihre bisherigen Werke waren hingegen Bestandsaufnahmen des Schlechten. Ist es schwerer, einen Film über das Schöne zu machen als über das Schlechte?

Erwin Wagenhofer: Ja, das ist sehr viel mühsamer. Ich kann es simpel mit einem Wort sagen. Es gibt den Begriff „Dramaturgie“, da steckt schon das Drama drinnen. Wie wollen Sie das Gute dramatisieren? Da habe ich wahnsinnig lange daran herumgebaut. Ich habe 14 Monate lang geschnitten.

In Ihrem Film präsentieren Sie unter anderem den österreichischen Förster Erwin Thoma, der den Bäumen als Lebewesen dieselbe Wertigkeit zuweist wie Menschen oder Tieren. Gleichzeitig fällt er Bäume, um aus ihnen seine speziellen Holzhäuser herzustellen. Er tötet also genau die Kreatur, die ihm so am Herzen liegt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Erwin Wagenhofer: Da würde ich nicht von „töten“ sprechen, sondern von „ernten“. Der Baum wird zwar gefällt, aber gleichzeitig wird ja sofort ein neuer gepflanzt. Deswegen heißt es ja „nachwachsende Rohstoffe“. Dass Säen und Ernten zusammengehören, ist ja gerade das Einzigartige an der Forstwirtschaft, und das beschreibt Thoma im Film ja auch, wenn er sagt: „Das ist der einzige Wirtschaftszweig, bei dem sie ernten, was sie nicht gesät haben, und sie säen, was sie nicht ernten werden.“ Denn so ein Baum wird ja 200 Jahre alt, das heißt, wenn er heute gefällt wird, haben ihn unsere Urahnen gesät. Und was wir heute säen, werden unsere Enkelkinder oder deren Kinder ernten. So was ist echte Kreislaufwirtschaft.

Außerdem sagt Thoma im Film, dass es wichtig sei, die Bäume bei abnehmendem Mond zu fällen. Ist das nicht reine Esoterik?

Nein. Das ist Wissen, das es seit Jahrtausenden gibt. Bei Cäsar gab es einen Erlass, dass Kriegsschiffe nur aus „Mondholz“ gebaut werden dürfen, weil dieses viel robuster und weniger anfällig für Schädlinge ist. In Russland gibt es Kirchen, die sind tausend Jahre alt und aus solchem Holz, die haben nie ein Holzschutzmittel gesehen, weil es das damals noch gar nicht gab. Auch in Japan gibt es Holzklöster, die sind 1600 Jahre alt.

Die Holzindustrie will das nicht hören und stellt das als Spinnerei hin, weil sie natürlich Tag und Nacht ernten will. Aber von der ETH Zürich wurde dieses alte Wissen inzwischen auch wissenschaftlich bestätigt.

Die Schweizer Familie Graf, die auf La Palma eine große Fläche Ödland rekultiviert hat, erklärt sich in Ihrem Film als weitgehend autark. Wie muss man sich das vorstellen? Hat sich die Familie tatsächlich aus unserem Wirtschaftskreislauf ausgeklinkt?

Die Autarkie, die da angesprochen wird, ist nicht in dem Sinne zu verstehen, dass die Grafs reine Selbstversorger sind. Das war nie die Idee. Die Familie wirtschaftet als landwirtschaftlicher Betrieb einfach weitgehend autonom. Ihren Solarstrom erzeugen sie zum Beispiel selbst, deshalb haben sie sich vor zwei Jahren von der Stromgesellschaft abgeschaltet. Sie produzieren außerdem sehr viele Lebensmittel für sich selbst, und zwar ohne auf Kunstdünger angewiesen zu sein. Die einzige Ressource, bei der sie noch nicht autonom sind, ist das Wasser. Das müssen sie zukaufen. Doch sie arbeiten daran, auch an dem Punkt unabhängig zu werden.

Bevor sie nach La Palma gezogen sind, hatten sowohl Barbara Graf als auch ihr Mann Erich lukrative Jobs als Architektin und IT-Fachmann. „But Beautiful“ ist recht eindeutig als Appell zu verstehen, es ihnen gleichzutun: aus ausgetretenen Pfaden herauszutreten und eine bessere Welt aufzubauen. Aber könnte das wirklich klappen, wenn das jeder macht?

