DIE ZEIT im Gespräch mit dem britischen Umweltforscher Sam Hampton:
»RECYCLING WIRD ÜBERSCHÄTZT«
Was der Einzelne gegen den Klimawandel tun kann
DIE ZEIT: Herr Hampton, wer ist stärker für den Klimawandel verantwortlich – die großen Unternehmen oder wir als einzelne Individuen?
Sam Hampton: Das ist das Erste, was ich meinen Masterstudierenden beibringe: Es gibt unterschiedliche Versionen des Klimaproblems. In der einen Version ist eine Handvoll „böser“ Unternehmen verantwortlich für den Klimawandel; die andere Version besagt, dass diese Unternehmen lediglich die Bedürfnisse von Milliarden Menschen bedienen, die ihre Häuser heizen, herumreisen und Produkte kaufen wollen.
ZEIT: Das klingt wie die Frage, was zuerst da war: das Huhn oder das Ei?
Hampton: Die Debatte über Systeme und Individuum ist so alt wie die Sozialwissenschaft selbst. Doch das Entscheidende ist: Auch wenn Einzelne getan haben, was immer möglich war, das System wiederum beeinflusst haben. Beides hängt zusammen: das Individuelle und das Kollektive.
ZEIT: Aber ist die Systemseite nicht mächtiger, den Diskurs zu ihren Gunsten zu beeinflussen?
Hampton: Vielleicht, und sicherlich kann es sich für den Einzelnen so anfühlen. Aber Systeme werden von Menschen getragen, und Regierungen und Unternehmen reagieren auf kollektive Verhaltensweisen und Erwartungen. Die Herausforderung besteht also darin, dass sich Einzelne zusammenschließen, um kollektiv den Wunsch nach Veränderung zu demonstrieren.
ZEIT: Angesichts eines planetarischen Problems wie des Klimawandels fühlen sich die meisten Menschen als Individuum machtlos. Ob man sich für ein Elektroauto entscheidet oder nicht, scheint angesichts der Größe des Problems marginal.
Hampton: Stimmt, solange ich meine Rolle auf die eines Konsumenten reduziere und das als die individuelle Handlung sehe. Aber wir agieren nicht nur im Privaten, sondern auch im öffentlichen Raum: Wir sind Bürger, haben einen Beruf, sind Teil einer Familie, sind Wähler – und beeinflussen das System auf diese vielfältigen Weisen.
Übrigens zeigen unsere Studien: Wenn ich mich leise und dezent als Konsument verhalte, dann ist das leicht zu schluck- und Ohnmachtsgefühle; konzentriert ich mich hingegen auf öffentliches Engagement und kommunikatives Handeln, stärkt mich der Fokus auf individuelle Wirksamkeit. Ich erkenne, dass ich Teil bin eines sehr großen Verantwortung, ohne die Schuld gleich mit aufzunehmen.
ZEIT: Viele Unternehmen bieten derzeit an, ihren eigenen »grünen« Weg zu bieten, wie Tesla oder BP, die in Werbung oder in Klimaprojekte investieren – aus Imagegründen. Aber letztlich wollen sie Geschäftsfelder nicht ändern und den Status quo beibehalten.
ZEIT: Auch der berühmte CO₂-Fußabdruck soll ein Werkzeug der Ölindustrie sein, um die Verantwortung auf die Konsumenten abzuwälzen.
Hampton: Diese Kritik hört man immer wieder, aber ich denke, als Aufklärungswerkzeug kann er sehr hilfreich sein. Denn die meisten Menschen schätzen die klimatischen Auswirkungen ihres Handelns falsch ein.
ZEIT: Was wird überschätzt, was unterschätzt?
Hampton: Überschätzt wird häufig der Nutzen von Dingen, die sichtbar und greifbar sind: Recycling etwa oder das Auswechseln von Glühbirnen. Natürlich ist Recycling eine gute Sache, aber der Einfluss auf die CO₂-Emissionen ist eher marginal. Auf der anderen Seite werden die »grob« großen Dinge oft unterschätzt: Der Verzicht auf ein Auto oder aufs Fliegen ist eine große Klimawirkung. Man muss hier also differenzieren: Fliegen sind zwar problematisch wegen der Vielflieger, aber der Wohlstandseffekt: Je mehr der Europäer steigt dagegen steht mehr Reisen – rein in ein Flugzeug.
