„Greta Thunberg? Wie lächerlich“

„Greta Thunberg? Wie lächerlich“

Deutschlands bekanntester Umweltchemiker Michael Braungart über den Weltuntergang, kompostierbare Sportschuhe und Robert Habecks Umhängetasche

 

Umweltchemiker Michael Braungart

Foto EPEA: Würde sich über den Chemienobelpreis freuen: Vordenker Michael Braungart

 Er schwamm in der Nordsee, um Dünnsäurefrachter zu stoppen, kletterte auf Schornsteine, um auf Umweltsünden von Chemiekonzernen aufmerksam zu machen und gründete die Grünen mit: Michael Braungart begann als Greenpeace-Aktivist, heute arbeitet der 61-Jährige aus einem Büro in Hamburg heraus an nichts weniger als einer Revolution, die Umwelt und Menschheit retten sollen. Markus Lorenz sprach mit dem Vordenker und Überzeugungstäter.

Herr Braungart, wollen Sie die Welt retten? Ach nein, die Welt muss nicht gerettet werden.

Nanu? Man könnte den Eindruck haben, Sie tun alles dafür. . . ?

Die Leute machen die Katastrophe einfach nur größer, damit sie selber wichtiger erscheinen. Es geht weder ums Überleben des Planeten noch der Menschheit.

Gar keine Angst vor den Folgen von Klimawandel und Umweltzerstörung? Es stimmt schon, dass wir alles verlieren werden, was uns bei Tieren und Pflanzen besonders liebenswürdig erscheint. Koalabären, Gorillas, Zebras, Giraffen, Wale, Delfine – alles wird aussterben. Aber viele Säugetiere werden erhalten bleiben, ebenso die Kakerlaken etc. Wir verlieren aber durch Verteilungskämpfe das, was wir in 10 000 Jahren Zivilisation an Würde geschaffen haben. Schlimm genug.

Also: Müssen wir dringend handeln?

Ja. Oder besser: Wir wollen handeln. Der Kampf gegen Umweltzerstörung ist nämlich kein Moralthema. Donald Trump ist für mich mit seinem Ausstieg aus dem Klimaabkommen der viel ehrlichere Lügner. Wir verschaffen den Leuten zurzeit den Eindruck, als täten wir etwas. In Wahrheit stehen unsere Maßnahmen in keinem Verhältnis zu dem, was getan werden müsste.

Die Deutschen halten sich für vorbildliche Umweltschützer. Sie nicht? Wir denken, es reicht, wenn wir ein bisschen weniger zerstören: weniger Auto fahren, weniger Müll, weniger Wasserverbrauch. Damit schützen wir aber nichts, wir machen nur weniger kaputt. Es ist so, als wenn wir sagen: „Ich schlage mein Kind nur noch fünfmal statt zehnmal.“ Wenn eine Plastikverpackung statt acht nur 7,6 Gramm wiegt, denken wir, das sei ein Fortschritt. Wir machen das Falsche perfekt, anstatt zu fragen: Was ist das Richtige?

Was ist das Richtige? Alles neu zu denken, zuerst das Denken selbst, dann die Produkte. Die Natur kennt keinen Abfall. Alles geht in den Kreislauf zurück.

Ihr Gegenkonzept lautet „Cradle to Cradle“, also „Von der Wiege zur Wiege“. Was ist gemeint? Alle Dinge, die verschleißen – also Reifen, Schuhsohlen, Bremsbeläge – müssen so gemacht sein, dass sie in biologische Systeme zurückgeführt werden können. Alles, was nur genutzt wird, wie Waschmaschinen und Fernseher, muss in technische Systeme zurück.

Das funktioniert? Ja. Dem liegt zugrunde, die Menschen nicht als Belastung für die Natur zu verstehen, sondern als Chance. Mit Cradle to Cradle schaffen wir solche Produkte. Zum Beispiel eine Eiscremeverpackung, die nur im gefrorenen Zustand eine Verpackung ist. Bei Raumtemperatur schmilzt sie und ist binnen zwei Stunden komplett abgebaut. Da wird das Wegschmeißen zum lustvollen Vorgang.

So lässt sich doch längst nicht alles herstellen? Doch. Es gibt weltweit schon mehr als 11 000 Cradle-to-Cradle-Produkte nahezu aller Art: kompostierbare Sportschuhe, Schlafanzüge aus Biobaumwolle mit unschädlichen Farbaufdrucken, unschädliche Reinigungsmittel, Bierdosen, die rückstandslos eingeschmolzen werden, Teebeutel, die sich im Meer schnell zersetzen, Kosmetiktücher, deren Abbau ich einstellen kann. In der Schweiz gibt es ein Unternehmen, das essbare Möbelstoffe produziert. Die Zuschnitte gehen als Torfersatz in Gärtnereien.

Aber wer isst Möbelstoffe? Ich. Im japanischen TV habe ich das schon oft getan. Ich schneide den Stoff vor der Kamera in Stücke, tue sie in ein Müsli und verspeise das.

Sind Sie ein Revolutionär? Jedenfalls braucht es eine neue industrielle Revolution. Ich bin Chemiker und Verfahrenstechniker und weiß, dass dafür eine solide Wissenschaft nötig ist. Ich will die Dinge ändern. Dafür arbeite ich mit großer, langer Geduld. Ich habe 24 Jahre an einem kompostierbaren Leder gearbeitet und 22 Jahre, um ein kompostierbares Papier hinzukriegen. Es klappt. Meine Bücher drucke ich auf Papier, das man essen kann, so unschädlich ist es.

Wie sieht die Produktwelt von morgen aus? Moderne Produkte sind alle Dienstleistungen.

Das bedeutet? Niemand braucht eine Waschmaschine, wir brauchen saubere Wäsche. Heutige Waschmaschinen enthalten 150 billige, giftige Kunststoffe, die mehr Benzol abgeben als ein Kind an einer Tankstelle aufnehmen würde. Verleiht der Hersteller die Geräte aber für ein paar Jahre, hat er das größte Interesse daran, dass sie lange halten und wir das beste Material verwenden.

Das wäre ein anderes Wirtschaftssystem . . . ?

Mir geht es darum, die Marktwirtschaft ernst zu nehmen. Im Moment ist es so, dass die Konzerne die Gewinne privatisieren, die Kosten für Müllentsorgung, Umweltzerstörung und krankmachende Stoffe aber verallgemeinern.

Haben Wirtschaft und Verbraucher verstanden? Einige. Wir haben viel erreicht. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, wird 2050 alles Cradle to Cradle sein.

Wie sind Sie Umweltchemiker geworden? Ich hatte eine sehr innige Beziehung zu meiner Chemielehrerin (lacht). Ich habe dann Chemie studiert und mich geärgert, wie primitiv die praktizierte Chemie war.

Und haben begonnen, gegen die Chemieindustrie zu protestieren? Nach der Sandoz-Katastrophe 1986 habe ich die Greenpeace-Aktion gegen die Rheinverschmutzung geleitet. Der Werkschutz hat uns verprügelt, davon habe ich heute noch Rückenschmerzen. Wir sind in der Nordsee geschwommen, um die Dünnsäurefrachter aufzuhalten. Letztlich erfolgreich.

Wie wurde die Industrie für Sie vom Gegner zum Partner? Der Wendepunkt kam Weihnachten 1986. Wir sind auf den vereisten Schornstein von Ciba-Geigy in Basel gestiegen. Der Werksleiter sagte: „Das ist zu gefährlich. Kommen sie runter, ich garantiere ihnen, dass sie morgen wieder hoch dürfen.“ Wir sind natürlich oben geblieben, aber das Spiel hatte sich geändert. Als ich später in Hamburg meine Firma EPEA gegründet habe, sind die Ciba-Manager gekommen und wollten mit mir zusammenarbeiten. Ich war einverstanden, weil ich mit der Industrie rausfinden wollte, wie ein anderes Verhältnis von Menschen zur Natur aussehen kann. Daraus ist Cradle to Cradle entstanden. Finanziert von der Schweizerischen Chemie.

Warum in Hamburg? Weil die Stadt die besten Voraussetzungen dafür hat. Hier war es immer so, dass die Menschen aus eigenem Antrieb gehandelt habe und nicht nur das getan haben, was die Könige verlangt haben.

Sie müssen begeistert sein von Fridays for Future? Es ist gut, dass die jungen Leute etwas tun, aber das ist mir zu viel Panikmache. Wenn sich 1945 ein Kind auf den Rathausmarkt gestellt und geklagt hätte: „Was hinterlasst Ihr uns für eine Welt?“, dann hätte ich das verstanden. Aber heute . . .

Greta Thunberg ist die Heldin der Klimaschutzbewegung, was spricht dagegen? Sie kann nur Schwarz-Weiß sehen. Ich habe bei Greenpeace mein Leben eingesetzt, um Gift aufzuhalten. Ich habe Dreck eingeatmet ohne Ende, radioaktive Stäube. Und dann sitzt da jemand vor dem Parlament, geht nicht zur Schule, wird als große Widerstandskämpferin gefeiert und für den Nobelpreis vorgeschlagen. Wie lächerlich. Ich gebe zu, das provoziert mich.

Die Grünen sind dank Klimadebatte im Höhenflug und könnten das Rathaus erobern. Dann wäre der Gang durch die Institutionen der ehemaligen Umweltkämpfer auch in Hamburg vollendet. Wird Umweltpolitik dann besser?

Ach, die Grünen. Ich habe die Partei mal mit gegründet. Der Vater von Winfried Kretschmann war mein Grundschullehrer. Die Grünen sind eine wunderbare Wellness-Partei. Aber deren Politik hat mit der Realität nichts zu tun. 1994 habe ich für die Grünen PVC-Verbotsanträge geschrieben. Und heute treffe ich Robert Habeck mit einer Umhängetasche aus Lkw-Plane mit PVC in Berlin am Bahnhof. Es gibt viele Grüne, die sich bemühen, aber die haben schlicht keine Ahnung. Sie bleiben auf halber Strecke stehen und erreichen nichts.

