Die Wiedervereinigung von Ökologie und Ökonomie

Die Wiedervereinigung von Ökologie und Ökonomie

Aufbau eines Windrades

Die für eine echte Transformation erforderlichen Maßnahmen ermöglichen Wachstum und gleichzeitig die Erreichung ambitionierter Klimaziele.

8.01.2020, Wiener Zeitung, Gastkommentar von Dr. Friedrich Hinterberger

Wenige Stunden nach der Präsentation des türkis-grünen Regierungsprogramms ging die alte Leier „Ökonomie gegen Ökologie“ schon wieder los. Warum schauen alle auf die potenziellen Widersprüche, die es zweifellos auch gibt, und niemand auf die Synergien?

In verschiedenen unter anderem von der EU und vom österreichischen Klimafonds geförderten Projekten haben wir in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zeigen können, dass die für eine echte Transformation erforderlichen Maßnahmen jedenfalls Wachstum und gleichzeitig die Erreichung ambitionierter Klimaziele ermöglichen.

Die Berechnungen mit großen makroökonomischen Modellen zeigen einerseits, dass eine deutliche Beschleunigung und eine Ausweitung der Klimaschutzmaßnahmen notwendig sind, um die in Paris beschlossenen und erst kürzlich in Madrid bekräftigten Ziele zu erreichen. Die EU möchte hier ein Vorreiter werden und Österreich jetzt (wieder) ein Vorreiter in Europa. Die dafür notwendigen Investitionen belaufen sich für die EU zwischen 2020 und 2050 auf durchschnittlich mehr als 120 Milliarden Euro pro Jahr. Und die erforderliche Energiewende muss von einer ambitionierten Ressourcenwende begleitet werden, mit dem Ziel, Kreisläufe zu schließen, um primäre Ressourcen zu sparen. Zusätzlich ist ein Wandel der Ernährungsgewohnheiten für die Erreichung der Klimaziele unverzichtbar.

 

Der Wandel muss sich als Mainstream durchsetzen

Aus globaler Perspektive ist eine Reduktion des Fleischkonsums außerdem notwendig, um die Abholzung, den Land- und Wasserverbrauch und letztlich auch den Hunger langfristig zu vermeiden. Auch über das Thema Ernährung hinaus kann der notwendige Wandel nur gelingen, wenn nicht nur eine kleine Minderheit die heutigen Paradigmen des materiellen Konsums durch nachhaltige Konsum- und Lebensstile ersetzt, sondern sich dieser Wandel mehr und mehr als Mainstream durchsetzt. Eine deutliche budgetneutrale CO2-Bepreisung ist eines der zentralen Elemente in diesem Maßnahmenbündel. All das steht mehr oder weniger deutlich auch im aktuellen türkis-grünen Regierungsprogramm.

Und auch wenn sich sogleich die Bremser zu Wort melden: Sowohl die politischen Interventionen (wie etwa Steuererhöhungen) als auch die Verhaltensanpassungen müssen insbesondere in den Jahren bis 2030 bereits ein substanzielles Ausmaß erreicht haben. Jedes tatenlose Jahr wäre verhängnisvoll für die Möglichkeit, die Vorgaben der Pariser Klimaziele noch zu erfüllen, beziehungsweise würde ein späteres Eingreifen dann noch drastischere Maßnahmen erfordern, um die Ziele noch zu erreichen.

 

Bis zu 10 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich notwendig

Mit zahlenmäßigen Festlegungen spart das Regierungsprogramm – eine Nachverkehrsmilliarde hier, eine Million Dächer Photovoltaik dort werden erwähnt. Das kann man bemängeln, aber es ist wohl zu viel verlangt, ein ganzes Regierungsprogramm binnen zwei Monaten noch weiter zu konkretisieren. Unsere Studien legen nahe, dass jährlich zusätzliche Investitionen von bis zu 10 Milliarden Euro pro Jahr nötig sind, um die CO2-Emissionen bis 2050 auf 12 Millionen Tonnen zu reduzieren, was einer Klimaneutralität schon recht nahe käme, die ja laut Regierungsprogramm nun schon im Jahr 2040 erreicht werden soll.

Weitere Maßnahmen, wie etwa die Reduktion des Fleischkonsums oder auch eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit ohne vollen Lohnausgleich, wären also nötig, die letztlich auch zu einer besseren Gesundheit, weniger Konsum, etwas weniger Wachstum und damit auch weniger CO2-Emissionen führen würden, was laut Umfragen von vielen Menschen in Österreich durchaus gewünscht wäre, weil es mehr Freizeit bringt und damit Lebensqualität.

Die erforderliche Transformation ist eine Herkulesaufgabe. Sie wird aber, wenn sie auf einer kontinuierlichen Veränderung der wichtigsten Faktoren (Preise, Investitionen, Verhalten) über die nächsten 20 bis 30 Jahre basiert, das ohnehin als gering zu erwartende BIP-Wachstum nicht zusätzlich schwächen. Eine sozial-ökologische Steuerreform erhöht die (Ressourcen-)Produktivität ebenso wie die Wettbewerbsfähigkeit, und die erforderlichen Investitionen wirken über den dadurch ausgelösten Multiplikatoreffekt expansiv, erhöhen also das BIP.

 

Ob ein Nulldefizit eine gute Idee ist, muss sich weisen

Denn, so zeigen die Berechnungen, die umfangreichen Investitionen in die Umstrukturierung des Energiesystems, in die Verbesserung der Energie- und Ressourceneffizienz und in den Transport-sektor kurbeln die Wirtschaft an. Ob angesichts dieser Herausforderungen und gleichzeitigen Chancen bei ansonsten schon schwächelnder Wirtschaft ein Nulldefizit eine gute Idee ist, muss sich noch erweisen.

Die positive Wirtschaftsentwicklung wirkt sich auch vorteilhaft auf die Beschäftigung aus: Während die Zahl der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe generell weniger stark wachsen würde als bei einem „Weiter wie bisher“, ist in den Dienstleistungsbereichen ein stärkerer Zuwachs zu erwarten. Einzelne Branchen des verarbeitenden Gewerbes wie der Maschinenbau und die Elektroindustrie profitieren von den höheren Investitionen wie auch das Bauwesen durch stärkere Sanierungsaktivitäten im Gebäudesektor. Während mehr Jobs im Bereich erneuerbarer Energie entstehen, geht deren Zahl in energieintensiven Branchen (etwa in der Kokerei und in der mineralölverarbeitenden Industrie) zurück. Dennoch ist, so zeigen unsere Berechnungen, der Gesamteffekt deutlich positiv.

Friedrich Hinterberger ist promovierter Volkswirt und seit 1985 Lehrbeauftragter an Universitäten im In- und Ausland. Unter anderem hat er am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie die Arbeitsgruppe Ökologische Ökonomie und Ökologische Wirtschaftspolitik geleitet und ist Gründungspräsident des Sustainable Europe Research Institute sowie Vizepräsident und Generalsekretär des Austrian Chapter des Club of Rome. –  www.seri.at

 

Abenteuerurlaub für Manager

Abenteuerurlaub für Manager

Robert Rogner jun. vernetzt Unternehmer mit Schuhhersteller Heini Staudinger, Sonnentor-Chef Johannes Gutmann oder Schokoladen-Ikone Josef Zotter. Für das Römerland Carnuntum kreierte er, gemeinsam mit Marc Aurel 21 Projektleiterin Rosemarie Rupp, ein ganz besonderes Seminar für Übergabe & Übernahme in Zeiten des Wandels: „Das Rad dreht sich weiter“.

Im Wirtschaftsmagazin TREND gab Robert Rogner bereits 2013 dieses Interview, das Einblick in seine Angebote und seine Denkweisen gibt:

„Viele Managerinnen und Manager und viele Unternehmerinnen und Unternehmer wissen nicht, welche Beziehung sie zu sich selbst und zu ihrem Umfeld haben, für was sie stehen, was sie wollen“, meint Robert Rogner. Die Folge: Sie können nicht richtig kommunizieren. „Und sie haben keine Zeit, darüber nachzudenken, was sie ändern könnten“, so die Beobachtung des 43-Jährigen. Um dies und die Wirtschaft als Ganzes zu ändern, will der Manager gute Beispiele greifbarer und erlebbar machen.

Mit seiner neu gegründeten Gesellschaft für Beziehungsethik, die nicht gewinnorientiert arbeitet, soll Unternehmern die Chance gegeben werden, andere Wege kennenzulernen, die nicht der Norm entsprechen. Etwa den von Schuhfabrikanten Heini Staudinger, der die Finanzierung seines Geschäfts anders organisiert – und dafür Wickel mit der Finanzmarktaufsicht hatte. Oder den von Johannes Gutmann, Chef von Sonnentor, der mit seinen Kräutern viele Preise gewann und Wirtschaften nachhaltig sieht. Oder auch den Ansatz vom erfolgreichen steirischen Schokoladen-König Josef Zotter, der jedem seiner Fehler einen Grabstein widmet und so einen Friedhof der gescheiterten Ideen hat. Auch das Kloster Gut Aich ist mit von der Partie.