ZEIT: Eine viel zitierte Studie kommt zu dem Schluss, der beste Weg zur Reduktion des CO₂-Fußabdrucks sei es, weniger Kinder zu bekommen.
Hampton: Das ist unter eine andere Kategorie, nicht wahr? Wenn die Kinder mal da sind, stellt sich nicht mehr die Frage: Wofür tun wir das dann? Sondern: Wie gestalten wir an diesem Ort für zukünftige Generationen ein gutes Leben? Ohne Nachwuchs ergibt auch das ganze Nachhaltigkeitsziel keinen Sinn!
ZEIT: Wie steht’s mit Fleischverzicht?
Hampton: Die Substitution von Fleisch – insbesondere von rotem Fleisch wie Rind oder Lamm – hat eine erhebliche Wirkung. Auch die Heizung wird oft unterschätzt. In Großbritannien sind wir hauptsächlich von Erdgas abhängig. Berechnungen zeigen, dass es einen großen Unterschied macht, wie man heizt, zehn Prozent Energie einsparen.
ZEIT: Von Theodor Adorno stammt der berühmte Satz: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Gilt das nicht auch für den Klimaschutz?
Hampton: Wärmepumpen und Solarpaneele sind vor allem sinnvoll in Ländern wie Norwegen, wo der Strom hauptsächlich durch erneuerbare Energien erzeugt wird. Anders ist es etwa in den Vereinigten Staaten, wo viel Strom aus fossilen Kraftwerken kommt.
ZEIT: Und dann gibt es das Beispiel für das Zusammenspiel von individuellem Verhalten und gesellschaftlichem Wandel. Wenn zum Beispiel die Menschen in West Virginia, wo das Stromnetz stark von Kohle abhängig ist, Heizungen umstellen, hat das wenig Effekt. Und wenn das deshalb ein neues Kohlekraftwerk gebraucht wird, wäre das kontraproduktiv.
Hampton: Richtig. Führt der Mehrbedarf alter Häuser zum Bau neuer und/oder Solarkraftwerke, wird CO₂ eingespart. Und aktuell verzeichnen wir, dass der Anteil erneuerbarer Energien stark ansteigt.
ZEIT: Wie sehr können solche Informationen klimafreundliches Handeln beeinflussen?
Hampton: Die Forschung zeigt immer wieder: Sachliche Informationen über den Klimawandel beeinflussen die Meinung der Menschen kaum. Was Menschen bewegt, sind nicht Fakten, sondern andere Menschen. Prominente Fürsprecher wie Sportler, Schauspieler oder Unternehmer können eine starke Wirkung entfalten; ebenso der Austausch mit Menschen, denen man vertraut. Die Klimawissenschaftlerin Katharine Hayhoe hat es einmal so ausgedrückt: »Das Wichtigste, was man im Kampf gegen den Klimawandel tun kann, ist, darüber zu sprechen.«
ZEIT: Wie meinen Sie damit? Dialoge über Klimapolitik?
Hampton: Wir haben ein interessantes Projekt mit Friseuren durchgeführt: Denn Friseure sprechen jeden Tag mit vielen Menschen und sind geübt darin, andere einzubeziehen und die richtigen Worte zu finden. Wenn die sich für das Klima einsetzen und jeden Tag aktiv mit ihren Kunden darüber sprechen, sehen wir mehr Bewegungen als mit Forscherkollegen.
ZEIT: Aber ist das nicht schon Sozialpropaganda?
Hampton: Wir schätzen eine einzelne Information fünfmal höher ein, wenn sie uns persönlich erreicht – von der Zeitung, der Regierung, vom Nachbarn und dann noch vom Friseur – beeinflussen es doch. Deshalb sage ich: Das Wichtigste bei der Bekämpfung des Klimawandels ist ein Bewusstsein für die Notwendigkeit kollektiven Handelns.
ZEIT: Dazu passt die Theorie der »sozialen Kipppunkte«. Eine einzige soziale Minderheit von 20 bis 25 Prozent kann so viele andere mitreißen, dass die Stimmung kippt und die Mehrheit ihr Verhalten ändert.