Sie sind mit der ehemaligen Greenpeace-Chefin Monika Griefahn verheiratet. Wie müssen wir uns so eine Ehe vorstellen ? Alles nur öko? Nein. Mein Lebensmotto lautet: „Entschieden, aber nicht konsequent“ (lacht ). Fürs Essen gilt: Bei tierischen Fetten immer Bio kaufen. Dann hat man schon 70 Prozent der Belastung ausgeschlossen. Das gilt auch für Paprika und Rucola, da habe noch in jeder Probe Giftstoffe gefunden.

Quelle: Flensburger Tagblatt, 18.1.2020: http://zeitung.shz.de/flensburgertageblatt/2296/article/1069976/21/1/render/?token=fdd7d6d69abb8922c465672158b09155

VW und die Angst vor dem Nokia-Schicksal

Brandrede von VW-Konzernchef Herbert DIESS

VW und die Angst vor dem Nokia-Schicksal

Quelle: WELT, von Olaf Preuß  17.01.2020

https://www.welt.de/wirtschaft/article205109398/Volkswagen-Die-Angst-vor-dem-Nokia-Schicksal.html

Herbert Diess

 

Nach Ansicht von Konzernchef Herbert Diess muss Volkswagen beim Wandel zu einem software-getriebenen Autokonzern sehr viel schneller werden. Die Konkurrenz mit Tesla und anderen US-Technologieriesen nehme zu.

VW-Chef Diess geht der Umbau von VW zur Elektromobilität zu langsam. Er redet seiner Führungsmannschaft ins Gewissen – und erinnert dabei an den Niedergang einer finnischen Ikone. Klar ist auch, mit wem er sich in Zukunft messen will.

Vor Jahren schon nahm Volkswagen-Chef Herbert Diess den US-Hersteller Tesla zum Vorbild, als er die Transformation der Automobilwirtschaft beschrieb. „Tesla wird der relevanteste Wettbewerber für Volkswagen“, sagte er 2017, damals noch als VW-Markenvorstand.

Ein großes Lob für Tesla-Gründer Elon Musk folgte im November 2019 bei der Verleihung des „Goldenen Lenkrades“ in Berlin – da hatte Musk gerade die Gründung eines neuen Tesla-Werkes in Grünheide nahe der deutschen Hauptstadt bekannt gegeben. „Ich bin froh, dass Elon uns antreibt“, sagte Diess auf offener Bühne. Tesla sei wichtig, um der E-Mobilität zum Durchbruch zu verhelfen.

Auch am Donnerstag nutzte Diess Tesla als Referenzgröße, als er vor Führungskräften seines Konzerns die tiefe Disruption der Wirtschaft im Allgemeinen und der Automobilbranche im Besonderen beschrieb.

Volkswagen steht mitten im Sturm der beiden größten Transformationsprozesse“, sagte er.  Das sind der Klimawandel und der damit verbundene Innovationsdruck zum emissionsfreien Fahren. Und die Digitalisierung, die das Produkt Automobil grundlegend verändert.“

„Der Sturm geht jetzt erst los.“

Der Golf wird der erste Pfeiler sein, der Volkswagen wegbricht

Die Neuerfindung des Produktes Automobil verändert nicht nur dessen Produktionsprozesse, sondern dessen gesamte technologische und logistische Einbettung. „Wir werden wie ein Automobilunternehmen bewertet, Tesla wie ein Tech-Unternehmen“, sagte Diess. „Das Automobil wird in Zukunft das komplexeste, wertvollste, massentaugliche Internet-Device.“

Das vernetzte Auto werde die Internetzeit seiner Nutzer nahezu verdoppeln. Wenn man das sehe, verstehe man auch, warum Tesla aus Sicht der Analysten so wertvoll sei: „Wir als Volkswagen wollen auch genau dorthin. Die große Frage lautet: Sind wir schnell genug“, sagte Diess. „Die ehrliche Antwort lautet: Vielleicht, aber es wird immer kritischer. Wenn wir in unserem jetzigen Tempo weitermachen, wird es sogar sehr eng.“

Man kann viele Beispiele aus unterschiedlichen Branchen wählen, um die Radikalität der digitalen Disruption zu beschreiben. Diess nannte vor seinen Führungskräften das Beispiel des langjährigen Weltmarktführers Nokia. Die Finnen hatten zwar die robustesten Mobiltelefone mit den besten Akkus, aber keine rechte Vorstellung davon, was man aus einem Mobiltelefon noch alles machen kann. Das zeigte dann 2007 Apple-Chef Steve Jobs mit der Einführung des ersten iPhones – eines Computers in Handyform. Nokia landete vor seinem Untergang gerade noch rechtzeitig unter dem Dach des Softwarekonzerns Microsoft.

Wie viele Arbeitsplätze das kostet, ist heute völlig offen

Das sei „exakt die Situation, die sich in der Automobilindustrie wiederholt“, mahnte Diess. „Das Auto ist nicht länger nur Transportmittel. Und das bedeutet auch: Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei.“ Die Zukunft von Volkswagen liege im digitalen Tech-Konzern – und nur da: „Wir werden ein zusätzliches Aufholprogramm brauchen, um alles Potenzial im Konzern dafür zu mobilisieren.“

Wie viele Arbeitsplätze das im weitverzweigten Volkswagen-Reich mit seinem Dutzend Marken kostet und wie viele neue Arbeit es bringt, ist heute völlig offen. „Volkswagen ist für diesen Wettbewerb gut aufgestellt, Herbert Diess agiert dynamisch“, sagte Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, WELT.

Er glaubt, dass sich Volkswagen mit seinen Marken so stark wie möglich „auf die Fahrzeuge und auf deren digitale Vernetzung“ konzentrieren sollte, „das ist das Wesentliche“.

Die Angst geht um in Autodeutschland

Nicht nur bei den Qualifikationen der Mitarbeiter werde es tiefgreifende Veränderungen geben, sagte Dudenhöffer, sondern auch beim Zuschnitt der Entwicklungsabteilungen und der Produktion: „Man wird in Zukunft wesentlich weniger Maschinenbau- und Automobilingenieure brauchen, dafür aber sehr viele Elektroingenieure und IT-Experten.“ In beiden Fachdisziplinen konkurrierten die Automobilhersteller künftig nicht mehr nur untereinander, sondern zunehmend auch mit anderen Technologieunternehmen, sei es in der IT-Branche selbst, sei es bei den erneuerbaren Energien. Diess sieht die Wirtschaft und die Industrie in einer „Zeitenwende von der Dimension der industriellen Revolution“.

Eine der Kernaufgaben für den Konzern sei der Einstieg in die Elektromobilität auch mit dem ersten reinen Elektromodell von VW, dem ID.3: „Der ID.3 muss auf die Straße. Dazu müssen wir die Herausforderungen im Anlauf bewältigen“, sagte Diess seiner Führungsmannschaft.

Daneben müsse Volkswagen für die Einhaltung der Abgasgrenzwerte auch Seat Mii, VW Up!, e-Golf, e-tron und Taycan mit Batterien versorgen, bauen und zum Kunden bringen:

„In der Summe ist das vielleicht die schwierigste Aufgabe, die Volkswagen je vor der Brust hatte.“

Risikoberichte zeichnen düsteres Bild

Risikoberichte zeichnen düsteres BildFeuerwehrmann beim Löschen von Waldbränden

Gleich drei dieser Tage erschienene Studien setzen sich mit den größten Herausforderungen und Gefahren der Zukunft auseinander – und davon gibt es genug. „Die politische Landschaft ist zerklüftet, die Meeresspiegel steigen, und klimabedingte Feuer brennen“, fasste es das Weltwirtschaftsforum (WEF) zusammen.

„Die Welt kann nicht darauf warten, dass sich der Nebel der geopolitischen und weltwirtschaftlichen Unsicherheit lüftet“, hielt WEF-Präsident Borge Brende in dem am Mittwoch vorgestellten Weltrisikobericht der Organisation fest. Das WEF erwartet „ein Jahr des wirtschaftlichen Rückgangs und zunehmender interstaatlicher wie internationaler Spannungen“ – dabei sei gerade Kooperation zur Bewältigung der Gefahren unabdingbar.

Erstmals in seiner Geschichte führt der Bericht fünf Risiken mit Klimabezug als die größten im kommenden Jahrzehnt an. Auf dem ersten Rang stehen – wie schon in den Vorjahren – extreme Wetterereignisse mit vielen Todesopfern sowie großen Schäden an der Infrastruktur. Danach folgen: Scheitern von Politik und Wirtschaft beim Klimaschutz; Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche und Erdbeben; menschengemachte Umweltschäden und -katastrophen wie Ölunfälle und nukleare Störfälle; schwerwiegender Verlust der Artenvielfalt mit unumkehrbaren Konsequenzen für das Ökosystem.

„Der Klimawandel trifft uns härter und schneller, als viele es erwartet haben“, schreiben die WEF-Experten in ihrem Bericht. Doch er ist nicht deren einzige Besorgnis: Durch globale Handelskonflikte, hohe Schulden und ein vergleichsweise schwaches Wirtschaftswachstum drohe ein „synchronisierter Abschwung“.

Unruhen mehren sich

Verschärft werde die Lage noch dadurch, dass Politik und Notenbanken zu wenig „Munition“ hätten, um eine potenzielle Rezession zu bekämpfen. „Inmitten der düster werdenden wirtschaftlichen Aussichten hat sich die Unzufriedenheit vieler Bürger verhärtet“, heißt es in dem Report – was sich in Protesten und zivilen Unruhen in mehr und mehr Ländern äußert.

Niederschmetternd nimmt sich auch die Studie „Climate Risk and Response“ der Unternehmensberatung McKinsey aus, über die der „Spiegel“ am Donnerstag berichtete. Geschehe nichts, heißt es darin, könne der Klimawandel „Hunderte Millionen Menschenleben, Billionen von Dollar an Wirtschaftskraft sowie das physische und das natürliche Kapital der Welt gefährden“.