Geheimnisse offenlegen

„Ich sehe mich als Vernetzer“, sagt Rogner, der erzählt, dass die Vortragenden der „Gesellschaft für Beziehungsethik“ ihre Betriebe öffnen, ihre Geschäftsgeheimnisse weitergeben und jede Frage ehrlich beantworten. Sie sollen demonstrieren, was sich hinter Schlagwörtern wie Nachhaltigkeit wirklich verbirgt und wie sich daraus alltagstaugliche Prozesse ableiten lassen. Um keine Massenware zu liefern, ist die Teilnehmerzahl auf maximal zwölf Personen begrenzt. Firmen, die mit mindestens sechs Mitarbeitern teilnehmen, können Termine auch individuell vereinbaren.

„Es ist eine Art Abenteuerurlaub für Unternehmer“, sagt Rogner. Wobei das Abenteuer darin bestehe, sich auf neue Denkmodelle einzulassen und neue Antworten zu suchen. „Ich glaube nicht, dass es fertige Lösungskonzepte gibt, jeder muss das ideale für sein Umfeld selbst entwickeln.“

Rogner möchte mit seiner Seminarreihe helfen, den Managern „mehr Fokus, mehr Kraft, mehr Energie“ zu geben. „Ich bin finanziell unabhängig und möchte etwas zurückgeben können“, sagt der Sohn des Kärntner Baulöwen Robert Rogner. Die Tätigkeit für die Therme Bad Blumau hat der Junior für dieses Projekt beendet, seine Managementfunktion in der Rogner Holding zurückgelegt.

 

Veröffentlicht auf trend.at am 28. 10. 2013 von Miriam Koch und Silvia Jelincic: https://www.trend.at/service/gesundheit/abenteuerurlaub-manager-368567?fbclid=IwAR3_EzHFfRkl5Vi23b-eVBS2OXOJLA_CMfieskeCqGymI67Q-87cIB6D5pA

Die ewigen Feinde des talentierten Schülers

Bildung: Die ewigen Feinde des talentierten Schülers

veröffentlicht in TREND Ausgabe 36/2019

Vorschläge, wie das zweitteuerste Schulsystem der EU endlich Kinder hervorbringt, die nicht chancenlos ins Leben geworfen werden.

Dr. Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater, Bild © trend

Der größte Feind des talentierten Schülers sind all jene, die sich mit dem ungemein niedrigen Anspruch an unsere Schulen zufriedengeben, den sie in keinem anderen ihnen wichtigen Bereich akzeptieren würden. Stellen wir uns einen Autohersteller vor, von dem jedes fünfte neu ausgelieferte Auto einfach nicht fährt. Oder gar eine Fluglinie, bei der jedes fünfte Flugzeug abstürzt. Aber jedes fünfte Kind kann nach neun Jahren Schule nicht sinnerfassend lesen? „Kann man halt nichts machen“ oder „selber schuld“, meinen die Feinde des talentierten Schülers.

Die Fakten, die das Versagen unseres Schulsystems dokumentieren, sind seit über zehn Jahren fast unverändert geblieben, trotz aller teuren Maßnahmen wie der Senkung der Klassenschülerhöchstzahlen, der Einführung der Neuen Mittelschule mit verpflichtend zwei Lehrern in den Hauptgegenständen, der Schulautonomie, den Bildungsstandards, der Zentralmatura usw. Entgegen allen Behauptungen vom Kaputtsparen hat sich das österreichische Bildungsbudget in den letzten zehn Jahren immer nur nach oben entwickelt: von 6,73 Milliarden im Jahr 2008 auf 8,821 Milliarden Euro im Jahr 2018. Das sind mit über drei Prozent jährlichen Steigerungen deutlich mehr als jene des Bruttoinlandsprodukts. Wir leisten uns bei den Ausgaben pro Schüler das zweitteuerste Schulsystem innerhalb der EU, nur Luxemburg ist teurer.

Ein so teures Schulsystem, das seinen Schülern in neun Jahren Pflichtschule nicht Lesen, Schreiben und die Grundrechnungsarten vermitteln kann, hat sich selbst aufgegeben. Die Feinde des talentierten Schülers leben noch. Sie zerstören die Talente unserer Kinder und werfen viele von ihnen chancenlos ins Leben.

Dabei sind die Herausforderungen gewaltig. 63 Prozent der Volksschüler in Wien sprechen nicht mehr Deutsch als Umgangssprache, in den Mittelschulen liegt dieser Anteil bei 77 Prozent! Dabei handelt es sich zum Großteil um in Österreich geborene Kinder, die hier in den Kindergarten gegangen sind und trotzdem fast nicht Deutsch können.

Österreich ist eines der wenigen OECD-Länder, wo die Kinder der dritten Migrationsgeneration die Landessprache schlechter beherrschen als die der zweiten. Andererseits erbringen Schüler aus Osteuropa und Asien teilweise bessere Leistungen als österreichische Kinder. Es geht also nicht um Migranten-versus österreichische Kinder, sondern um das Auseinanderklaffen von gebildeten und bildungsfernen Eltern.

So schafft es Kanada zum Weltmeister der Chancengerechtigkeit.

Dass es auch anders geht, beweist Kanada, wie Österreich ein Einwanderungsland, wenngleich mit einer wesentlich klügeren Migrationspolitik und einem integrativen Schulsystem mit leistungsorientierten Ganztagsschulen. In Kanada sprechen viele Kinder von Einwanderern nach Abschluss ihrer Schulzeit besser Englisch als die in Kanada geborenen Schüler. Vom legendären Managementdenker Peter Drucker stammt das Zitat: „Wann immer Sie einen hervorragenden Menschen gegen ein schlechtes System antreten lassen, wird stets das schlechte System gewinnen.“

Absolut gleiche Chancen in einer offenen Gesellschaft halte ich für eine Illusion, weil Kinder aus funktionierenden, gebildeten Familien immer einen Startvorteil haben werden. Das erreichbare Ziel, das sich ein Schulsystem setzen kann, lautet Chancengerechtigkeit. Das bedeutet, dass soziale Startnachteile möglichst ausgeglichen und nicht noch verstärkt werden. Dafür würde es reichen, ein Prinzip in unserer Verfassung zu verankern: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente in der Schule maximal gefördert werden.

Wie das geht? Maria Montessori und Helen Parkhurst haben das bereits vor über 100 Jahren vorgemacht, und heute gibt es viele Schulen, die das praktisch umsetzen:

Nicht zentrale Lehrpläne über Kinder stülpen, sondern individuelle Lehrpfade.

Dieses Ziel wäre mit den heutigen digitalen Möglichkeiten sogar noch leichter erreichbar.

Die Idee, Smartphones an Schulen generell zu verbieten, hat etwa die gleiche Erfolgswahrscheinlichkeit, wie ausgedrückte Zahnpasta wieder in die Tube zurückzubekommen. Vor allem wenn Kinder erleben, wie ihre Eltern und Lehrer selbst in jeder freien Minute auf ihr Handy schauen.

Statt uns in fundamentalistische Stellungskriege über die Frage zu verstricken, ob Smartphones in der Schule Teufelszeug oder pädagogische Allzweckwaffen sind, sollten wir uns fragen: Glauben wir wirklich, dass in zehn Jahren Lehrer noch immer mit dem Rücken zu ihren Schülern vor einer Tafel stehen werden, um mit Kreide Formeln draufzuschreiben, die sie dann wieder löschen, sobald die Tafel voll ist, um dieses Ritual nach der Pause in der Nachbarklasse zu wiederholen?

Die Digitalisierung wird auch vor unseren Schulen nicht Halt machen. Denken wir an Wikipedia, das Sterbehilfe für den guten alten Brockhaus geleistet hat, der in der Realität schon jahrzehntelang in Bibliotheken verstaubte. Dafür hat Wikipedia bei aller Kritik mehr zur Demokratisierung des Wissens auf der Welt beigetragen als viele milliardenteure Regierungsinitiativen zur Bildung. Schulen, die sich wie in der Vergangenheit primär auf sture Wissensvermittlung konzentrieren, wird es so ergehen wie dem Brockhaus.

Wo, wenn nicht in der Schule, soll Schülern eine breite Medienkompetenz vermittelt werden, die Voraussetzung dafür ist, um sich in der digitalen Welt selbstverantwortlich und risikobewusst bewegen zu können? Kindern und Jugendlichen digitale Geräte zu geben und sie damit allein zu lassen ist gefährlich. Sie total zu verbieten ist, wie wir eingangs gesehen haben, nicht realistisch.

Daher sollen die Chancen und die Gefahren von Social Media von kompetenten Lehrern aus unterschiedlichen Perspektiven aufgezeigt werden. Schüler sollten früh den kritischen, reflektierten Umgang mit Inhalten im Web lernen, zum Beispiel wie Informationen überprüft werden können, oder die Auswirkungen von Postings und Chats sowie von Algorithmen und Chatbots einzuschätzen.