Hampton: Ja, zu diesem Thema gab es in den vergangenen Jahren eine regelrechte Explosion wissenschaftlicher Publikationen. Ein gutes Beispiel ist vegane Ernährung: Vor 20 Jahren gab es sehr wenige Veganer, sie wurden oft als Spinner verlacht. Heute hat jeder Supermarkt vegane Produkte. Da ist es gesellschaftlich gewachsen.
ZEIT: Ist wirklich die ganze Gesellschaft gekippt? Für vegane Ernährung interessieren sich vor allem Jüngere.
Hampton: Das ist ein wichtiger Einwand. Tatsächlich beobachten wir solche Kipppunkte oft zuerst in demografisch bestimmten Untergruppen. Und das birgt eine gewisse Gefahr, denn wenn ein neues Verhalten in einer Gruppe zur Norm wird, kann das im Rest der Gesellschaft zu Widerstand führen, zu einer Gegenbewegung. Am Ende können sich regelrechte Kulturkämpfe entzünden.
ZEIT: Bedeutet das: Man Thema Klimaschutz diese Dynamik nicht vermeiden?
Hampton: Das ist nicht einfach. Die Polarisierung wird oft durch die Dynamik der sozialen Medien verschärft. Manchmal muss man darauf achten, nicht aggressiv aufzutreten, Menschen nicht auszugrenzen. Klimaschutz sollte als Projekt etwa der Linken wahrgenommen werden, sondern ein umfassendes, das Klimaschutz jede Gruppe ansprechen kann. Zum Beispiel Konservative, denen es um die Bewahrung von Tradition, Kultur und den Chancen der nächsten Generation sorgt. Oder Menschen, die sich für Technik begeistern: das sind oft Männer mittleren Alters, die per App messen, wie viel Solarenergie sie erzeugen, was ihre Batterie macht, wie viel sie gespart haben. Diese Art von Technikfaszination ist nicht jedermanns Sache, aber wenn das eine bestimmte Bevölkerungsgruppe anspricht, ist das großartig.
ZEIT: Steht dem kollektiven Klimahandeln nicht das Streben nach individueller Freiheit und Ungebundenheit entgegen?
Hampton: Ja, und das hat auch wieder mit unserem System zu tun. Insbesondere der Neoliberalismus nimmt die einzelnen Individuen als ökonomische Akteure in den Blick und interessiert sich nicht für kollektive oder kommunale Strukturen. Ein gutes Beispiel dafür sind Online-Dienste wie Amazon: Sie liefern mir jedes Produkt nach Hause, ich muss nicht in ein Geschäft gehen, ich muss mit niemandem reden. Ich mache eine Investition in die Gesellschaft, wenn ich bei Amazon einkaufe. Die Innenstädte veröden, weil die neuen Zentren nicht im Online-Business sind, nicht im Zentrum, sondern eher außerhalb der Städte liegen. Diese Art von Ökonomie vernichtet »soziales Kapital«, also das, was Gesellschaften zusammenhält.
ZEIT: Zur Rettung des Klimas brauchen wir eine gesellschaftliche Verhaltensveränderung, ähnlich wie beim Rauchen: Vor 30 Jahren war es selbstverständlich, in Restaurants oder Büros zu rauchen, heute undenkbar.
Hampton: Genau diese Übung mache ich mit meinen Studierenden – ich zeige ihnen eine Grafik zum Rückgang des Rauchens und frage dann: »Was trieb diesen Trend bewirkt?« Dann sagen sie: Es waren der höhere Preis und die Steuern; andere sagen: Nein, es war das Rauchverbot in Restaurants; wieder andere halten die Schockbilder auf Zigarettenpackungen für ausschlaggebend – und so weiter. Am Ende steht die Erkenntnis: Es war nicht eine Maßnahme, sondern alle zusammen. Das gilt auch fürs Klima: Es gibt nicht die eine Lösung. Alles zusammensetzt sich. Und ich denke, das ist eine hoffnungsvolle Lektion: Man muss nicht auf die eine große Maßnahme warten, und niemand muss das Klima allein retten.
Das Gespräch führte Ulrich Schnabel
Danke unserem Club-Vorstandsmitglied Dr. Gottfried Gamperl, der dieses Gespräch für uns entdeckte.