Das McKinsey Global Institute hat die sozioökonomischen Folgen des Klimawandels für 105 Staaten in den kommenden 30 Jahren analysiert. Die Auswertungen basierten auf dem Szenario, dass die Emissionen weltweit weiter steigen, sagte McKinsey-Partner Hauke Engel, Koautor der Studie. Demnach würden bereits in zehn Jahren 250 bis 360 Millionen Menschen in Regionen leben, in denen tödliche Hitzewellen drohten. Bis 2050 könnte die Zahl auf 700 Millionen bis 1,2 Milliarden wachsen.

Hitze allerorts spürbar

Weltweit schränkten Hitze und Luftfeuchtigkeit die Arbeitsleistung und das, was sich unter freiem Himmel erledigen lasse, ein, heißt es in der Studie. Betroffen seien vor allem Länder wie Indien, Pakistan, Bangladesch und Nigeria. Doch die Konsequenzen der Erderhitzung seien auch anderswo spürbar: Das Risiko von Ernteausfällen steige weltweit, die Erwärmung der Ozeane könnte den Fischfang bis 2050 um acht Prozent verringern und die Lebensgrundlage von bis zu 800 Millionen Bürgern weltweit beeinträchtigen.

Auch der Tourismus und die Lebensmittelproduktion am Mittelmeer drohten zu leiden, wenn 2050 die klimatischen Bedingungen in Marseille denen von Algier heute ähnelten – wovon Prognosen ausgehen. Und: Ein Viertel der 100 meistfrequentierten Flughäfen liege weniger als zehn Meter über dem Meeresspiegel und könnte laut Studie „ernsthaften Gefahren“ durch Flut und Sturm ausgesetzt sein.

„In einem Viertel aller Länder kam es im vergangenen Jahr zu einem deutlichen Anstieg der Unruhen – ein Trend, der sich fortsetzen dürfte“: So wiederum eröffnet Verisk Maplecroft, ein führendes Unternehmen für Risikoanalysen und strategische Prognosen, seinen ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Bericht „Political Risk Outlook 2020“, wie der „Guardian“ schrieb. Auf allen Kontinenten seien dadurch Regierungen ins Wanken gekommen – so unterschiedliche Standorte wie Hongkong, Chile, Nigeria, Sudan, Haiti und Libanon seien betroffen.

Der Sudan, in dem der ab 1993 autoritär regierende Staatspräsident Omar al-Baschir im Frühjahr 2019 gestürzt wurde, überholte das Bürgerkriegsland Jemen und belegte im Index der zivilen Unruhen von Verisk Maplecroft den ersten Platz. Die Zahl der Länder, die als extrem risikoreich eingestuft werden, stieg um ein Drittel – von zwölf im Jahr 2019 auf 20 Anfang 2020. Hongkong und Chile wurden als die „riskantesten Orte“ der Welt in Bezug auf Härte und Häufigkeit der Proteste eingestuft.

„Neue Normalität“

Die Untersuchung basiert auf einer Reihe von Risikoindikatoren für Unternehmen, die etwa die Gefahr von Lieferstörungen, Schmälerung des Firmenvermögens und Risiken für Mitarbeiter durch gewaltsame Unruhen in Betracht ziehen. Viele Sektoren, von Bergbau über Energie, Tourismus, Einzelhandel bis hin zu Finanzdienstleistungen, hätten die Auswirkungen bereits im vergangenen Jahr zu spüren bekommen – die Schäden weltweit würden sich auf Milliarden von US-Dollar belaufen, heißt es in der Studie.

Das Resümee der Studien fällt ähnlich aus: Unruhen wie im Vorjahr werden zur „neuen Normalität“. Im WEF-Report heißt es: „Die geopolitischen Turbulenzen sind geprägt von der Unvorhersehbarkeit, wer die Führung übernimmt, wer Verbündete sind und wer am Ende zu den Gewinnern und Verlierern gehören wird.“ Verisk Maplecroft hält fest: „(…) Doch selbst wenn man sich sofort mit den Ursachen befasst, sind die meisten Missstände tief verwurzelt, und es würde Jahre brauchen, um sie zu beseitigen. Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, dass 2019 eine Ausnahme sein wird.“

Quelle: https://orf.at/stories/3151191/

Die Wiedervereinigung von Ökologie und Ökonomie

Die Wiedervereinigung von Ökologie und Ökonomie

Aufbau eines Windrades

Die für eine echte Transformation erforderlichen Maßnahmen ermöglichen Wachstum und gleichzeitig die Erreichung ambitionierter Klimaziele.

8.01.2020, Wiener Zeitung, Gastkommentar von Dr. Friedrich Hinterberger

Wenige Stunden nach der Präsentation des türkis-grünen Regierungsprogramms ging die alte Leier „Ökonomie gegen Ökologie“ schon wieder los. Warum schauen alle auf die potenziellen Widersprüche, die es zweifellos auch gibt, und niemand auf die Synergien?

In verschiedenen unter anderem von der EU und vom österreichischen Klimafonds geförderten Projekten haben wir in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zeigen können, dass die für eine echte Transformation erforderlichen Maßnahmen jedenfalls Wachstum und gleichzeitig die Erreichung ambitionierter Klimaziele ermöglichen.

Die Berechnungen mit großen makroökonomischen Modellen zeigen einerseits, dass eine deutliche Beschleunigung und eine Ausweitung der Klimaschutzmaßnahmen notwendig sind, um die in Paris beschlossenen und erst kürzlich in Madrid bekräftigten Ziele zu erreichen. Die EU möchte hier ein Vorreiter werden und Österreich jetzt (wieder) ein Vorreiter in Europa. Die dafür notwendigen Investitionen belaufen sich für die EU zwischen 2020 und 2050 auf durchschnittlich mehr als 120 Milliarden Euro pro Jahr. Und die erforderliche Energiewende muss von einer ambitionierten Ressourcenwende begleitet werden, mit dem Ziel, Kreisläufe zu schließen, um primäre Ressourcen zu sparen. Zusätzlich ist ein Wandel der Ernährungsgewohnheiten für die Erreichung der Klimaziele unverzichtbar.

 

Der Wandel muss sich als Mainstream durchsetzen

Aus globaler Perspektive ist eine Reduktion des Fleischkonsums außerdem notwendig, um die Abholzung, den Land- und Wasserverbrauch und letztlich auch den Hunger langfristig zu vermeiden. Auch über das Thema Ernährung hinaus kann der notwendige Wandel nur gelingen, wenn nicht nur eine kleine Minderheit die heutigen Paradigmen des materiellen Konsums durch nachhaltige Konsum- und Lebensstile ersetzt, sondern sich dieser Wandel mehr und mehr als Mainstream durchsetzt. Eine deutliche budgetneutrale CO2-Bepreisung ist eines der zentralen Elemente in diesem Maßnahmenbündel. All das steht mehr oder weniger deutlich auch im aktuellen türkis-grünen Regierungsprogramm.

Und auch wenn sich sogleich die Bremser zu Wort melden: Sowohl die politischen Interventionen (wie etwa Steuererhöhungen) als auch die Verhaltensanpassungen müssen insbesondere in den Jahren bis 2030 bereits ein substanzielles Ausmaß erreicht haben. Jedes tatenlose Jahr wäre verhängnisvoll für die Möglichkeit, die Vorgaben der Pariser Klimaziele noch zu erfüllen, beziehungsweise würde ein späteres Eingreifen dann noch drastischere Maßnahmen erfordern, um die Ziele noch zu erreichen.

 

Bis zu 10 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich notwendig

Mit zahlenmäßigen Festlegungen spart das Regierungsprogramm – eine Nachverkehrsmilliarde hier, eine Million Dächer Photovoltaik dort werden erwähnt. Das kann man bemängeln, aber es ist wohl zu viel verlangt, ein ganzes Regierungsprogramm binnen zwei Monaten noch weiter zu konkretisieren. Unsere Studien legen nahe, dass jährlich zusätzliche Investitionen von bis zu 10 Milliarden Euro pro Jahr nötig sind, um die CO2-Emissionen bis 2050 auf 12 Millionen Tonnen zu reduzieren, was einer Klimaneutralität schon recht nahe käme, die ja laut Regierungsprogramm nun schon im Jahr 2040 erreicht werden soll.

Weitere Maßnahmen, wie etwa die Reduktion des Fleischkonsums oder auch eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich, wären also nötig, die letztlich auch zu einer besseren Gesundheit, weniger Konsum, etwas weniger Wachstum und damit auch weniger CO2-Emissionen führen würden, was laut Umfragen von vielen Menschen in Österreich durchaus gewünscht wäre, weil es mehr Freizeit bringt und damit Lebensqualität.

Die erforderliche Transformation ist eine Herkulesaufgabe. Sie wird aber, wenn sie auf einer kontinuierlichen Veränderung der wichtigsten Faktoren (Preise, Investitionen, Verhalten) über die nächsten 20 bis 30 Jahre basiert, das ohnehin als gering zu erwartende BIP-Wachstum nicht zusätzlich schwächen. Eine sozial-ökologische Steuerreform erhöht die (Ressourcen-)Produktivität ebenso wie die Wettbewerbsfähigkeit, und die erforderlichen Investitionen wirken über den dadurch ausgelösten Multiplikatoreffekt expansiv, erhöhen also das BIP.

 

Ob ein Nulldefizit eine gute Idee ist, muss sich weisen

Denn, so zeigen die Berechnungen, die umfangreichen Investitionen in die Umstrukturierung des Energiesystems, in die Verbesserung der Energie- und Ressourceneffizienz und in den Transport-sektor kurbeln die Wirtschaft an. Ob angesichts dieser Herausforderungen und gleichzeitigen Chancen bei ansonsten schon schwächelnder Wirtschaft ein Nulldefizit eine gute Idee ist, muss sich noch erweisen.