Untersuchungen zeigen, dass ohne Begleitung das Smartphone für niedrige soziale Schichten negative Wirkungen hat, für höhere soziale Schichten positive. Die Schere geht also auseinander, wenn wir uns in der Schule nicht mit Kindern und ihren digitalen Geräten aktiv auseinandersetzen.

Um nicht missverstanden zu werden: Gute Lehrer wissen, dass sie unersetzbar sind.

Sie könnten sich aber von der Notwendigkeit langer Frontalvorträge befreien und ihre Rolle neu definieren. Das Verteilen von Gratis-Tablets ohne pädagogisches Konzept ist bei Politikern zwar populär – aber sinnlos und teuer. Erst durch die konsequente Verknüpfung der drei Faktoren „pädagogische Konzepte“, „Kompetenzen der Lehrenden“ sowie „funktionierende und benutzerfreundliche Technologie“ können die Potenziale der Digitalisierung für das Schulwesen genutzt werden. Digitalisierung in diesem Verständnis versteht sich als Veränderungstreiber für neues Lernen und nie als Selbstzweck. Zu viele digitale Medien werden genauso schnell langweilig wie der ausschließliche Einsatz der Tafel.

Österreich liegt bei der Nutzung der digitalen Möglichkeiten im Bildungssystem im Vergleich mit den skandinavischen Ländern oder mit Singapur deutlich zurück. Immerhin hat das Bildungsministerium einen ambitionierten „Masterplan Digitalisierung in der Bildung“ erarbeitet, der aufgrund des Ibiza- Videos nicht mehr umgesetzt werden konnte.

Das ist die dringliche Aufgabe der nächsten Regierung. Das würde allerdings eine völlige Neuorientierung der Lehrerausbildung, ein massives Investment in die innere Schulentwicklung und vor allem den Mut, die Tabus in unserem Schulsystem anzugreifen, bedeuten. Mit dem Wunschdenken „Wasch mir den Pelz, aber mache mich nicht nass“ wird die Digitalisierung genauso am ausgeprägten Immunsystem unseres Schulsystems gegen jede Veränderung scheitern wie alle bisherigen gut gemeinten Reformversuche. Das können wir uns aber nicht leisten.

Tafel und Kreide, veraltetes Schulwissen, das in Frontalvorträgen vermittelt wird, sind keine gute Vorbereitung auf eine Welt, in der Kreativität, emotionale Kompetenzen und Problemlösungsfähigkeit gefordert sein werden. Die Zukunft Österreichs liegt in unseren Klassenzimmern und nicht in einer Villa auf Ibiza.

 

Zur Person:

Dr. Andreas Salcher (http://www.andreassalcher.com/) ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und ein kritischer Vordenker in Bildungsthemen. Er begann seine Karriere 1987 in der Politik als damals jüngstes Mitglied des Wiener Landtags, dem er insgesamt 12 Jahre angehörte. Andreas Salcher ist Mitbegründer der „Sir Karl Popper Schule“ für besonders begabte Kinder. 2004 initiierte er die „Waldzell Meetings“ im Stift Melk, an denen sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben. Seit 2008 engagiert sich Andreas Salcher mit seinem „CURRICULUM PROJECT” für bessere Schulen.

E-Busse sollen Autos ablösen

Tullnerfeld – Vorbild für Römerland Carnuntum?

E-Busse sollen Autos ablösen

Steigender Verkehr, Zersiedelung oder konsumorientierte Lebensstile verursachen immer mehr Emissionen. Im Tullnerfeld forscht ein Start-up nun über neue Mobilitätsformen für Pendler. Dabei sollen etwa automatisierte Busse, eMofas, eBikes und Car-Sharing-Lösungen getestet werden.

Bei dem österreichweiten Forschungsprojekt „Mobilität neu Denken“ will das Start-up SmartDigital neue Mobilitätsformen entwickeln, welche die Region unabhängig von privaten Fahrzeugen machen. Die Gemeinden Judenau-Baumgarten, Königstetten, Tulbing und Tulln wollen bei diesem Projekt Konzepte ausloten, die bestehende Verkehrsprobleme lösen können. Den Pendlern will man damit Alternativen für die „letzte Meile“ bieten.

„Unser Ziel ist es, keine theoretischen Optionen auszuloten, sondern praxistaugliche Lösungen für das ländliche Österreich zu entwickeln. Das Tullnerfeld bietet dafür eine perfekte Umgebung“, betont Alexander Schuster, Gründer von SmartDigital. Für Peter Eisenschenk (ÖVP), Bürgermeister von Tulln, ist das Projekt wichtig, weil es „hinsichtlich des Zieles der CO2-Neutralität der Stadtgemeinde von großer Bedeutung ist.“

Ziel sind klimaschonende Mobilitätslösungen

Priorität haben vor allem klimaschonende Mobilitätslösungen, die aktuelle Probleme in der Region wie den überbordenden Individualverkehr zum ÖBB-Bahnhof Tullnerfeld, ändern. „Mobilität neu denken ist ein Gebot der Stunde, ansonsten müssen wir noch drei weitere Parkhäuser beim Bahnhof Tullnerfeld errichten. Wir brauchen bedarfsorientierte Lösungen und keine starren Fahrpläne für unsere Pendlerinnen und Pendler“, erläutert Georg Hagl (ÖVP), Bürgermeister der Gemeinde Judenau.

Die Gemeinden wollen dabei Konzepte entwickeln, die auch von der Bevölkerung akzeptiert werden. „Gerade für die ältere Generation schafft neue Mobilität die Möglichkeit, in der Gesellschaft weiter aktiv zu sein und auf andere Personen weniger angewiesen zu sein“, sagt Thomas Buder (ÖVP), Ortschef der Gemeinde Tulbing. „Gerade in unserer dicht besiedelten, wachsenden Region ist Mobilität das wichtige Thema“, ergänzt Robert Nagl (ÖVP), Bürgermeister von Königstetten.

Zusammenarbeit von Unternehmen und Unis

Das Verkehrsministerium startete deshalb auch das Programm „Mobilität der Zukunft“, in dem Forschungsunternehmen, Verkehrsunternehmen, Universitäten und Fachhochschulen aus ganz Österreich zusammenarbeiten. Innerhalb der Projektlaufzeit von vier Jahren werden neue Mobilitätslösungen entwickelt, umgesetzt, ihre Wirkung getestet und evaluiert. Damit will man noch während der Projektlaufzeit zeigen, dass die Angebote praxistauglich und im Sinne der Mobilitätswende wirksam seien.

Neben dem Großraum Salzburg, der Region Graz-Umgebung sowie dem Ötztal (Tirol) ist das Tullnerfeld eine für die sozioökonomische Erforschung neuer Mobilitätslösungen definierte Pilotregion: Im Tullnerfeld liegt der Schwerpunkt auf neu entwickelten Verkehrskonzepten, damit Pendler aus den angrenzenden Gemeinden den Bahnhof Tullnerfeld auch ohne privates Auto erreichen können. Die neu entwickelte Lösung soll in punkto Kosten, Komfort und Fahrzeiten dem privaten Pkw zumindest ebenbürtig sein.

Quelle: https://noe.orf.at/stories/3026955/

Technische Revolution

Wolfgang Anzengruber:

Ich glaube an eine nachhaltige technische Revolution

Was braucht es, um den drohenden Klimakollaps auf Erden zu verhindern? Eine systematische Dekarbonisierung des Energie- und Wirtschaftssystems, fordert Verbund-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber. Ein Kommentar zur Strategie des Energie-konzerns, zu den Anforderungen an die Politik und zum Glauben an die Energiezukunft.

Energie ist der Antrieb für unser Leben. Für den vom wirtschaftlichen Wachstum getriebenen Hunger nach Energie bezahlen wir Menschen aber zugleich einen immer höheren „Preis“. Unsere Erde ist erschöpft – nicht morgen, schon heute. Der Klimawandel mit seinen verheerenden Folgen steht nicht ante portas, er ist im Gang. Und der Hauptverursacher ist nach eindeutigem Befund der Wissenschaft das Treibhausgas CO₂. Das alles ist keine Schwarzmalerei, das sind Fakten.

 „Wir sind die erste Generation, die die Klimakrise am eigenen Leib erlebt und wohl die letzte Generation, die noch in der Lage ist, das Ruder herumzureißen“, sagt Verbund-Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber.                                                   

(c)Verbund

 Volle Kraft den erneuerbaren Energien!

Für Verbund als größtes österreichisches Stromunternehmen ist der Weg in die Zukunft demnach klar: Wir haben knapp 100 Prozent CO₂-freie Stromerzeugung, steigern die Energieeffizienz und treiben die Dekarbonisierung und die Digitalisierung voran. Basis und Herzstück unseres Unternehmens ist und bleibt die effiziente Wasserkrafterzeugung. Wir betreiben 128 Wasserkraftwerke, setzen auf Effizienzsteigerungen bei bestehenden Anlagen und haben rund 30 Projekte in der Pipeline.