Das ist die Frage nach einem alternativen Wirtschaftssystem, und es ist nicht meine Aufgabe als Filmemacher, die Frage zu beantworten, wie wir das zustande bringen könnten. Als Regisseur sehe ich mich in der Rolle desjenigen, der die Menschen ermutigt, endlich mal in die Gänge zu kommen. Und das gelingt meiner Meinung nach mit dem Film auch. Ich habe ja bereits einige Vorführungen hinter mir, und konnte da die Reaktion des Publikums miterleben. Manche Zuschauer begannen zu weinen, weil sie so überwältigt von der Einsicht waren, dass sie vielleicht doch in der Lage sind, selbst einen gewissen Beitrag zu leisten zur Veränderung zum Guten hin.

Meine Generation – ich bin Jahrgang 1961 -, die hat’s komplett verschlafen!

Was Sie Ihren Altersgenossen mit Ihren früheren Filmen „We Feed the World“„Let’s Make Money“ und „Alphabet“ über die Nahrungsmittelindustrie, den Finanzkapitalismus und unser Bildungssystem ja sehr eindrucksvoll gezeigt haben. Genutzt hat das aber offensichtlich nicht viel.

Trotzdem war es sinnvoll, diese Missstände zu beschreiben. Fast täglich erreichen mich Mails von Menschen, die aufgerüttelt durch die Filme vieles in ihrem Leben verändert haben. Und auch, weil sie Teil meiner persönlichen Entwicklung sind. Ein neuer Film fing bei mir immer da an, wo der alte aufhörte, und das hat mich schließlich zu „But Beautiful“ geführt.

Denn ich habe den Eindruck, dass die Zeit reif ist für Veränderung, die irgendjemand vornehmen wird.

Vermutlich nicht Angela Merkel, aber vielleicht die Greta Thunberg – als Symbolfigur meine ich jetzt.

Die Einschränkung im Filmtitel „But Beautiful“ irritiert. Warum eigentlich dieses „Aber“?

Weil es eine Naivität wäre, zu sagen: Das Leben ist nur schön. Wir wissen alle: Es gibt Aufs und Abs. Es gibt herausfordernde Tage, es gibt Tage, an denen geht es besser. Aber prinzipiell sind wir alle gern da, und die meisten Leute wollen auch sehr alt werden.

Man kann Sie also so verstehen, dass sie sagen: „Das Leben kann schwierig sein, aber es ist schön.“

So können Sie es verstehen. Aber wenn Sie wollen, können Sie auch einen Bezug zu der bekannten Jazzballade „But Beautiful“ aus dem Jahr 1947 von Jimmy Van Heusen und Johnny Burk herstellen, die als Appell verstanden werden kann, keine Angst vor dem Scheitern zu haben.

Andererseits ist die Angst vor dem Scheitern ja eine sehr reale: Wer etwas Neues wagt, dem droht leicht zum Beispiel Bankrott oder Arbeitslosigkeit.

Na gut. Das droht. Aber scheitern heißt nicht sterben. Und nicht jeder, der etwas Neues wagt, scheitert oder geht Bankrott! Es ist eher genau das Argument, mit dem die Leute in Angst gehalten werden und dadurch gefesselt in Situationen, die nicht gut sind.

Ich hätte im Film auch einen weiteren österreichischen Unternehmer zeigen können: Josef Zotter. Er stellt Schokolade her – extrem erfolgreich. Auf die Geschäftsidee mit der Schokolade ist er überhaupt erst gekommen, nachdem er mit einer Konditorei in Graz einen Konkurs hingelegt hat. Der sagt heute: „Die wichtigste Erfahrung meines Lebens war dieser Konkurs.“ Das heißt doch: Die Angst vor dem Scheitern ist viel schlimmer als das eigentliche Scheitern. Denn aus dem kann etwas Neues entstehen.

 

 Dieses Interview ist zuerst am 26. November 2019 in der SZ erschienen.