Die positive Wirtschaftsentwicklung wirkt sich auch vorteilhaft auf die Beschäftigung aus: Während die Zahl der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe generell weniger stark wachsen würde als bei einem „Weiter wie bisher“, ist in den Dienstleistungsbereichen ein stärkerer Zuwachs zu erwarten. Einzelne Branchen des verarbeitenden Gewerbes wie der Maschinenbau und die Elektroindustrie profitieren von den höheren Investitionen wie auch das Bauwesen durch stärkere Sanierungsaktivitäten im Gebäudesektor. Während mehr Jobs im Bereich erneuerbarer Energie entstehen, geht deren Zahl in energieintensiven Branchen (etwa in der Kokerei und in der mineralölverarbeitenden Industrie) zurück. Dennoch ist, so zeigen unsere Berechnungen, der Gesamteffekt deutlich positiv.

Friedrich Hinterberger ist promovierter Volkswirt und seit 1985 Lehrbeauftragter an Universitäten im In- und Ausland. Unter anderem hat er am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie die Arbeitsgruppe Ökologische Ökonomie und Ökologische Wirtschaftspolitik geleitet und ist Gründungspräsident des Sustainable Europe Research Institute sowie Vizepräsident und Generalsekretär des Austrian Chapter des Club of Rome. –  www.seri.at

 

Abenteuerurlaub für Manager

Abenteuerurlaub für Manager

Robert Rogner jun. vernetzt Unternehmer mit Schuhhersteller Heini Staudinger, Sonnentor-Chef Johannes Gutmann oder Schokoladen-Ikone Josef Zotter. Für das Römerland Carnuntum kreierte er, gemeinsam mit Marc Aurel 21 Projektleiterin Rosemarie Rupp, ein ganz besonderes Seminar für Übergabe & Übernahme in Zeiten des Wandels: „Das Rad dreht sich weiter“.

Im Wirtschaftsmagazin TREND gab Robert Rogner bereits 2013 dieses Interview, das Einblick in seine Angebote und seine Denkweisen gibt:

„Viele Managerinnen und Manager und viele Unternehmerinnen und Unternehmer wissen nicht, welche Beziehung sie zu sich selbst und zu ihrem Umfeld haben, für was sie stehen, was sie wollen“, meint Robert Rogner. Die Folge: Sie können nicht richtig kommunizieren. „Und sie haben keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie ändern könnten“, so die Beobachtung des 43-Jährigen. Um dies und die Wirtschaft als Ganzes zu ändern, will der Manager gute Beispiele greifbarer und erlebbar machen.

Mit seiner neu gegründeten Gesellschaft für Beziehungsethik, die nicht gewinnorientiert arbeitet, soll Unternehmern die Chance gegeben werden, andere Wege kennenzulernen, die nicht der Norm entsprechen. Etwa den von Schuhfabrikanten Heini Staudinger, der die Finanzierung seines Geschäfts anders organisiert – und dafür Wickel mit der Finanzmarktaufsicht hatte. Oder den von Johannes Gutmann, Chef von Sonnentor, der mit seinen Kräutern viele Preise gewann und Wirtschaften nachhaltig sieht. Oder auch den Ansatz vom erfolgreichen steirischen Schokoladen-König Josef Zotter, der jedem seiner Fehler einen Grabstein widmet und so einen Friedhof der gescheiterten Ideen hat. Auch das Kloster Gut Aich ist mit von der Partie.

Geheimnisse offenlegen

„Ich sehe mich als Vernetzer“, sagt Rogner, der erzählt, dass die Vortragenden der „Gesellschaft für Beziehungsethik“ ihre Betriebe öffnen, ihre Geschäftsgeheimnisse weitergeben und jede Frage ehrlich beantworten. Sie sollen demonstrieren, was sich hinter Schlagwörtern wie Nachhaltigkeit wirklich verbirgt und wie sich daraus alltagstaugliche Prozesse ableiten lassen. Um keine Massenware zu liefern, ist die Teilnehmerzahl auf maximal zwölf Personen begrenzt. Firmen, die mit mindestens sechs Mitarbeitern teilnehmen, können Termine auch individuell vereinbaren.

„Es ist eine Art Abenteuerurlaub für Unternehmer“, sagt Rogner. Wobei das Abenteuer darin bestehe, sich auf neue Denkmodelle einzulassen und neue Antworten zu suchen. „Ich glaube nicht, dass es fertige Lösungskonzepte gibt, jeder muss das ideale für sein Umfeld selbst entwickeln.“

Rogner möchte mit seiner Seminarreihe helfen, den Managern „mehr Fokus, mehr Kraft, mehr Energie“ zu geben. „Ich bin finanziell unabhängig und möchte etwas zurückgeben können“, sagt der Sohn des Kärntner Baulöwen Robert Rogner. Die Tätigkeit für die Therme Bad Blumau hat der Junior für dieses Projekt beendet, seine Managementfunktion in der Rogner Holding zurückgelegt.

 

Veröffentlicht auf trend.at am 28. 10. 2013 von Miriam Koch und Silvia Jelincic: https://www.trend.at/service/gesundheit/abenteuerurlaub-manager-368567?fbclid=IwAR3_EzHFfRkl5Vi23b-eVBS2OXOJLA_CMfieskeCqGymI67Q-87cIB6D5pA

Die ewigen Feinde des talentierten Schülers

Bildung: Die ewigen Feinde des talentierten Schülers

veröffentlicht in TREND Ausgabe 36/2019

Vorschläge, wie das zweitteuerste Schulsystem der EU endlich Kinder hervorbringt, die nicht chancenlos ins Leben geworfen werden.

Dr. Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater, Bild © trend

Der größte Feind des talentierten Schülers sind all jene, die sich mit dem ungemein niedrigen Anspruch an unsere Schulen zufriedengeben, den sie in keinem anderen ihnen wichtigen Bereich akzeptieren würden. Stellen wir uns einen Autohersteller vor, von dem jedes fünfte neu ausgelieferte Auto einfach nicht fährt. Oder gar eine Fluglinie, bei der jedes fünfte Flugzeug abstürzt. Aber jedes fünfte Kind kann nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen? „Kann man halt nichts machen“ oder „selber schuld“, meinen die Feinde des talentierten Schülers.

Die Fakten, die das Versagen unseres Schulsystems dokumentieren, sind seit über zehn Jahren fast unverändert geblieben, trotz aller teuren Maßnahmen wie der Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen, der Einführung der Neuen Mittelschule mit verpflichtend zwei Lehrern in den Hauptgegenständen, der Schulautonomie, den Bildungsstandards, der Zentralmatura usw. Entgegen allen Behauptungen vom Kaputtsparen hat sich das österreichische Bildungsbudget in den letzten zehn Jahren immer nur nach oben entwickelt: von 6,73 Milliarden im Jahr 2008 auf 8,821 Milliarden Euro im Jahr 2018. Das sind mit über drei Prozent jährlichen Steigerungen deutlich mehr als jene des Bruttoinlandsprodukts. Wir leisten uns bei den Ausgaben pro Schüler das zweitteuerste Schulsystem innerhalb der EU, nur Luxemburg ist teurer.

Ein so teures Schulsystem, das seinen Schülern in neun Jahren Pflichtschule nicht Lesen, Schreiben und die Grundrechnungsarten vermitteln kann, hat sich selbst aufgegeben. Die Feinde des talentierten Schülers leben noch. Sie zerstören die Talente unserer Kinder und werfen viele von ihnen chancenlos ins Leben.

Dabei sind die Herausforderungen gewaltig. 63 Prozent der Volksschüler in Wien sprechen nicht mehr Deutsch als Umgangssprache, in den Mittelschulen liegt dieser Anteil bei 77 Prozent! Dabei handelt es sich zum Großteil um in Österreich geborene Kinder, die hier in den Kindergarten gegangen sind und trotzdem fast nicht Deutsch können.

Österreich ist eines der wenigen OECD-Länder, wo die Kinder der dritten Migrationsgeneration die Landessprache schlechter beherrschen als die der zweiten. Andererseits erbringen Schüler aus Osteuropa und Asien teilweise bessere Leistungen als österreichische Kinder. Es geht also nicht um Migranten-versus österreichische Kinder, sondern um das Auseinanderklaffen von gebildeten und bildungsfernen Eltern.

So schafft es Kanada zum Weltmeister der Chancengerechtigkeit.

Dass es auch anders geht, beweist Kanada, wie Österreich ein Einwanderungsland, wenngleich mit einer wesentlich klügeren Migrationspolitik und einem integrativen Schulsystem mit leistungsorientierten Ganztagsschulen. In Kanada sprechen viele Kinder von Einwanderern nach Abschluss ihrer Schulzeit besser Englisch als die in Kanada geborenen Schüler. Vom legendären Managementdenker Peter Drucker stammt das Zitat: „Wann immer Sie einen hervorragenden Menschen gegen ein schlechtes System antreten lassen, wird stets das schlechte System gewinnen.“

Absolut gleiche Chancen in einer offenen Gesellschaft halte ich für eine Illusion, weil Kinder aus funktionierenden, gebildeten Familien immer einen Startvorteil haben werden. Das erreichbare Ziel, das sich ein Schulsystem setzen kann, lautet Chancengerechtigkeit. Das bedeutet, dass soziale Startnachteile möglichst ausgeglichen und nicht noch verstärkt werden. Dafür würde es reichen, ein Prinzip in unserer Verfassung zu verankern: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente in der Schule maximal gefördert werden.

Wie das geht? Maria Montessori und Helen Parkhurst haben das bereits vor über 100 Jahren vorgemacht, und heute gibt es viele Schulen, die das praktisch umsetzen:

Nicht zentrale Lehrpläne über Kinder stülpen, sondern individuelle Lehrpfade.

Dieses Ziel wäre mit den heutigen digitalen Möglichkeiten sogar noch leichter erreichbar.