Ergänzend zur Wasserkraft setzen wir auf den Ausbau der neuen erneuerbare Energien. Wind- und Sonnenkraft sollen künftig an die 20 bis 25 Prozent der Gesamterzeugung von Verbund ausmachen. Gemeinsam mit der OMV errichten wir zum Beispiel im Weinviertel gerade die größte Photovoltaik-Freiflächenanlage Österreichs. Bei Windkraft verfügen wir in Österreich, Deutschland und Rumänien bereits über 153 Anlagen.

 Ohne Innovation keine nachhaltige Energiezukunft

Wir müssen in Innovation und Forschung investieren, unsere Wirtschaft umgestalten und unsere Industriepolitik modernisieren: Der aus Strom aus erneuerbaren Quellen gewonnene grüne Wasserstoff hat aus unserer Sicht enormes Potential, als Industrierohstoff, Energieträger und als Speichermedium. Wir treiben das gemeinsam mit Industriepartnern mit Großprojekten voran, zum Beispiel am Standort der Voestalpine in Linz (H2FUTURE).

Auch unseren Standort in Mellach entwickeln wir zu einem Standort für Zukunftstechnologien. Einerseits werden Großbatterien speziell für die E-Mobilität getestet, andererseits sorgen wir mit einem Hochtemperatur-Elektrolyse-Pilotprojekt mit der TU Graz für die Produktion des zukunftsträchtigen grünen Wasserstoffs.

Mit großen Stromspeichern lässt sich eines der Kernprobleme der Energiewende lösen

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien aus Quellen wie Wind und Sonne steigt die Volatilität der Stromerzeugung. In Sachen Energie-Systemmanagement, also beim Ausgleich von Angebot und Nachfrage, kommt die Notwendigkeit von Energie- und Stromspeichern ins Spiel. Unsere großvolumigen Pumpspeicher leisten da einen entscheidenden Beitrag, aber wir investieren auch massiv in die Entwicklung alternativer Speichertechnologien.

Dazu gehören neben grünem Wasserstoff Batteriespeicher in Form von Lithium-Ionen-Akkus. Diese sind für energieintensive Branchen wie Metall-, Halbleiter- oder Glasindustrie interessant und spielen eine Schlüsselrolle für die Energiezukunft der E-Mobilität. Ein Projektbeispiel von Verbund ist SYNERG-E, wo wir lokale Batteriespeicher an Hochleistungs-Ladestandorten für Elektroautos installieren, um ultraschnelles Laden ohne Netzbelastung zu ermöglichen. Drei Batteriespeicher in Wien, Graz und Innsbruck haben wir bereits in Betrieb genommen.

Die Politik muss die ökologischen und ökonomischen Leitplanken vorgeben

Im Rahmen des Green Deals will die Europäische Kommission die Klimaziele für 2030 noch weiter verschärfen, auf mindestens 50 bis hin zu 55 Prozent. Europa soll beim Klimaschutz eine Vorreiter-Rolle einnehmen und bis 2050 erster klimaneutraler Kontinent werden. Österreich wird 2018 und wohl auch 2019 und 2020 die Klimaschutzvorgaben verfehlen. Damit drohen der Republik Strafzahlungen in der Höhe von acht bis zehn Milliarden Euro. Wollen wir nicht lieber in die Zukunft investieren, anstatt für Versäumnisse der Vergangenheit Strafe zu zahlen?

Energiewirtschaft, Industrie und Konsumenten brauchen langfristig stabile und klare Rahmenbedingungen für ihre Investitions- und Kaufentscheidungen. Das ist Aufgabe der Politik. Einen zentralen Baustein für die Dekarbonisierung bildet die adäquate Bepreisung von CO₂ in unserem Energie- und Wirtschaftssystem. Unser Standpunkt dazu: Der EU-Zertifikatshandel (ETS) soll weiterhin das Instrument der CO₂-Bepreisung sein. Allerdings muss er um die Sektoren Mobilität und Wärme erweitert werden, die gerade in Österreich einen Großteil der Emissionen ausmachen.

Statt einer CO₂-Steuer plädiere ich für einen sukzessive ansteigenden CO₂-Mindestpreis. Im Klartext heißt das: Der Mindestpreis muss so lange steigen, bis der Marktpreis für CO₂ seine lenkende Funktion entfalten kann.

Wir können es nicht mehr verantworten, nichts zu tun

Wir sind also die erste Generation, die die Klimakrise am eigenen Leib erlebt und wohl die letzte Generation, die noch in der Lage ist, das Ruder herumzureißen. Also packen wir es an – im Wissen, dass das notwendige Ende des fossil-nuklearen Energiesystems nicht das Ende der Entwicklung, sondern vielmehr der Aufbruch in eine neue, nachhaltige Wirtschaft und Gesellschaft ist. Wir müssen nicht unsere Freude an Mobilität, Technik, Mode und Kommunikation zügeln, sondern vielmehr unseren Ressourcenverbrauch. Die Jugend lebt uns das heute schon vor, wenn sie zum Beispiel ein Auto lieber teilt als besitzt und beim Konsum auf regionale Herkunft achtet. Denn mehr Konsum macht uns nicht glücklicher.

Sinn liegt aus meiner Sicht vielmehr in einer nachhaltigen technologischen Revolution, die nicht auf Ausbeutung setzt, sondern auf eine clevere und saubere Nutzung von Ressourcen. Ich glaube daran, dass Forschung, Entwicklung und Innovation uns die Wende weg von CO₂ und hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energieträgern ermöglichen werden. Die Vision einer erneuerbaren Energiezukunft ist für uns alle mit Sicherheit die beste Option.

 

Junge Menschen wollen nicht verbrennen

Interview mit dem Trend- und Zukunftsforscher Ali Mahlodji:

„Junge Menschen wollen in der Arbeit nicht mehr verbrennen“

 

Ali Mahlodji© Gregor Nesvadba

Ali Mahlodji:

„Meine Generation ist zu einer Generation Burnout geworden“.

„Die Generation Z sagt: Ich will nicht bis zur Pension warten, bis ich mein Leben genießen kann!“

Sie sind unsolidarisch, illoyal, selbstsüchtig, wollen viel Freizeit und keine Verantwortung übernehmen. Millenials, also Menschen, die zwischen 1982 bis 1996 geboren wurden, haben keinen guten Ruf in der Arbeitswelt – fragt man Unternehmensberater und CEOs. Die Mächtigsten in Unternehmen machen sich Sorgen, wer als Führungskraft nachkommen wird. Es gibt einen Führungskräftemangel, die Jungen wollen keine Verantwortung übernehmen, sagen sie. Aber stimmt das wirklich? Die „Wiener Zeitung“ hat mit dem Trend- und Zukunftsforscher Ali Mahlodji gesprochen.

„Wiener Zeitung“: Österreichs Chefetagen jammern. Es gebe einen Führungskräftemangel. Junge Menschen wollen kaum Verantwortung übernehmen. Ist da was dran?

Ali Mahlodji kam mit zwei Jahren als Flüchtling nach Österreich. Als Schulabbrecher machte er die verschiedensten Jobs und geriet ins Burnout. 2011 gründete er die Berufsorientierungsplattform „whatchado“. 2017 erschien Mahlodjis Buch „Und was machst Du so?“ im Econ Verlag. Seit 2018 arbeitet er als Trend- und Zukunftsforscher und ist Verfasser des Work Report 2019, den er zusammen mit dem Zukunftsinstitut herausbrachte.

Ali Mahlodji: Ganz viele alte weiße Männer sagen, junge Menschen wollen keine Verantwortung übernehmen und nicht Führungskraft sein. Die jungen Menschen wollen aber sehr wohl Verantwortung übernehmen. Sie wollen jedoch in einem System mit alten Regeln nicht mehr mitspielen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Greta Thunberg, eine 16-Jährige, die die Führungsrolle einer komplett neuen Generation von jungen Menschen übernommen hat, die auch ihre Eltern und andere Erwachsene anstiftete, auf die Straße zu gehen. Das ist Führungskraft pur. Als vor wenigen Jahren in den USA wiederholt Menschen gestorben sind bei Schießereien in Schulen, waren es wieder junge Menschen, die auf die Straße gegangen sind, mobil gemacht und demonstriert haben. Junge Menschen übernehmen also sehr wohl Führung – aber sie glauben nicht mehr jeden Blödsinn.

Wie kommt es dann zu dem Eindruck, der Nachwuchs sei nicht interessiert?

Bei den klassischen Führungskräften ist das Dilemma, dass sie immer von sich selber ausgehen. Und die klassischen Führungskräfte heute sind in der Überzahl alte weiße Männer. Die sind in einer Welt aufgewachsen, in denen ihnen in der Industrialisierung versprochen worden ist: wenn du alles richtig machst, hast du erstens lebenslang einen tollen Job und zweitens bekommst du Statussymbole.

Und das interessiert die jungen Menschen nicht mehr?

