NÖN-Gastkommentar von Dorit Haslehner-Kadlicz, Leiterin der MÄBS Männerberatung NÖ Süd und der FREIRAUM Frauenberatung NÖ Süd:
Anm.: Dieser Gastkommentar wurde aufgrund eines aktuellen Anlasses geschrieben. Wir veröffentlichen ihn jedoch nicht deswegen, sondern weil er uns über den Anlass hinaus Grundsätzliches mit auf den Weg gibt, denn:
Gewalt ist kein Nebenschauplatz
„Gewalt ist kein Nebenschauplatz. Gerade Gemeinden, Medien und Veranstalter tragen Verantwortung dafür, welche Botschaften sie in solchen Situationen senden.
Wenn ein prominenter Künstler mit Gewaltvorwürfen konfrontiert ist, stehen Gemeinden, Veranstalter, Medien und Fans vor einem Dilemma. Konzerte und Veranstaltungen absagen oder nicht? Verschieben oder stattfinden lassen? Abwarten oder Stellung beziehen?
Dass diese Fragen nicht einfach sind, liegt auf der Hand. Für Veranstalter geht es um Verträge, Planung, Kosten und Publikum. Für Fans um Vorfreude, Musik und einen Abend, auf den man sich gefreut hat. Aber genau hier beginnt gesellschaftliche Verantwortung. Haltung zeigt sich nicht dort, wo sie nichts kostet. Haltung zeigt sich dort, wo sie unbequem wird.
Schmerzhaft
Für viele Betroffene von Gewalt ist es eine schmerzhafte Botschaft, wenn nach solchen Vorwürfen rasch Ersatztermine präsentiert werden, Tickets gültig bleiben und gleichzeitig der Erfolg und die Strahlkraft des Künstlers betont werden. Dann rückt nicht die Gewalt ins Zentrum, sondern die Frage, wie schnell der Betrieb wieder weiterlaufen kann. Das mag organisatorisch verständlich sein. Gesellschaftlich ist es ein fatales Signal.
Denn was kommt dabei an? Dass ein bekannter Name, eine volle Bühne und ein erfolgreiches Event am Ende schwerer wiegen als eine klare Haltung gegen Gewalt.
Aus meiner Arbeit als Leiterin der FREIRAUM Frauenberatung NÖ Süd und der MÄBS Männerberatung NÖ Süd weiß ich, wie sehr Sprache und öffentliche Reaktionen in solchen Situationen wirken. Gewalt ist kein ,Fehler‘. Ein Fehler ist ein Versehen. Gewalt ist eine Grenzüberschreitung, eine Handlung, eine bewusste Entscheidung. In diesem Fall die Entscheidung einer erwachsenen, mündigen Person, die wählen und ein Auto lenken darf. Wer Verantwortung übernehmen will, muss genau das benennen, und zwar klar, unmissverständlich und ohne Ausreden.
Leiden des Täters?
Problematisch ist auch, wenn in solchen Situationen rasch das Wort ,Therapie‘ im Raum steht. Therapie kann notwendig und sinnvoll sein. Aber sie darf nicht zum PR-tauglichen Ersatz für Verantwortungsübernahme werden. Wer von Therapie spricht, verschiebt den Fokus leicht vom Gewalthandeln auf das Leiden des Täters. Genau darin liegt die Gefahr. Gewaltarbeit braucht keine sprachliche Entlastung, sondern Konfrontation mit der Tat, Verantwortungsübernahme und die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln.
Es geht dabei nicht um abstrakte Fälle. Es geht um unsere Töchter, unsere Mütter, unsere Schwestern. Um Frauen, die erleben müssen, dass oft schneller über Comebacks gesprochen wird als über Konsequenzen. Schneller über Karrieren als über Kränkungen. Schneller über den Täter als über die Betroffene.
Auch Medien tragen hier Verantwortung. Wenn vor allem die Perspektive des Täters transportiert wird, seine Erklärung, seine Reue, seine nächsten Schritte, dann bekommt er erneut das Rampenlicht. Die Perspektive der Betroffenen bleibt dagegen oft blass. Das prägt, wie wir als Gesellschaft Gewalt einordnen.
Haltung zeigen
Vielleicht wäre genau jetzt der Moment, umzudenken. Statt immer wieder jene ins Zentrum zu rücken, die Grenzen überschreiten, könnten wir jenen mehr Aufmerksamkeit schenken, die Haltung zeigen: Männern, die keine Gewalt ausüben. Männern, die sich klar dagegen positionieren. Männern, die Verantwortung übernehmen, ohne dass erst ein Skandal dafür nötig ist.
Gerade Gemeinden sollten hier sensibel sein. Sie sind nicht nur Veranstalter, sondern auch Wertevermittler im öffentlichen Raum. Wer in einer solchen Situation vor allem den Erfolg eines Künstlers hervorhebt, setzt einen falschen Akzent — vielleicht nicht absichtlich, aber mit spürbarer Wirkung. Nicht jede Botschaft wird ausdrücklich formuliert. Manche werden einfach mitgeschickt.
Es geht nicht darum, jemanden vorschnell zu vernichten oder vorzuverurteilen. Aber es geht sehr wohl darum, Gewalt klar zu ächten und Verantwortung nicht mit Imagepflege zu verwechseln.
Eine Gesellschaft zeigt ihre Haltung gegen Gewalt nicht in Sonntagsreden, sondern dort, wo sie bereit ist, dem Falschen auch einmal das Rampenlicht zu entziehen.“
NÖN Neunkirchen, 22. März 2026