Die Idee, Smartphones an Schulen generell zu verbieten, hat etwa die gleiche Erfolgswahrscheinlichkeit, wie ausgedrückte Zahnpasta wieder in die Tube zurückzubekommen. Vor allem wenn Kinder erleben, wie ihre Eltern und Lehrer selbst in jeder freien Minute auf ihr Handy schauen.

Statt uns in fundamentalistische Stellungskriege über die Frage zu verstricken, ob Smartphones in der Schule Teufelszeug oder pädagogische Allzweckwaffen sind, sollten wir uns fragen: Glauben wir wirklich, dass in zehn Jahren Lehrer noch immer mit dem Rücken zu ihren Schülern vor einer Tafel stehen werden, um mit Kreide Formeln draufzuschreiben, die sie dann wieder löschen, sobald die Tafel voll ist, um dieses Ritual nach der Pause in der Nachbarklasse zu wiederholen?

Die Digitalisierung wird auch vor unseren Schulen nicht Halt machen. Denken wir an Wikipedia, das Sterbehilfe für den guten alten Brockhaus geleistet hat, der in der Realität schon jahrzehntelang in Bibliotheken verstaubte. Dafür hat Wikipedia bei aller Kritik mehr zur Demokratisierung des Wissens auf der Welt beigetragen als viele milliardenteure Regierungsinitiativen zur Bildung. Schulen, die sich wie in der Vergangenheit primär auf sture Wissensvermittlung konzentrieren, wird es so ergehen wie dem Brockhaus.

Wo, wenn nicht in der Schule, soll Schülern eine breite Medienkompetenz vermittelt werden, die Voraussetzung dafür ist, um sich in der digitalen Welt selbstverantwortlich und risikobewusst bewegen zu können? Kindern und Jugendlichen digitale Geräte zu geben und sie damit allein zu lassen ist gefährlich. Sie total zu verbieten ist, wie wir eingangs gesehen haben, nicht realistisch.

Daher sollen die Chancen und die Gefahren von Social Media von kompetenten Lehrern aus unterschiedlichen Perspektiven aufgezeigt werden. Schüler sollten früh den kritischen, reflektierten Umgang mit Inhalten im Web lernen, zum Beispiel wie Informationen überprüft werden können, oder die Auswirkungen von Postings und Chats sowie von Algorithmen und Chatbots einzuschätzen.

Untersuchungen zeigen, dass ohne Begleitung das Smartphone für niedrige soziale Schichten negative Wirkungen hat, für höhere soziale Schichten positive. Die Schere geht also auseinander, wenn wir uns in der Schule nicht mit Kindern und ihren digitalen Geräten aktiv auseinandersetzen.

Um nicht missverstanden zu werden: Gute Lehrer wissen, dass sie unersetzbar sind.

Sie könnten sich aber von der Notwendigkeit langer Frontalvorträge befreien und ihre Rolle neu definieren. Das Verteilen von Gratis-Tablets ohne pädagogisches Konzept ist bei Politikern zwar populär – aber sinnlos und teuer. Erst durch die konsequente Verknüpfung der drei Faktoren „pädagogische Konzepte“, „Kompetenzen der Lehrenden“ sowie „funktionierende und benutzerfreundliche Technologie“ können die Potenziale der Digitalisierung für das Schulwesen genutzt werden. Digitalisierung in diesem Verständnis versteht sich als Veränderungstreiber für neues Lernen und nie als Selbstzweck. Zu viele digitale Medien werden genauso schnell langweilig wie der ausschließliche Einsatz der Tafel.

Österreich liegt bei der Nutzung der digitalen Möglichkeiten im Bildungssystem im Vergleich mit den skandinavischen Ländern oder mit Singapur deutlich zurück. Immerhin hat das Bildungsministerium einen ambitionierten „Masterplan Digitalisierung in der Bildung“ erarbeitet, der aufgrund des Ibiza- Videos nicht mehr umgesetzt werden konnte.

Das ist die dringliche Aufgabe der nächsten Regierung. Das würde allerdings eine völlige Neuorientierung der Lehrerausbildung, ein massives Investment in die innere Schulentwicklung und vor allem den Mut, die Tabus in unserem Schulsystem anzugreifen, bedeuten. Mit dem Wunschdenken „Wasch mir den Pelz, aber mache mich nicht nass“ wird die Digitalisierung genauso am ausgeprägten Immunsystem unseres Schulsystems gegen jede Veränderung scheitern wie alle bisherigen gut gemeinten Reformversuche. Das können wir uns aber nicht leisten.

Tafel und Kreide, veraltetes Schulwissen, das in Frontalvorträgen vermittelt wird, sind keine gute Vorbereitung auf eine Welt, in der Kreativität, emotionale Kompetenzen und Problemlösungsfähigkeit gefordert sein werden. Die Zukunft Österreichs liegt in unseren Klassenzimmern und nicht in einer Villa auf Ibiza.

 

Zur Person:

Dr. Andreas Salcher (http://www.andreassalcher.com/) ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und ein kritischer Vordenker in Bildungsthemen. Er begann seine Karriere 1987 in der Politik als damals jüngstes Mitglied des Wiener Landtags, dem er insgesamt 12 Jahre angehörte. Andreas Salcher ist Mitbegründer der „Sir Karl Popper Schule“ für besonders begabte Kinder. 2004 initiierte er die „Waldzell Meetings“ im Stift Melk, an denen sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben. Seit 2008 engagiert sich Andreas Salcher mit seinem „CURRICULUM PROJECT” für bessere Schulen.

E-Busse sollen Autos ablösen

Tullnerfeld – Vorbild für Römerland Carnuntum?

E-Busse sollen Autos ablösen

Steigender Verkehr, Zersiedelung oder konsumorientierte Lebensstile verursachen immer mehr Emissionen. Im Tullnerfeld forscht ein Start-up nun über neue Mobilitätsformen für Pendler. Dabei sollen etwa automatisierte Busse, eMofas, eBikes und Car-Sharing-Lösungen getestet werden.

Bei dem österreichweiten Forschungsprojekt „Mobilität neu Denken“ will das Start-up SmartDigital neue Mobilitätsformen entwickeln, welche die Region unabhängig von privaten Fahrzeugen machen. Die Gemeinden Judenau-Baumgarten, Königstetten, Tulbing und Tulln wollen bei diesem Projekt Konzepte ausloten, die bestehende Verkehrsprobleme lösen können. Den Pendlern will man damit Alternativen für die „letzte Meile“ bieten.

„Unser Ziel ist es, keine theoretischen Optionen auszuloten, sondern praxistaugliche Lösungen für das ländliche Österreich zu entwickeln. Das Tullnerfeld bietet dafür eine perfekte Umgebung“, betont Alexander Schuster, Gründer von SmartDigital. Für Peter Eisenschenk (ÖVP), Bürgermeister von Tulln, ist das Projekt wichtig, weil es „hinsichtlich des Zieles der CO2-Neutralität der Stadtgemeinde von großer Bedeutung ist.“

Ziel sind klimaschonende Mobilitätslösungen

Priorität haben vor allem klimaschonende Mobilitätslösungen, die aktuelle Probleme in der Region wie den überbordenden Individualverkehr zum ÖBB-Bahnhof Tullnerfeld, ändern. „Mobilität neu denken ist ein Gebot der Stunde, ansonsten müssen wir noch drei weitere Parkhäuser beim Bahnhof Tullnerfeld errichten. Wir brauchen bedarfsorientierte Lösungen und keine starren Fahrpläne für unsere Pendlerinnen und Pendler“, erläutert Georg Hagl (ÖVP), Bürgermeister der Gemeinde Judenau.

Die Gemeinden wollen dabei Konzepte entwickeln, die auch von der Bevölkerung akzeptiert werden. „Gerade für die ältere Generation schafft neue Mobilität die Möglichkeit, in der Gesellschaft weiter aktiv zu sein und auf andere Personen weniger angewiesen zu sein“, sagt Thomas Buder (ÖVP), Ortschef der Gemeinde Tulbing. „Gerade in unserer dicht besiedelten, wachsenden Region ist Mobilität das wichtige Thema“, ergänzt Robert Nagl (ÖVP), Bürgermeister von Königstetten.

Zusammenarbeit von Unternehmen und Unis

Das Verkehrsministerium startete deshalb auch das Programm „Mobilität der Zukunft“, in dem Forschungsunternehmen, Verkehrsunternehmen, Universitäten und Fachhochschulen aus ganz Österreich zusammenarbeiten. Innerhalb der Projektlaufzeit von vier Jahren werden neue Mobilitätslösungen entwickelt, umgesetzt, ihre Wirkung getestet und evaluiert. Damit will man noch während der Projektlaufzeit zeigen, dass die Angebote praxistauglich und im Sinne der Mobilitätswende wirksam seien.

Neben dem Großraum Salzburg, der Region Graz-Umgebung sowie dem Ötztal (Tirol) ist das Tullnerfeld eine für die sozioökonomische Erforschung neuer Mobilitätslösungen definierte Pilotregion: Im Tullnerfeld liegt der Schwerpunkt auf neu entwickelten Verkehrskonzepten, damit Pendler aus den angrenzenden Gemeinden den Bahnhof Tullnerfeld auch ohne privates Auto erreichen können. Die neu entwickelte Lösung soll in punkto Kosten, Komfort und Fahrzeiten dem privaten Pkw zumindest ebenbürtig sein.

Quelle: https://noe.orf.at/stories/3026955/

Technische Revolution

Wolfgang Anzengruber:

Ich glaube an eine nachhaltige technische Revolution

Was braucht es, um den drohenden Klimakollaps auf Erden zu verhindern? Eine systematische Dekarbonisierung des Energie- und Wirtschaftssystems, fordert Verbund-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber. Ein Kommentar zur Strategie des Energie-konzerns, zu den Anforderungen an die Politik und zum Glauben an die Energiezukunft.