Das Wertesystem eines Menschen wird zwischen dem 8. und 12. Lebensjahr festgelegt. Erst mit etwa zwölf Jahren ist unser Gehirn in der Verfassung geopolitische Zusammenhänge auf unser Leben umzumünzen. Die Dinge, die mit 12, 13 Jahren passieren, prägen unser Wertesystem. Und wenn ein Kind etwa im Jahr 1996 geboren wurde, dann ist es in den ersten Jahren mit der klassischen Arbeitsdenke aufgewachsen: lebenslanger Job, mache eine sichere Ausbildung, mache das, was die Leute gut finden, hackel brav und dann kommt die Pension. Dieses Kind war dann 13 Jahre alt, als die Finanzkrise eintrat. Das Versprechen der Arbeitgeber gab es ab dann nicht mehr.

Also sind die Jungen desillusioniert und enttäuscht?

In der Finanzkrise haben auch ganz große Unternehmen wie Kapsch oder Siemens viele Menschen rausgeschmissen. Und die Erwachsenen waren damals alle enttäuscht. Aber die Enttäuschung ist das Ende unserer Täuschung. Wir haben uns oft täuschen lassen von dem alten System, von den erwähnten Glaubenssätzen. Heute merken junge Menschen – nicht nur die 16-jährigen, auch die 25- und 35-jährigen – die Sicherheitssysteme Arbeitgeber und Staat existieren so nicht mehr. Junge Menschen sagen, ich bekomme zwar schon eine Pension, aber erstens will ich nicht so lange warten, bis ich mein Leben genießen kann und zweitens werde ich nicht mehr die Pension bekommen, von der meine Großeltern erzählt haben. Das ist nicht mein Lebensziel.

Ist die junge Generation verwöhnt?

Wir verzeichnen den höchsten Wohlstand aller Zeiten. Die Menschen fühlen sich aber immer unsicherer. Und die Jugendlichen sagen: pass auf, ich hau mich schon wo gescheit rein, aber sicher nicht mehr um jeden Preis. Und ich will nicht verbrannt werden in der Arbeit. Und viele Unternehmen und NGOs merken, wenn sie den Leuten nicht was anbieten, wo sie in der Arbeitszeit etwas Sinnvolles machen können, dann werden sie die Leute verlieren.

Und wie bringt man „Sinn“ ins Unternehmen?

Ich war bei einem der Top 4 Beratungsunternehmen weltweit. Die haben mir gesagt, erst seit sie begonnen haben den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, während der Arbeitszeit ein paar Stunden sich um soziale Projekte zu kümmern, sind sie total überrascht, wie die jungen Leute sich darum reißen, sich mit ihren Ideen einzubringen. Die Definition für Verantwortung hat sich verändert. Firmen wie ÖAMTC oder Microsoft bieten bezahlte Papawochen an. Das gibt Vätern die Möglichkeit, Zeit für ihre Familie und für ihre Kinder zu haben. Das ist pure Verantwortung. Die Belohnungssysteme haben sich radikal verändert.

Das heißt, das Problem liegt bei den Arbeitgebern – sie haben ein Vertrauens-, ein Sinnproblem?

Meine Generation, die Generation Y, ab Jahrgang 1981, die hat sich ständig reingehaut. Sie war die erste Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist und plötzlich ganz viele Möglichkeiten hatte. Die Generation Y hat zum ersten Mal ein Firmentelefon gehabt, ein Handy. Das war ja super – da kann man am Abend noch ein Email schreiben. Und die Generation Z, die ganz Jungen, die haben sich das angeschaut und sagen nun, das will ich nicht. Wofür?

Ist die Abscheu berechtigt?

2007 bis 2017 hat sich in den reichen Ländern der Erde die Verschreibung von Antidepressiva bei den 25 bis 35-Jährigen mehr als verdoppelt. Die Generation, die aufgewachsen ist mit, du kannst alles machen, dir soll es mal besser gehen – in einer Gesellschaft, wo schon alles da ist – hat massive psychische Probleme. Die alten Glaubenssätze passen nicht mehr, die kommen von Menschen, die den Krieg, die Nachkriegszeit und das Aufbauen erlebt haben. Das Problem ist, uns kann es nicht noch besser gehen. Deshalb ist meine Generation zu der Generation Burnout geworden.

Sind die Jungen undankbar. Sie haben alles, sind aber schlecht drauf…

Die Elterngeneration findet die Jugend pessimistisch – aber die jungen Leute sagen, sie sind realistisch und pragmatisch. Sie lassen sich nicht mehr für dumm verkaufen. Aber wenn sie Projekte finden, die sie für sinnvoll erachten, dann laufen die die Extrameile. Ich bin jede Woche in Österreich unterwegs, in kleinen Gemeinden, nicht nur in den großen Städten, und da gibt es unglaublich tolle Jugendprojekte. Die machen was für die Community, sind engagiert, schauen, dass ältere Leute eingebunden werden in Aktivitäten, usw.

Gibt es Unternehmen, die das Problem begriffen haben? Was tun die?

Ich kenne Unternehmen, die diese Probleme stark haben. Das kann eine Lufthansa sein, große Automobilhersteller, aber das erlebe ich auch in einer kleinen Bäckerei oder Zimmerei. Und die, die keine Probleme haben mit diesem Vertrauensverlust und dem Generationenkonflikt, sind Unternehmen, die darauf achten, dass es intern Generationengespräche gibt. Da gibt es bewusste Gesprächsrunden, wo Lehrling und Meister zusammensitzen und miteinander reden. Jeder erzählt aus seiner Lebenswelt, von seinem Wissen. Die ÖBB suchen in den nächsten Jahren 10.000 Leute, die beginnen jetzt mit Generationengesprächen. Daimler beginnt mit Generationengesprächen, wo sie sogar Mitarbeiter aus der Pension zurückholen und sie mit den ganz Jungen zusammenspannen, damit sie voneinander lernen.

Die Babyboomer gehen in Pension und müssen nachbesetzt werden. Wie wird das Wissen der Alten übergeben?

Die Unternehmen, die mit den Generationengesprächen erfolgreich sind, haben den Älteren klar machen können, dass sie die Weisheit des Lebens haben und die ganzen Abkürzungen kennen. Sie sind die Mentoren der Jugendlichen. Und die Älteren lernen aber auch etwas über neue digitale Kommunikation etwa. In diesen Unternehmen geht es auch ganz groß um Wertschätzung – und das macht unglaublich viel aus. Da geht es nicht um Geld und externe Berater. Es geht darum, dass man im Betrieb Zeit damit verbringt, was in vielen Familien nicht mehr passiert. Es leben weniger Generationen unter einem Dach, die Zeit, die Eltern mit den Kindern reden wird immer weniger. Es gibt immer weniger Beziehungsarbeit. Unternehmen können das abfedern heute, indem sie Räume schaffen, wo diese Generationen sich begegnen. Wenn sie das nicht schaffen, fliegt ihnen alles um die Ohren.

Führungskräfte werden häufig extern rekrutiert. Da wird viel Zeit und Geld investiert. Beim eigenen Nachwuchs wird kaum geschaut, wer folgen kann…

Die kleinen und mittleren Unternehmen, die KMUs, haben aktuell eines der größten Probleme – und die beschäftigen rund 70 Prozent der Arbeitnehmer – nämlich die Nachfolgeregelung. Die ganzen Unternehmensberater, die auf Nachfolgeregelung spezialisiert sind, verdienen sich aktuell dumm und dämlich. Man stellt fest, von außen will keiner, dann schaut man intern und merkt, dass der große Patriarch oder Firmenchef gar nicht wirklich abgeben möchte – deswegen hat er auch niemanden aufgebaut. Und dann haben alle ein Problem.

Was sind Fähigkeiten, die es bei den Jungen braucht?

Den Jugendlichen fehlt heute zum einen Gelassenheit und Geduld und zum zweiten, die Fähigkeit tiefe Beziehungen einzugehen. Und das sind genau die Dinge, die es braucht, um auch beruflich erfolgreich zu sein. Dinge brauchen Zeit, um gut zu werden. Beziehungen zu Kollegen, Partnern und Kunden müssen aufgebaut und gepflegt werden.

Und auf Unternehmensseite?

Unternehmen müssen verstehen, dass sie mehr sind als ein Arbeitgeber. Es geht darum, einen jungen Menschen in einem seiner wichtigsten Lebensabschnitte zu begleiten. Es gibt Unternehmer, die machen für Lehrlinge und Mitarbeiter unter 30 Jahre Persönlichkeitsentwicklungskurse. Die jungen Leute merken: der Arbeitgeber will nicht einfach nur immer mehr Leistung von mir, sondern dass ich mich zu einem mündigen, selbstsicheren Erwachsenen entwickle. Sogar wenn das bedeutet, dass ich das Unternehmen dann verlasse. Das ist Wertschätzung. Diese Unternehmen kennen keinen Fachkräftemangel. Die wollen junge Leute und Lehrlinge, die wirklich unbedingt im Unternehmen arbeiten wollen. Die, die bleiben, übernehmen Verantwortung und sind potenzielle Führungskräfte.

Was hat dieses Thema mit Innovation in Unternehmen zu tun?

Die Frage, der wir uns stellen müssen, ist: wissen wir in unseren Organisationen eigentlich, was wir wirklich wissen? Wissen wir, was jeder Einzelne bei uns weiß? Kennen wir unser Potenzial, die Ideen, die in den Mitarbeitern schlummern? So lange wir diese Frage nicht beantwortet haben, brauchen wir nicht draußen nach Innovation schauen.

Gibt es da Vorbilder?

Der ÖAMTC hat vor zwei Jahren eine Innovationsplattform gestartet. Dahinter steht die Überzeugung, die besten Ideen kommen nicht von den Chefs, sondern von den Leuten, die tagtäglich mit den Kunden in Kontakt stehen. Auf dieser Plattform haben sich mittlerweile 80 Prozent der Mitarbeiter eingeloggt. Es wurden mehr als 1400 Ideen eingereicht und der ÖAMTC hat über 10 Prozent dieser Ideen umgesetzt. Und mit 34 Ideen hat einer der Außendienstmitarbeiter, ein 30-jähriger Mann, der draußen die Autos abschleppt, am meisten Ideen eingereicht. Das ist gelebte Kultur der Wertschätzung.

 

Zeit ist reif für Veränderung

Interview mit Erwin Wagenhofer:

„Ich habe den Eindruck, dass die Zeit reif ist für Veränderung“

Die bisherigen Filme von Regisseur Erwin Wagenhofer beleuchten die zerstörerischen Seiten unseres Wirtschaftens. „But Beautiful“ zeigt nun, wie schön es anders gehen könnte.

Der Regisseur Erwin Wagenhofer wurde durch Filme „We Feed The World“ (2005), „Let’s Make Money“ (2008) und „Alphabet“ (2013) bekannt. Er zeigt in ihnen die Mängel der westlichen Wirtschaftssysteme an den Beispielen der globalisierten Nahrungsmittelindustrie, des neoliberalen Kapitalismus‘ oder eines auf Effizienz ausgerichteten Bildungssystems. In seinem neuen Film „But Beautiful“ sieht man nun positive Beispiele dafür, wie die Probleme der Welt gelöst werden können: Permakultur-Visionäre auf La Palma etwa, oder einen Förster, der die gesündesten Häuser der Welt entwickelt. „Die Zeit ist reif für solche Vorbilder“, sagt Wagenhofer im Interview.

SZ: „But Beautiful“ ist ein Film über das Schöne und Gute. Ihre bisherigen Werke waren hingegen Bestandsaufnahmen des Schlechten. Ist es schwerer, einen Film über das Schöne zu machen als über das Schlechte?

Erwin Wagenhofer: Ja, das ist sehr viel mühsamer. Ich kann es simpel mit einem Wort sagen. Es gibt den Begriff „Dramaturgie“, da steckt schon das Drama drinnen. Wie wollen Sie das Gute dramatisieren? Da habe ich wahnsinnig lange daran herumgebaut. Ich habe 14 Monate lang geschnitten.

In Ihrem Film präsentieren Sie unter anderem den österreichischen Förster Erwin Thoma, der den Bäumen als Lebewesen dieselbe Wertigkeit zuweist wie Menschen oder Tieren. Gleichzeitig fällt er Bäume, um aus ihnen seine speziellen Holzhäuser herzustellen. Er tötet also genau die Kreatur, die ihm so am Herzen liegt. Ist das nicht ein Widerspruch?

Erwin Wagenhofer: Da würde ich nicht von „töten“ sprechen, sondern von „ernten“. Der Baum wird zwar gefällt, aber gleichzeitig wird ja sofort ein neuer gepflanzt. Deswegen heißt es ja „nachwachsende Rohstoffe“. Dass Säen und Ernten zusammengehören, ist ja gerade das Einzigartige an der Forstwirtschaft, und das beschreibt Thoma im Film ja auch, wenn er sagt: „Das ist der einzige Wirtschaftszweig, bei dem sie ernten, was sie nicht gesät haben, und sie säen, was sie nicht ernten werden.“ Denn so ein Baum wird ja 200 Jahre alt, das heißt, wenn er heute gefällt wird, haben ihn unsere Urahnen gesät. Und was wir heute säen, werden unsere Enkelkinder oder deren Kinder ernten. So was ist echte Kreislaufwirtschaft.

Außerdem sagt Thoma im Film, dass es wichtig sei, die Bäume bei abnehmendem Mond zu fällen. Ist das nicht reine Esoterik?

Nein. Das ist Wissen, das es seit Jahrtausenden gibt. Bei Cäsar gab es einen Erlass, dass Kriegsschiffe nur aus „Mondholz“ gebaut werden dürfen, weil dieses viel robuster und weniger anfällig für Schädlinge ist. In Russland gibt es Kirchen, die sind tausend Jahre alt und aus solchem Holz, die haben nie ein Holzschutzmittel gesehen, weil es das damals noch gar nicht gab. Auch in Japan gibt es Holzklöster, die sind 1600 Jahre alt.

Die Holzindustrie will das nicht hören und stellt das als Spinnerei hin, weil sie natürlich Tag und Nacht ernten will. Aber von der ETH Zürich wurde dieses alte Wissen inzwischen auch wissenschaftlich bestätigt.

Die Schweizer Familie Graf, die auf La Palma eine große Fläche Ödland rekultiviert hat, erklärt sich in Ihrem Film als weitgehend autark. Wie muss man sich das vorstellen? Hat sich die Familie tatsächlich aus unserem Wirtschaftskreislauf ausgeklinkt?

Die Autarkie, die da angesprochen wird, ist nicht in dem Sinne zu verstehen, dass die Grafs reine Selbstversorger sind. Das war nie die Idee. Die Familie wirtschaftet als landwirtschaftlicher Betrieb einfach weitgehend autonom. Ihren Solarstrom erzeugen sie zum Beispiel selbst, deshalb haben sie sich vor zwei Jahren von der Stromgesellschaft abgeschaltet. Sie produzieren außerdem sehr viele Lebensmittel für sich selbst, und zwar ohne auf Kunstdünger angewiesen zu sein. Die einzige Ressource, bei der sie noch nicht autonom sind, ist das Wasser. Das müssen sie zukaufen. Doch sie arbeiten daran, auch an dem Punkt unabhängig zu werden.

Bevor sie nach La Palma gezogen sind, hatten sowohl Barbara Graf als auch ihr Mann Erich lukrative Jobs als Architektin und IT-Fachmann. „But Beautiful“ ist recht eindeutig als Appell zu verstehen, es ihnen gleichzutun: aus ausgetretenen Pfaden herauszutreten und eine bessere Welt aufzubauen. Aber könnte das wirklich klappen, wenn das jeder macht?

Das ist die Frage nach einem alternativen Wirtschaftssystem, und es ist nicht meine Aufgabe als Filmemacher, die Frage zu beantworten, wie wir das zustande bringen könnten. Als Regisseur sehe ich mich in der Rolle desjenigen, der die Menschen ermutigt, endlich mal in die Gänge zu kommen. Und das gelingt meiner Meinung nach mit dem Film auch. Ich habe ja bereits einige Vorführungen hinter mir, und konnte da die Reaktion des Publikums miterleben. Manche Zuschauer begannen zu weinen, weil sie so überwältigt von der Einsicht waren, dass sie vielleicht doch in der Lage sind, selbst einen gewissen Beitrag zu leisten zur Veränderung zum Guten hin.

Meine Generation – ich bin Jahrgang 1961 -, die hat’s komplett verschlafen!

Was Sie Ihren Altersgenossen mit Ihren früheren Filmen „We Feed the World“„Let’s Make Money“ und „Alphabet“ über die Nahrungsmittelindustrie, den Finanzkapitalismus und unser Bildungssystem ja sehr eindrucksvoll gezeigt haben. Genutzt hat das aber offensichtlich nicht viel.

Trotzdem war es sinnvoll, diese Missstände zu beschreiben. Fast täglich erreichen mich Mails von Menschen, die aufgerüttelt durch die Filme vieles in ihrem Leben verändert haben. Und auch, weil sie Teil meiner persönlichen Entwicklung sind. Ein neuer Film fing bei mir immer da an, wo der alte aufhörte, und das hat mich schließlich zu „But Beautiful“ geführt.

Denn ich habe den Eindruck, dass die Zeit reif ist für Veränderung, die irgendjemand vornehmen wird.

Vermutlich nicht Angela Merkel, aber vielleicht die Greta Thunberg – als Symbolfigur meine ich jetzt.

Die Einschränkung im Filmtitel „But Beautiful“ irritiert. Warum eigentlich dieses „Aber“?