Energie ist der Antrieb für unser Leben. Für den vom wirtschaftlichen Wachstum getriebenen Hunger nach Energie bezahlen wir Menschen aber zugleich einen immer höheren „Preis“. Unsere Erde ist erschöpft – nicht morgen, schon heute. Der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen steht nicht ante portas, er ist im Gang. Und der Hauptverursacher ist nach eindeutigem Befund der Wissenschaft das Treibhausgas CO₂. Das alles ist keine Schwarzmalerei, das sind Fakten.

 „Wir sind die erste Generation, die die Klimakrise am eigenen Leib erlebt und wohl die letzte Generation, die noch in der Lage ist, das Ruder herumzureißen“, sagt Verbund-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber.                                                   

(c)Verbund

 Volle Kraft den erneuerbaren Energien!

Für Verbund als größtes österreichisches Stromunternehmen ist der Weg in die Zukunft demnach klar: Wir haben knapp 100 Prozent CO₂-freie Stromerzeugung, steigern die Energieeffizienz und treiben die Dekarbonisierung und die Digitalisierung voran. Basis und Herzstück unseres Unternehmens ist und bleibt die effiziente Wasserkrafterzeugung. Wir betreiben 128 Wasserkraftwerke, setzen auf Effizienzsteigerungen bei bestehenden Anlagen und haben rund 30 Projekte in der Pipeline.

Ergänzend zur Wasserkraft setzen wir auf den Ausbau der neuen erneuerbare Energien. Wind- und Sonnenkraft sollen künftig an die 20 bis 25 Prozent der Gesamterzeugung von Verbund ausmachen. Gemeinsam mit der OMV errichten wir zum Beispiel im Weinviertel gerade die größte Photovoltaik-Freiflächenanlage Österreichs. Bei Windkraft verfügen wir in Österreich, Deutschland und Rumänien bereits über 153 Anlagen.

 Ohne Innovation keine nachhaltige Energiezukunft

Wir müssen in Innovation und Forschung investieren, unsere Wirtschaft umgestalten und unsere Industriepolitik modernisieren: Der aus Strom aus erneuerbaren Quellen gewonnene grüne Wasserstoff hat aus unserer Sicht enormes Potential, als Industrierohstoff, Energieträger und als Speichermedium. Wir treiben das gemeinsam mit Industriepartnern mit Großprojekten voran, zum Beispiel am Standort der Voestalpine in Linz (H2FUTURE).

Auch unseren Standort in Mellach entwickeln wir zu einem Standort für Zukunftstechnologien. Einerseits werden Großbatterien speziell für die E-Mobilität getestet, andererseits sorgen wir mit einem Hochtemperatur-Elektrolyse-Pilotprojekt mit der TU Graz für die Produktion des zukunftsträchtigen grünen Wasserstoffs.

Mit großen Stromspeichern lässt sich eines der Kernprobleme der Energiewende lösen

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien aus Quellen wie Wind und Sonne steigt die Volatilität der Stromerzeugung. In Sachen Energie-Systemmanagement, also beim Ausgleich von Angebot und Nachfrage, kommt die Notwendigkeit von Energie- und Stromspeichern ins Spiel. Unsere großvolumigen Pumpspeicher leisten da einen entscheidenden Beitrag, aber wir investieren auch massiv in die Entwicklung alternativer Speichertechnologien.

Dazu gehören neben grünem Wasserstoff Batteriespeicher in Form von Lithium-Ionen-Akkus. Diese sind für energieintensive Branchen wie Metall-, Halbleiter- oder Glasindustrie interessant und spielen eine Schlüsselrolle für die Energiezukunft der E-Mobilität. Ein Projektbeispiel von Verbund ist SYNERG-E, wo wir lokale Batteriespeicher an Hochleistungs-Ladestandorten für Elektroautos installieren, um ultraschnelles Laden ohne Netzbelastung zu ermöglichen. Drei Batteriespeicher in Wien, Graz und Innsbruck haben wir bereits in Betrieb genommen.

Die Politik muss die ökologischen und ökonomischen Leitplanken vorgeben

Im Rahmen des Green Deals will die Europäische Kommission die Klimaziele für 2030 noch weiter verschärfen, auf mindestens 50 bis hin zu 55 Prozent. Europa soll beim Klimaschutz eine Vorreiter-Rolle einnehmen und bis 2050 erster klimaneutraler Kontinent werden. Österreich wird 2018 und wohl auch 2019 und 2020 die Klimaschutzvorgaben verfehlen. Damit drohen der Republik Strafzahlungen in der Höhe von acht bis zehn Milliarden Euro. Wollen wir nicht lieber in die Zukunft investieren, anstatt für Versäumnisse der Vergangenheit Strafe zu zahlen?

Energiewirtschaft, Industrie und Konsumenten brauchen langfristig stabile und klare Rahmenbedingungen für ihre Investitions- und Kaufentscheidungen. Das ist Aufgabe der Politik. Einen zentralen Baustein für die Dekarbonisierung bildet die adäquate Bepreisung von CO₂ in unserem Energie- und Wirtschaftssystem. Unser Standpunkt dazu: Der EU-Zertifikatshandel (ETS) soll weiterhin das Instrument der CO₂-Bepreisung sein. Allerdings muss er um die Sektoren Mobilität und Wärme erweitert werden, die gerade in Österreich einen Großteil der Emissionen ausmachen.

Statt einer CO₂-Steuer plädiere ich für einen sukzessive ansteigenden CO₂-Mindestpreis. Im Klartext heißt das: Der Mindestpreis muss so lange steigen, bis der Marktpreis für CO₂ seine lenkende Funktion entfalten kann.

Wir können es nicht mehr verantworten, nichts zu tun

Wir sind also die erste Generation, die die Klimakrise am eigenen Leib erlebt und wohl die letzte Generation, die noch in der Lage ist, das Ruder herumzureißen. Also packen wir es an – im Wissen, dass das notwendige Ende des fossil-nuklearen Energiesystems nicht das Ende der Entwicklung, sondern vielmehr der Aufbruch in eine neue, nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft ist. Wir müssen nicht unsere Freude an Mobilität, Technik, Mode und Kommunikation zügeln, sondern vielmehr unseren Ressourcenverbrauch. Die Jugend lebt uns das heute schon vor, wenn sie zum Beispiel ein Auto lieber teilt als besitzt und beim Konsum auf regionale Herkunft achtet. Denn mehr Konsum macht uns nicht glücklicher.

Sinn liegt aus meiner Sicht vielmehr in einer nachhaltigen technologischen Revolution, die nicht auf Ausbeutung setzt, sondern auf eine clevere und saubere Nutzung von Ressourcen. Ich glaube daran, dass Forschung, Entwicklung und Innovation uns die Wende weg von CO₂ und hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energieträgern ermöglichen werden. Die Vision einer erneuerbaren Energiezukunft ist für uns alle mit Sicherheit die beste Option.

 

Junge Menschen wollen nicht verbrennen

Interview mit dem Trend- und Zukunftsforscher Ali Mahlodji:

„Junge Menschen wollen in der Arbeit nicht mehr verbrennen“

 

Ali Mahlodji© Gregor Nesvadba

Ali Mahlodji:

„Meine Generation ist zu einer Generation Burnout geworden“.

„Die Generation Z sagt: Ich will nicht bis zur Pension warten, bis ich mein Leben genießen kann!“

Sie sind unsolidarisch, illoyal, selbstsüchtig, wollen viel Freizeit und keine Verantwortung übernehmen. Millenials, also Menschen, die zwischen 1982 bis 1996 geboren wurden, haben keinen guten Ruf in der Arbeitswelt – fragt man Unternehmensberater und CEOs. Die Mächtigsten in Unternehmen machen sich Sorgen, wer als Führungskraft nachkommen wird. Es gibt einen Führungskräftemangel, die Jungen wollen keine Verantwortung übernehmen, sagen sie. Aber stimmt das wirklich? Die „Wiener Zeitung“ hat mit dem Trend- und Zukunftsforscher Ali Mahlodji gesprochen.

„Wiener Zeitung“: Österreichs Chefetagen jammern. Es gebe einen Führungskräftemangel. Junge Menschen wollen kaum Verantwortung übernehmen. Ist da was dran?

Ali Mahlodji kam mit zwei Jahren als Flüchtling nach Österreich. Als Schulabbrecher machte er die verschiedensten Jobs und geriet ins Burnout. 2011 gründete er die Berufsorientierungsplattform „whatchado“. 2017 erschien Mahlodjis Buch „Und was machst Du so?“ im Econ Verlag. Seit 2018 arbeitet er als Trend- und Zukunftsforscher und ist Verfasser des Work Report 2019, den er zusammen mit dem Zukunftsinstitut herausbrachte.

Ali Mahlodji: Ganz viele alte weiße Männer sagen, junge Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen und nicht Führungskraft sein. Die jungen Menschen wollen aber sehr wohl Verantwortung übernehmen. Sie wollen jedoch in einem System mit alten Regeln nicht mehr mitspielen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Greta Thunberg, eine 16-Jährige, die die Führungsrolle einer komplett neuen Generation von jungen Menschen übernommen hat, die auch ihre Eltern und andere Erwachsene anstiftete, auf die Straße zu gehen. Das ist Führungskraft pur. Als vor wenigen Jahren in den USA wiederholt Menschen gestorben sind bei Schießereien in Schulen, waren es wieder junge Menschen, die auf die Straße gegangen sind, mobil gemacht und demonstriert haben. Junge Menschen übernehmen also sehr wohl Führung – aber sie glauben nicht mehr jeden Blödsinn.

Wie kommt es dann zu dem Eindruck, der Nachwuchs sei nicht interessiert?

Bei den klassischen Führungskräften ist das Dilemma, dass sie immer von sich selber ausgehen. Und die klassischen Führungskräfte heute sind in der Überzahl alte weiße Männer. Die sind in einer Welt aufgewachsen, in denen ihnen in der Industrialisierung versprochen worden ist: wenn du alles richtig machst, hast du erstens lebenslang einen tollen Job und zweitens bekommst du Statussymbole.