Weil es eine Naivität wäre, zu sagen: Das Leben ist nur schön. Wir wissen alle: Es gibt Aufs und Abs. Es gibt herausfordernde Tage, es gibt Tage, an denen geht es besser. Aber prinzipiell sind wir alle gern da, und die meisten Leute wollen auch sehr alt werden.

Man kann Sie also so verstehen, dass sie sagen: „Das Leben kann schwierig sein, aber es ist schön.“

So können Sie es verstehen. Aber wenn Sie wollen, können Sie auch einen Bezug zu der bekannten Jazzballade „But Beautiful“ aus dem Jahr 1947 von Jimmy Van Heusen und Johnny Burk herstellen, die als Appell verstanden werden kann, keine Angst vor dem Scheitern zu haben.

Andererseits ist die Angst vor dem Scheitern ja eine sehr reale: Wer etwas Neues wagt, dem droht leicht zum Beispiel Bankrott oder Arbeitslosigkeit.

Na gut. Das droht. Aber scheitern heißt nicht sterben. Und nicht jeder, der etwas Neues wagt, scheitert oder geht Bankrott! Es ist eher genau das Argument, mit dem die Leute in Angst gehalten werden und dadurch gefesselt in Situationen, die nicht gut sind.

Ich hätte im Film auch einen weiteren österreichischen Unternehmer zeigen können: Josef Zotter. Er stellt Schokolade her – extrem erfolgreich. Auf die Geschäftsidee mit der Schokolade ist er überhaupt erst gekommen, nachdem er mit einer Konditorei in Graz einen Konkurs hingelegt hat. Der sagt heute: „Die wichtigste Erfahrung meines Lebens war dieser Konkurs.“ Das heißt doch: Die Angst vor dem Scheitern ist viel schlimmer als das eigentliche Scheitern. Denn aus dem kann etwas Neues entstehen.

 

 Dieses Interview ist zuerst am 26. November 2019 in der SZ erschienen.

 

Factfullness

Eine wunderbare Buchempfehlung von einem unserer Referenten,  Martin Rohla, beim Nachhaltigkeitstag am 23.11. 

Factfulness, von Hans Rosling

Der Gesundheitsforscher Hans Rosling pflegt vor allem die Wahrheit als eine der großen Therapien. Sein Werk „Factfulness“ ist ein Plädoyer für den Fortschritt und für die heilende Wirkung fundierter Fakten. Denn: Erst wer die Fakten kennt, kann seine Situation richtig einschätzen.

Deutlich wird das schon an einer einfachen Frage: Inwieweit hat sich in den letzten 20 Jahren der Anteil extrem armer Menschen verändert? Hat er sich a) fast verdoppelt, b) nicht verändert oder c) deutlich mehr als halbiert? Letzteres ist richtig. Aber die wenigsten Menschen wissen das. Sie sind viel zu pessimistisch, lieben dramatische Nachrichten und übersehen deshalb systematisch hoffnungsvolle Fakten, so die Erkenntnis Hans Roslings. Mit seinem Buch „Factfulness“ will er genau das ändern:  „Hier finden Sie Daten, wie Sie sie bisher nicht kannten: Es sind Daten als Therapie.“

Dieses kluge Buch steckt voller Ratschläge, die helfen, nach den relevanten Zahlen zu fragen und sie einzuordnen. Roslings Ziel, Neugier auf Fakten zu wecken und zum Selbstdenken anzuregen, geht voll auf. 

Mehr Amerika nach Österreich

MEHR AMERIKA NACH ÖSTERREICH

Auszüge aus einem Interview mit Dr. Mario Herger in der Plattform HELDEN VON HEUTE  https://helden-von-heute.at/mario-herger/

Foto: Mario Herger

Der gebürtige Wiener Mario Herger lebt seit 2001 im Silicon Valley in Kalifornien (USA). Dort hat der technische Chemiker zuerst einen Teil seiner österreichischen Mentalität abgelegt – um jetzt dafür zu kämpfen, die amerikanische nach Österreich zu bringen und die Österreicher selbstbewusster und kreativer zu machen.

Du hast 2012 ein StartUp-Center gegründet?

Ja. Mit anderen Österreichern haben wir das Austrian Innovation Center Silicon Valley gegründet. Wir verbinden dabei Startups und Unternehmen aus Österreich mit dem Silicon Valley. Wir veranstalten kleine Konferenzen und Workshops im Silicon Valley mit Vortragenden aus verschiedenen Bereichen, von Startups, grösseren Unternehmen, Venture Kapitalisten, oder Universitäten. Im Mai 2014 brachten wir Sprecher aus dem Silicon Valley, Israel, und sogar Singapore nach Wien um vor Ort ein bisschen den Spirit zu zeigen. 

Mittlerweile haben wir den Namen auf Innovation Center Europe geändert, weil wir sehr viel Interesse von anderen Ländern gesehen haben.

Woher bekommst du die Kontakte?

Ich rede mit Firmen, mit Regierungsstellen. Ich bin mehrmals im Jahr in Österreich, um Kontakte zu pflegen – man kennt uns mittlerweile. Ich verbinde Leute, vernetze mich, schreibe viele Mails. Nach diesem Interview zum Beispiel gehe ich nach Stanford und treffe einen österreichischen Doktoranden im Robotics Lab, am Abend bin ich bei Startups im französischen TechHub in San Francisco.

Ich will das offene Denken in Österreich stärker verankern.

Was willst du damit bezwecken?

Ich war bis zu meinem 28. Lebensjahr in Wien. Ich komme aus einer typischen Arbeiterfamilie. Ich bin im 7. Bezirk ins Gymnasium gegangen, nach der Matura an die TU Wien, habe dort in 4 Jahren mein Studium der technischen Chemie abgeschlossen und dann Doktorat gemacht. Den typischen österreichischen Werdegang.

Mittlerweile bin ich im Silicon Valley, habe in mehreren Ländern gelebt, habe viele Kulturen näher kennengelernt. Ich war beruflich immer in internationalen Teams. Von 10 Leuten haben 9 Personen einen anderen kulturellen Hintergrund gehabt und insgesamt wurden 15 Sprachen gesprochen. Das erfordert ein anderes Denken. Dieses offene Denken will ich auch in Österreich noch stärker verankern helfen.

Wie kommt man als technischer Chemiker in den Softwarebereich?

Ich habe schon als Kind auf dem Commodore64 programmiert. Daher rührt mein Interesse für Software. Und die technische Seite kam von meinem Studium. Also begann ich bei einer IT-Firma in Heidelberg. Ich habe es dort durchgebracht, dass wir unser Team nach Palo Alto (im Silicon Valley in Kalifornien, Anm.) erweitern. Das war eine recht turbulente und spannende Zeit.

Wie waren deine ersten Eindrücke von Amerika?

Ich bin zwei Wochen nach dem 11. September 2001 (Anschläge World Trade Center, Anm.) hingeflogen. Es gab plötzlich mehr Sicherheitschecks, und die waren chaotisch. Es hat in den USA nichts mehr so funktioniert, wie vor den Anschlägen.

Das lustigste Erlebnis war 2001 im November, in San Antonio in Texas: Ich hatte noch keinen kalifornischen Führerschein, das dauerte mit Backgroundchecks etwas länger. Also habe ich bei der Sicherheitskontrolle für einen Inlandsflug meinen österreichischen Reisepass vorgezeigt. Da sagt der Security-Mitarbeiter auf Deutsch, mit Frankfurter Akzent zu mir: “Sie sind der erste Österreicher hier.” Er war vom deutschen Bundesgrenzschutz. Die USA haben befreundete Staaten gebeten, Beamte abzustellen, um ihnen zu helfen, das Security System neu aufzubauen. Da stand ich also in Texas und wurde von einem Beamten des Bundesgrenzschutz aus Frankfurt kontrolliert (lacht).

Gemeinsam fremd in der fremden Welt.

Worin liegt der größte Unterschied zwischen Österreich und dem Silicon Valley?

Eine spannende Frage. Genau damit habe ich mich 2007 in meinem Kabarett-Programm gewidmet.

Warte kurz: Du hast auch noch Kabarett gemacht?

Ja, das Programm hieß “Nix wie Herger in Amerika” und ich sprach über den Vergleich Österreich und Amerika. Der Österreicher – oder Europäer – hat eine gewisse Grundskepsis. Die erste Reaktion ist immer zurückhaltend. Eine neue Idee wird als bedrohlich wahrgenommen. Man investiert also Energie, um vorrangig mal die Fehler zu finden.

In den USA wurde für mich plötzlich alles möglich.

Ich fasse zusammen: Technischer Chemiker, Softwarespezialist, Autor – wieso auch noch Kabarett?

Weil es mich interessiert hat. In Österreich hätte ich mich das nie getraut, da heißt es: Man muss für so etwas geboren sein.

In den USA lautet die Devise: Du kannst alles lernen! Also habe ich mich mit dem Thema Humor beschäftigt, mir Bücher gekauft, bin einem Speaking-Club beigetreten und habe geübt. Ich habe gelernt, wie man eine Rede hält, wie man eine Konferenz moderiert, wie man improvisiert. Es gab einen Humorous-Contest – nichts anderes als Kabarett. In den USA wurde für mich plötzlich alles möglich.