Und das interessiert die jungen Menschen nicht mehr?

Das Wertesystem eines Menschen wird zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr festgelegt. Erst mit etwa zwölf Jahren ist unser Gehirn in der Verfassung geopolitische Zusammenhänge auf unser Leben umzumünzen. Die Dinge, die mit 12, 13 Jahren passieren, prägen unser Wertesystem. Und wenn ein Kind etwa im Jahr 1996 geboren wurde, dann ist es in den ersten Jahren mit der klassischen Arbeitsdenke aufgewachsen: lebenslanger Job, mache eine sichere Ausbildung, mache das, was die Leute gut finden, hackel brav und dann kommt die Pension. Dieses Kind war dann 13 Jahre alt, als die Finanzkrise eintrat. Das Versprechen der Arbeitgeber gab es ab dann nicht mehr.

Also sind die Jungen desillusioniert und enttäuscht?

In der Finanzkrise haben auch ganz große Unternehmen wie Kapsch oder Siemens viele Menschen rausgeschmissen. Und die Erwachsenen waren damals alle enttäuscht. Aber die Enttäuschung ist das Ende unserer Täuschung. Wir haben uns oft täuschen lassen von dem alten System, von den erwähnten Glaubenssätzen. Heute merken junge Menschen – nicht nur die 16-jährigen, auch die 25- und 35-jährigen – die Sicherheitssysteme Arbeitgeber und Staat existieren so nicht mehr. Junge Menschen sagen, ich bekomme zwar schon eine Pension, aber erstens will ich nicht so lange warten, bis ich mein Leben genießen kann und zweitens werde ich nicht mehr die Pension bekommen, von der meine Großeltern erzählt haben. Das ist nicht mein Lebensziel.

Ist die junge Generation verwöhnt?

Wir verzeichnen den höchsten Wohlstand aller Zeiten. Die Menschen fühlen sich aber immer unsicherer. Und die Jugendlichen sagen: pass auf, ich hau mich schon wo gescheit rein, aber sicher nicht mehr um jeden Preis. Und ich will nicht verbrannt werden in der Arbeit. Und viele Unternehmen und NGOs merken, wenn sie den Leuten nicht was anbieten, wo sie in der Arbeitszeit etwas Sinnvolles machen können, dann werden sie die Leute verlieren.

Und wie bringt man „Sinn“ ins Unternehmen?

Ich war bei einem der Top 4 Beratungsunternehmen weltweit. Die haben mir gesagt, erst seit sie begonnen haben den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, während der Arbeitszeit ein paar Stunden sich um soziale Projekte zu kümmern, sind sie total überrascht, wie die jungen Leute sich darum reißen, sich mit ihren Ideen einzubringen. Die Definition für Verantwortung hat sich verändert. Firmen wie ÖAMTC oder Microsoft bieten bezahlte Papawochen an. Das gibt Vätern die Möglichkeit, Zeit für ihre Familie und für ihre Kinder zu haben. Das ist pure Verantwortung. Die Belohnungssysteme haben sich radikal verändert.

Das heißt, das Problem liegt bei den Arbeitgebern – sie haben ein Vertrauens-, ein Sinnproblem?

Meine Generation, die Generation Y, ab Jahrgang 1981, die hat sich ständig reingehaut. Sie war die erste Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist und plötzlich ganz viele Möglichkeiten hatte. Die Generation Y hat zum ersten Mal ein Firmentelefon gehabt, ein Handy. Das war ja super – da kann man am Abend noch ein Email schreiben. Und die Generation Z, die ganz Jungen, die haben sich das angeschaut und sagen nun, das will ich nicht. Wofür?

Ist die Abscheu berechtigt?

2007 bis 2017 hat sich in den reichen Ländern der Erde die Verschreibung von Antidepressiva bei den 25 bis 35-Jährigen mehr als verdoppelt. Die Generation, die aufgewachsen ist mit, du kannst alles machen, dir soll es mal besser gehen – in einer Gesellschaft, wo schon alles da ist – hat massive psychische Probleme. Die alten Glaubenssätze passen nicht mehr, die kommen von Menschen, die den Krieg, die Nachkriegszeit und das Aufbauen erlebt haben. Das Problem ist, uns kann es nicht noch besser gehen. Deshalb ist meine Generation zu der Generation Burnout geworden.

Sind die Jungen undankbar. Sie haben alles, sind aber schlecht drauf…

Die Elterngeneration findet die Jugend pessimistisch – aber die jungen Leute sagen, sie sind realistisch und pragmatisch. Sie lassen sich nicht mehr für dumm verkaufen. Aber wenn sie Projekte finden, die sie für sinnvoll erachten, dann laufen die die Extrameile. Ich bin jede Woche in Österreich unterwegs, in kleinen Gemeinden, nicht nur in den großen Städten, und da gibt es unglaublich tolle Jugendprojekte. Die machen was für die Community, sind engagiert, schauen, dass ältere Leute eingebunden werden in Aktivitäten, usw.

Gibt es Unternehmen, die das Problem begriffen haben? Was tun die?

Ich kenne Unternehmen, die diese Probleme stark haben. Das kann eine Lufthansa sein, große Automobilhersteller, aber das erlebe ich auch in einer kleinen Bäckerei oder Zimmerei. Und die, die keine Probleme haben mit diesem Vertrauensverlust und dem Generationenkonflikt, sind Unternehmen, die darauf achten, dass es intern Generationengespräche gibt. Da gibt es bewusste Gesprächsrunden, wo Lehrling und Meister zusammensitzen und miteinander reden. Jeder erzählt aus seiner Lebenswelt, von seinem Wissen. Die ÖBB suchen in den nächsten Jahren 10.000 Leute, die beginnen jetzt mit Generationengesprächen. Daimler beginnt mit Generationengesprächen, wo sie sogar Mitarbeiter aus der Pension zurückholen und sie mit den ganz Jungen zusammenspannen, damit sie voneinander lernen.

Die Babyboomer gehen in Pension und müssen nachbesetzt werden. Wie wird das Wissen der Alten übergeben?

Die Unternehmen, die mit den Generationengesprächen erfolgreich sind, haben den Älteren klar machen können, dass sie die Weisheit des Lebens haben und die ganzen Abkürzungen kennen. Sie sind die Mentoren der Jugendlichen. Und die Älteren lernen aber auch etwas über neue digitale Kommunikation etwa. In diesen Unternehmen geht es auch ganz groß um Wertschätzung – und das macht unglaublich viel aus. Da geht es nicht um Geld und externe Berater. Es geht darum, dass man im Betrieb Zeit damit verbringt, was in vielen Familien nicht mehr passiert. Es leben weniger Generationen unter einem Dach, die Zeit, die Eltern mit den Kindern reden wird immer weniger. Es gibt immer weniger Beziehungsarbeit. Unternehmen können das abfedern heute, indem sie Räume schaffen, wo diese Generationen sich begegnen. Wenn sie das nicht schaffen, fliegt ihnen alles um die Ohren.

Führungskräfte werden häufig extern rekrutiert. Da wird viel Zeit und Geld investiert. Beim eigenen Nachwuchs wird kaum geschaut, wer folgen kann…

Die kleinen und mittleren Unternehmen, die KMUs, haben aktuell eines der größten Probleme – und die beschäftigen rund 70 Prozent der Arbeitnehmer – nämlich die Nachfolgeregelung. Die ganzen Unternehmensberater, die auf Nachfolgeregelung spezialisiert sind, verdienen sich aktuell dumm und dämlich. Man stellt fest, von außen will keiner, dann schaut man intern und merkt, dass der große Patriarch oder Firmenchef gar nicht wirklich abgeben möchte – deswegen hat er auch niemanden aufgebaut. Und dann haben alle ein Problem.

Was sind Fähigkeiten, die es bei den Jungen braucht?

Den Jugendlichen fehlt heute zum einen Gelassenheit und Geduld und zum zweiten, die Fähigkeit tiefe Beziehungen einzugehen. Und das sind genau die Dinge, die es braucht, um auch beruflich erfolgreich zu sein. Dinge brauchen Zeit, um gut zu werden. Beziehungen zu Kollegen, Partnern und Kunden müssen aufgebaut und gepflegt werden.

Und auf Unternehmensseite?

Unternehmen müssen verstehen, dass sie mehr sind als ein Arbeitgeber. Es geht darum, einen jungen Menschen in einem seiner wichtigsten Lebensabschnitte zu begleiten. Es gibt Unternehmer, die machen für Lehrlinge und Mitarbeiter unter 30 Jahre Persönlichkeitsentwicklungskurse. Die jungen Leute merken: der Arbeitgeber will nicht einfach nur immer mehr Leistung von mir, sondern dass ich mich zu einem mündigen, selbstsicheren Erwachsenen entwickle. Sogar wenn das bedeutet, dass ich das Unternehmen dann verlasse. Das ist Wertschätzung. Diese Unternehmen kennen keinen Fachkräftemangel. Die wollen junge Leute und Lehrlinge, die wirklich unbedingt im Unternehmen arbeiten wollen. Die, die bleiben, übernehmen Verantwortung und sind potenzielle Führungskräfte.

Was hat dieses Thema mit Innovation in Unternehmen zu tun?

Die Frage, der wir uns stellen müssen, ist: wissen wir in unseren Organisationen eigentlich, was wir wirklich wissen? Wissen wir, was jeder Einzelne bei uns weiß? Kennen wir unser Potenzial, die Ideen, die in den Mitarbeitern schlummern? So lange wir diese Frage nicht beantwortet haben, brauchen wir nicht draußen nach Innovation schauen.

Gibt es da Vorbilder?