Aber gewisse Dinge kann man doch nicht einfach so lernen. Ich zum Beispiel – ich kann nicht zeichnen. Habe es oft probiert, aber ich habe kein Talent dafür.

Da muss man differenzieren: Talent oder Skill. Talent ist in gewisser Weise etwas Angeborenes. Aber auch hier sagen die Amerikaner: Du kannst das! In den USA spielen die Menschen mit Ideen. Überleg dir mal: Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass ein Dienst erfolgreich sein könnte, mit dem man 140-Zeichen-Messages posten kann? (Twitter, Anm.) Oder, dass ein Glasbläser aus Texas das Zahlungssystem revolutionieren kann? (Square, Anm.) Man stelle sich vor, ein Glasbläser aus Tirol würde das Bankenwesen in Österreich ändern wollen. Auf die Reaktionen wäre ich gespannt. In Amerika kann jeder, der den Willen und die Ausdauer hat, etwas schaffen. Und das ist meine Aufgabe: Wie können wir diesen Spirit nach Österreich bringen?

Ja, wie denn?

Ein Beispiel: Ich bin prinzipiell mit jedem per Du – ich gebe bewusst nichts auf Titel. Auch nicht auf meinen. Es ist egal, was du in der Vergangenheit geleistet hast, das Jetzt zählt. Man muss Respekt vor allen Menschen haben. Und man braucht Flexibilität. Die Infrastruktur unterstützt mich dabei. Wenn ich rund um die Uhr einkaufen kann, muss ich mich nicht in ein enges Korsett von vorgegebenen Bürostunden zwängen. In Amerika kann ich auch am Sonntag einkaufen.

In Österreich sieht man Dinge viel zu oft aus der alten Denkweise. Wir denken, dass das was wir kennen, das Richtige ist. Und das sage ich, als jemand der in einer sozialistischen Familie aufgewachsen ist. Ich verstehe beide Seiten.

Also braucht es dringend andere Strukturen, kein 9-to-5?

Es braucht Arbeitszeiten, die Freiraum lassen. Zum Beispiel sollte man auch in der Nacht arbeiten können, um unter Tags zu studieren. Es gibt viele Jobs in der immer größer werdenden Kreativindustrie – in dieser Branche kann man nicht nur von 9 Uhr bis 17 Uhr arbeiten.

Man kann Kreativität nicht per Gesetz verordnen.

Menschen sind zu unterschiedlichen Zeiten kreativ und produktiv. E-Mails nach 18 Uhr sperren, was soll das? Wie soll man in einem globalen Unternehmen kommunizieren? Ich mag zwar um 6 Uhr Früh in einer Telefonkonferenz mit Europa sein, dafür bin ich um 10 Uhr am Vormittag im Kaffeehaus und lese Zeitungen oder mache Besorgungen. Was letztendlich zählt, ist das Ergebnis – nicht ob mein Körper in einem bestimmten Zeitraum an einem Arbeitsplatz vorzufinden war.

Was schlägst du vor?

Wir müssen gegenüber anderen Modellen toleranter werden. So hat ein Professor (Richard Florida) entdeckt, dass innovative Regionen zugleich große Homosexuellen-Communities haben. Nicht etwa, weil Homosexuelle per se kreativer wären, sondern weil in solchen Gesellschaften mehr Toleranz für Leute mit anderen Lebensstilen, kulturellen Hintergründen und damit auch Ideen vorherrscht.

Erst das Aufeinanderprallen verschiedener Ideen führt zu Innovation.

Also müssen wir lösungsorientierter denken?

Nein! Es wird viel zu schnell in Lösungen gedacht. Dabei wissen wir oft nicht einmal, ob wir das richtige Problem lösen. Beispiel: Du gehst zum Arzt, weil du einen Ausschlag hast. Du wirst eine Creme bekommen. Damit geht der Ausschlag weg – aber nicht das Problem, warum du einen Ausschlag bekommen hast. Man müsste fragen: woher kommt der Ausschlag, warum bekommst du einen Ausschlag? Dann sieht man, dass das Problem ein anderes ist – und es eine andere Lösung braucht.

In Europa werden die negativen Seiten Amerikas oft breit getreten. Warum?

Weil es einfacher ist, sich an den negativen Dingen aufzuhängen. Es heißt ja immer, die Leute in den USA seien zu oberflächlich. Ich muss sagen: Mir ist oberflächliche Freundlichkeit lieber, als ehrlich gemeinter Grant.

Wie gehst du mit Negativität um?

Mit negativer Kritik killt man Kreativität, deswegen bin ich da sehr vorsichtig. Wenn, dann möchte ich das “Ja, und” hören, nicht das “Ja, aber”.

Die meisten Kritiker wollen nur schlau wirken. Zu enthusiastisch oder positiv sein, gilt als naiv.

Kritisieren hingegen soll zeigen, dass man sich damit beschäftigt und die kritischen Punkte entdeckt hat. Man will smart sein. Das ist häufig der Grund vieler Zwischenrufe bei Vorträgen. Eine Kritik ist angebracht, wenn man neue Ideen mitliefert. Plumpes Kritisieren bringt nichts. Das empfinde ich als unehrliche Diskussion. Letztendlich gilt für mich: am Ende meines Lebens will ich zurückschauen können und stolz sein. Ich will stolz sein auf das, was ich bewirkt habe, nicht auf das was ich verhindert habe.

In Österreich und Deutschland spart man nicht gerade mit Kritik.

Das ist das Problem. In den USA machen sie facebook – in Österreich verklagen sie facebook.

So sehr man das Thema Datenschutz auch ernst nehmen muss. Aber ich kenne das. Ich war in Österreich ganz anders. Ich habe in den USA einen totalen Wandel durchgemacht, deswegen verstehe ich das. Deshalb versuche ich, dieses Denken nach Österreich zu bringen, zu zeigen: Schau, es gibt so viel Potenzial! Warum trauen wir uns nicht zu, etwas Großes zu machen? In Österreich gibt es genügend Talente, es gibt Wissen und eine super Ausbildung. Den Leuten muss klar werden, dass jeder Einzelne etwas beitragen kann. Und man darf sich trauen und die anderen dürfen durchaus helfen und sei es mit Feedback.

Wie definierst du Helden und siehst du dich als Held?

Ich sehe mich nicht als Held. Klar, in den USA ist man solche tragenden Begriffe gewohnt. Das Selbstverkaufen ist hier wichtig. Aber es gibt so viele unterschiedliche, tolle Menschen. Da gibt es StartUp-Gründer, die können nicht alleine existieren, also brauchen sie Leute, die sie supporten. Dann gibt es Menschen, die vernetzen, über tolle Ideen sprechen und andere auf diese Ideen aufmerksam machen. Dann gibt es jene, die Leute ausbilden und lehren. Jeder hat seine Rolle und die ist nie fix. Wir springen alle hin und her. Auch ein Steve Jobs konnte nicht alleine im Vakuum operieren. Deshalb ist jeder wichtig.

Hast du einen abschließenden Tipp parat?

Versuche, deine Person als StartUp zu sehen und versuche einen Satz zu finden, der dich treffend beschreibt. Mach einen Pitch über dich.

Mein Satz: I help people to make work more fun.

 

Mehr über Mario Herger:

http://www.enterprisegarage.io/

https://dassiliconvalleymindset.com/

 

Dr. Mario Herger kommt im Juni 2020 ins Römerland Carnuntum:

https://www.clubofrome-carnuntum.at/event/5-zukunftsrat/

Die Energiewende ist längst eingeläutet

Die Energiewende ist längst eingeläutet

In der Industrie finden Technikwandel, Effizienzsteigerung und intelligentere Produktionssteuerung vielfach bereits statt. „planet e.“ zeigt beispielhaft, welche Klimaschutz-Konzepte derzeit schon in deutschen Industriekonzernen und Wirtschaftsunternehmen umgesetzt werden. Mit einem hoch interessanten Interview mit dem Vorsitzenden des Vorstands der VERBUND AG, Wolfgang Anzengruber:

https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-energiewende-20–der-klimaschutz-der-konzerne-100.html

Ebenfalls im Video zu sehen die Generalsekretärin des wissenschaftlichen Beirats der deutschen Bundesregierung in globalen Umweltfragen und Mitglied des Club of Rome, Prof. Dr.in Maja Göpel:

https://www.wbgu.de/de/der-wbgu/geschaeftsstelle/prof-dr-maja-goepel

Kernaussage des Beitrages:
Die Wende gelingt nur gemeinsam! Europas Wirtschaft, Politik und Gesellschaft können die Wende zur Nachhaltigkeit miteinander so gestalten, dass sie zu einem „Gewinn“ für alle wird. Dieses Miteinander leitet uns nicht nur im Forschungsprojekt Römerland Carnuntum 2040, sondern insgesamt im Club of Rome Carnuntum.