Der ÖAMTC hat vor zwei Jahren eine Innovationsplattform gestartet. Dahinter steht die Überzeugung, die besten Ideen kommen nicht von den Chefs, sondern von den Leuten, die tagtäglich mit den Kunden in Kontakt stehen. Auf dieser Plattform haben sich mittlerweile 80 Prozent der Mitarbeiter eingeloggt. Es wurden mehr als 1400 Ideen eingereicht und der ÖAMTC hat über 10 Prozent dieser Ideen umgesetzt. Und mit 34 Ideen hat einer der Außendienstmitarbeiter, ein 30-jähriger Mann, der draußen die Autos abschleppt, am meisten Ideen eingereicht. Das ist gelebte Kultur der Wertschätzung.

 

Zeit ist reif für Veränderung

Interview mit Erwin Wagenhofer:

„Ich habe den Eindruck, dass die Zeit reif ist für Veränderung“

Die bisherigen Filme von Regisseur Erwin Wagenhofer beleuchten die zerstörerischen Seiten unseres Wirtschaftens. „But Beautiful“ zeigt nun, wie schön es anders gehen könnte.

Der Regisseur Erwin Wagenhofer wurde durch Filme „We Feed The World“ (2005), „Let’s Make Money“ (2008) und „Alphabet“ (2013) bekannt. Er zeigt in ihnen die Mängel der westlichen Wirtschaftssysteme an den Beispielen der globalisierten Nahrungsmittelindustrie, des neoliberalen Kapitalismus‘ oder eines auf Effizienz ausgerichteten Bildungssystems. In seinem neuen Film „But Beautiful“ sieht man nun positive Beispiele dafür, wie die Probleme der Welt gelöst werden können: Permakultur-Visionäre auf La Palma etwa, oder einen Förster, der die gesündesten Häuser der Welt entwickelt. „Die Zeit ist reif für solche Vorbilder“, sagt Wagenhofer im Interview.

SZ: „But Beautiful“ ist ein Film über das Schöne und Gute. Ihre bisherigen Werke waren hingegen Bestandsaufnahmen des Schlechten. Ist es schwerer, einen Film über das Schöne zu machen als über das Schlechte?

Erwin Wagenhofer: Ja, das ist sehr viel mühsamer. Ich kann es simpel mit einem Wort sagen. Es gibt den Begriff „Dramaturgie“, da steckt schon das Drama drinnen. Wie wollen Sie das Gute dramatisieren? Da habe ich wahnsinnig lange daran herumgebaut. Ich habe 14 Monate lang geschnitten.

In Ihrem Film präsentieren Sie unter anderem den österreichischen Förster Erwin Thoma, der den Bäumen als Lebewesen dieselbe Wertigkeit zuweist wie Menschen oder Tieren. Gleichzeitig fällt er Bäume, um aus ihnen seine speziellen Holzhäuser herzustellen. Er tötet also genau die Kreatur, die ihm so am Herzen liegt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Erwin Wagenhofer: Da würde ich nicht von „töten“ sprechen, sondern von „ernten“. Der Baum wird zwar gefällt, aber gleichzeitig wird ja sofort ein neuer gepflanzt. Deswegen heißt es ja „nachwachsende Rohstoffe“. Dass Säen und Ernten zusammengehören, ist ja gerade das Einzigartige an der Forstwirtschaft, und das beschreibt Thoma im Film ja auch, wenn er sagt: „Das ist der einzige Wirtschaftszweig, bei dem sie ernten, was sie nicht gesät haben, und sie säen, was sie nicht ernten werden.“ Denn so ein Baum wird ja 200 Jahre alt, das heißt, wenn er heute gefällt wird, haben ihn unsere Urahnen gesät. Und was wir heute säen, werden unsere Enkelkinder oder deren Kinder ernten. So was ist echte Kreislaufwirtschaft.

Außerdem sagt Thoma im Film, dass es wichtig sei, die Bäume bei abnehmendem Mond zu fällen. Ist das nicht reine Esoterik?

Nein. Das ist Wissen, das es seit Jahrtausenden gibt. Bei Cäsar gab es einen Erlass, dass Kriegsschiffe nur aus „Mondholz“ gebaut werden dürfen, weil dieses viel robuster und weniger anfällig für Schädlinge ist. In Russland gibt es Kirchen, die sind tausend Jahre alt und aus solchem Holz, die haben nie ein Holzschutzmittel gesehen, weil es das damals noch gar nicht gab. Auch in Japan gibt es Holzklöster, die sind 1600 Jahre alt.

Die Holzindustrie will das nicht hören und stellt das als Spinnerei hin, weil sie natürlich Tag und Nacht ernten will. Aber von der ETH Zürich wurde dieses alte Wissen inzwischen auch wissenschaftlich bestätigt.

Die Schweizer Familie Graf, die auf La Palma eine große Fläche Ödland rekultiviert hat, erklärt sich in Ihrem Film als weitgehend autark. Wie muss man sich das vorstellen? Hat sich die Familie tatsächlich aus unserem Wirtschaftskreislauf ausgeklinkt?

Die Autarkie, die da angesprochen wird, ist nicht in dem Sinne zu verstehen, dass die Grafs reine Selbstversorger sind. Das war nie die Idee. Die Familie wirtschaftet als landwirtschaftlicher Betrieb einfach weitgehend autonom. Ihren Solarstrom erzeugen sie zum Beispiel selbst, deshalb haben sie sich vor zwei Jahren von der Stromgesellschaft abgeschaltet. Sie produzieren außerdem sehr viele Lebensmittel für sich selbst, und zwar ohne auf Kunstdünger angewiesen zu sein. Die einzige Ressource, bei der sie noch nicht autonom sind, ist das Wasser. Das müssen sie zukaufen. Doch sie arbeiten daran, auch an dem Punkt unabhängig zu werden.

Bevor sie nach La Palma gezogen sind, hatten sowohl Barbara Graf als auch ihr Mann Erich lukrative Jobs als Architektin und IT-Fachmann. „But Beautiful“ ist recht eindeutig als Appell zu verstehen, es ihnen gleichzutun: aus ausgetretenen Pfaden herauszutreten und eine bessere Welt aufzubauen. Aber könnte das wirklich klappen, wenn das jeder macht?

Das ist die Frage nach einem alternativen Wirtschaftssystem, und es ist nicht meine Aufgabe als Filmemacher, die Frage zu beantworten, wie wir das zustande bringen könnten. Als Regisseur sehe ich mich in der Rolle desjenigen, der die Menschen ermutigt, endlich mal in die Gänge zu kommen. Und das gelingt meiner Meinung nach mit dem Film auch. Ich habe ja bereits einige Vorführungen hinter mir, und konnte da die Reaktion des Publikums miterleben. Manche Zuschauer begannen zu weinen, weil sie so überwältigt von der Einsicht waren, dass sie vielleicht doch in der Lage sind, selbst einen gewissen Beitrag zu leisten zur Veränderung zum Guten hin.

Meine Generation – ich bin Jahrgang 1961 -, die hat’s komplett verschlafen!

Was Sie Ihren Altersgenossen mit Ihren früheren Filmen „We Feed the World“„Let’s Make Money“ und „Alphabet“ über die Nahrungsmittelindustrie, den Finanzkapitalismus und unser Bildungssystem ja sehr eindrucksvoll gezeigt haben. Genutzt hat das aber offensichtlich nicht viel.

Trotzdem war es sinnvoll, diese Missstände zu beschreiben. Fast täglich erreichen mich Mails von Menschen, die aufgerüttelt durch die Filme vieles in ihrem Leben verändert haben. Und auch, weil sie Teil meiner persönlichen Entwicklung sind. Ein neuer Film fing bei mir immer da an, wo der alte aufhörte, und das hat mich schließlich zu „But Beautiful“ geführt.

Denn ich habe den Eindruck, dass die Zeit reif ist für Veränderung, die irgendjemand vornehmen wird.

Vermutlich nicht Angela Merkel, aber vielleicht die Greta Thunberg – als Symbolfigur meine ich jetzt.

Die Einschränkung im Filmtitel „But Beautiful“ irritiert. Warum eigentlich dieses „Aber“?

Weil es eine Naivität wäre, zu sagen: Das Leben ist nur schön. Wir wissen alle: Es gibt Aufs und Abs. Es gibt herausfordernde Tage, es gibt Tage, an denen geht es besser. Aber prinzipiell sind wir alle gern da, und die meisten Leute wollen auch sehr alt werden.

Man kann Sie also so verstehen, dass sie sagen: „Das Leben kann schwierig sein, aber es ist schön.“

So können Sie es verstehen. Aber wenn Sie wollen, können Sie auch einen Bezug zu der bekannten Jazzballade „But Beautiful“ aus dem Jahr 1947 von Jimmy Van Heusen und Johnny Burk herstellen, die als Appell verstanden werden kann, keine Angst vor dem Scheitern zu haben.

Andererseits ist die Angst vor dem Scheitern ja eine sehr reale: Wer etwas Neues wagt, dem droht leicht zum Beispiel Bankrott oder Arbeitslosigkeit.

Na gut. Das droht. Aber scheitern heißt nicht sterben. Und nicht jeder, der etwas Neues wagt, scheitert oder geht Bankrott! Es ist eher genau das Argument, mit dem die Leute in Angst gehalten werden und dadurch gefesselt in Situationen, die nicht gut sind.

Ich hätte im Film auch einen weiteren österreichischen Unternehmer zeigen können: Josef Zotter. Er stellt Schokolade her – extrem erfolgreich. Auf die Geschäftsidee mit der Schokolade ist er überhaupt erst gekommen, nachdem er mit einer Konditorei in Graz einen Konkurs hingelegt hat. Der sagt heute: „Die wichtigste Erfahrung meines Lebens war dieser Konkurs.“ Das heißt doch: Die Angst vor dem Scheitern ist viel schlimmer als das eigentliche Scheitern. Denn aus dem kann etwas Neues entstehen.

 

 Dieses Interview ist zuerst am 26. November 2019 in der SZ erschienen.